Die Chancen für Berufseinsteiger seien im Jahr 2018 gut, sagt der Arbeitsmarktforscher Ulrich Walwei. Deshalb: Mut zum Risiko!

ZEIT Campus: Herr Walwei, wird 2018 ein gutes Jahr für Berufseinsteiger?

Ulrich Walwei: Insgesamt ja. Wegen des demografischen Wandels verlassen viele ältere Menschen den Arbeitsmarkt, während relativ wenige junge ins Berufsleben einsteigen. Die Unternehmen haben es immer schwerer, Stellen zu besetzen. Es gibt einen Wettbewerb um junge Menschen, vor allem um die gut qualifizierten.

ZEIT Campus: Einen Job zu finden ist der erste Schritt. Doch viele können sich nicht mehr sicher sein, dass sie ihn auch behalten. Ihr Institut hat ausgerechnet, dass 42 Prozent aller neu Angestellten 2015 einen befristeten Vertrag hatten.

Walwei: Das stimmt. Und davon sind die Akademiker nicht ausgenommen. Andererseits wurden im selben Jahr rund die Hälfte der befristeten Stellen entfristet. Ich empfehle, gerade beim Einstieg nicht auf die klassische Sicherheit zu setzen, sondern zu überlegen: Was bringt mir diese Station später? Sich für eine befristete Stelle zu entscheiden, bei der man viel lernt, kann langfristig sinnvoller sein als eine unbefristete, bei der man sich nicht weiterentwickelt.

ZEIT Campus: Wie heißt Jobsicherheit unter diesen Bedingungen?

Walwei: Kompetenzen zu haben, die einen nicht nur für eine bestimmte Stelle qualifizieren, sondern in mehreren Bereichen einsetzbar sind. Diese Flexibilität ist ja auch nicht nur Arbeitgebern wichtig: Niemand kann sich sicher sein, dass er seinen Job heute noch ein Leben lang machen will.

ZEIT Campus: Welche Studiengänge empfehlen Sie jemandem, der besonders viel Wert auf Sicherheit legt?

Walwei: Wichtig ist, dass man überhaupt ein Hochschulstudium oder eine anerkannte Ausbildung abgeschlossen hat. Denn unsere Untersuchungen zeigen: Das ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit, und das gilt für alle Fächer.

ZEIT Campus: Aber finden, sagen wir mal, Sinologen wirklich genauso schnell einen Job wie Ingenieure?

Walwei: Vielleicht nicht genauso schnell, aber sie finden einen Job, wenn sie flexibel sind. In unserem Institut arbeitet eine Sinologin. Sie kümmert sich um Finanzen und Planung. Das zeigt: Auch Menschen, die etwas Exotisches studiert haben, sind vielseitig einsetzbar.

ZEIT Campus: Und wenn sie lieber genau das machen wollen, womit sie sich an der Uni beschäftigt haben?

Walwei: Dann müssen sie zwar etwas spezieller suchen als BWL- oder Jurastudenten, schon im Studium Praktika machen und Kontakte knüpfen, die ihnen später Türen in ihre Branche öffnen. Aber unsere Untersuchungen zeigen, dass auch die Absolventen von Studiengängen, bei denen man nicht sofort erkennt, wohin das später gehen soll, ihren Weg finden. Auch wenn er nicht immer geradlinig ist.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/18.

ZEIT Campus: Welche Absolventen werden besonders gefragt sein?

Walwei: Es bringt nichts, sich durch ein Studium zu quälen, nur weil es statistisch die besten Beschäftigungschancen bietet. Es ist wichtiger zu überlegen, was einem Freude macht und welche Neigungen man hat. Natürlich würde sich die Wirtschaft wünschen, dass sich mehr junge Menschen für technische Studiengänge interessieren. Die Kombination aus Technik und Wirtschaft ist stark gefragt, daher stehen zum Beispiel Wirtschaftsingenieuren viele Türen offen. Aber auch Kulturwissenschaftler haben viele Möglichkeiten, vor allem wenn sie ihr Studium mit Wirtschaftswissenschaften kombinieren. Durch die Globalisierung und den internationalen Handel sind beide Bereiche gefragt. Besonders aussichtsreich sind die Studiengänge, die neue Technologien vermitteln.

ZEIT Campus: Stichwort Digitalisierung: Eine Studie der Boston Consulting Group kam zu dem Schluss, dass im Jahr 2025 Computer und Maschinen 40 Prozent aller heutigen Tätigkeiten im Beruf verrichten werden .

Walwei: Das dürfte zu hoch gegriffen sein. Aber natürlich wird die Digitalisierung die Arbeitswelt massiv verändern. Ausbildungsberufe werden dabei stärker betroffen sein als Jobs von Akademikern. Letztere üben weniger Routinetätigkeiten aus, die von Maschinen erledigt werden könnten. Ärzte und Juristen werden etwa viel mehr mit Informationen arbeiten, die durch künstliche Intelligenz zustande gekommen sind. Andererseits werden Felder wichtiger, in denen der Mensch mehr kann als die Technik: Jobs, in denen wir in Teams arbeiten, soziale Kompetenzen brauchen oder kreativ sind.

ZEIT Campus: Das heißt, ausgerechnet Künstler und Journalisten, die Sorgenkinder des Arbeitsamts, sind in Zukunft sicher vor digitaler Verdrängung?

Walwei: Künstler kann man nicht durch Maschinen ersetzen. Was Journalisten angeht: Schon heute können ganze Sportberichte von Maschinen geschrieben werden. Aber im Bereich des Qualitätsjournalismus, wo es in eine Tiefe geht, die Maschinen nicht erfassen können, gibt es viel Raum. Und das gilt für die ganze Berufswelt.