Hauke und Nina arbeiten in derselben Firma. Außerdem sind sie ein Paar. Bei der Arbeit halten sie ihre Beziehung seit vier Jahren geheim.

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Mit einer Kollegin was anzufangen sei für ihn ein absolutes No-Go, sagte Hauke zu mir. Es war an einem Samstagabend, wir saßen in einer Bar und waren angetrunken. Seit ein paar Monaten arbeiteten wir in derselben Firma. Er in der Presseabteilung, ich als Projektmanagerin. Wir waren schon öfter spontan nach der Arbeit was essen gegangen oder in den Park. Heute trafen wir uns zum ersten Mal nur privat.

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Ein halbes Jahr vor unserer Verabredung in der Bar saß Nina auf unserem Büroflur und wartete auf ihr Vorstellungsgespräch. Sie fiel mir sofort auf. Nina trug eine dunkle Hose, und ihre grünen Augen waren dezent geschminkt. Im Vorbeigehen lächelte sie mich an. Ich dachte: "Wow, was macht diese Frau hier?!"

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Liebe auf den ersten Blick war es für mich nicht. Das mit uns hat sich langsam entwickelt. Wir arbeiten in einem kleinen Unternehmen, insgesamt sind dort nur ein paar Dutzend Leute tätig. Da lernt man sich schnell kennen. Hauke hat einen Humor, den nicht jeder versteht. Ich musste immer über seine Scherze lachen. Mit der Zeit freute ich mich, ins Büro zu gehen und Hauke dort zu sehen. Und ich fing an, richtig viel Espresso zu trinken. Weil neben der Küche mit der Kaffeemaschine sein Büro liegt.

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Auf dem Weg zur Kantine komme ich an vielen Büros vorbei. Aber nur bei Nina blieb ich jedes Mal stehen. Wenn ich mich nicht irre, kam sie in dieser Zeit auch auffällig oft bei mir vorbei. Jedes Mal, wenn ich den Sound der Kaffeemaschine hörte, dachte ich: "Das ist bestimmt Nina!" Immer öfter fuhren wir nach der Arbeit gemeinsam nach Hause. Bis wir uns schließlich für diesen Samstagabend verabredeten.

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Obwohl noch gar nichts zwischen uns passiert war, zählte mir Hauke an dem Abend viele Gründe auf, warum das mit uns beiden keine gute Idee wäre: Was sollen die Kollegen denken? Und wenn es in die Brüche geht? "Aber ein bisschen tragisch ist es ja schon", sagte er. Ich hörte ihm gar nicht richtig zu. Stattdessen schaute ich nur auf seinen Mund. Seine vollen Lippen waren mir schon in den Konferenzen aufgefallen. Und dann habe ich ihn einfach geküsst.

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Später sagte Nina mir, ich hätte behauptet, mit einer Kollegin würde ich nie etwas anfangen. Daran kann ich mich nicht erinnern. Gewünscht habe ich mir eine Beziehung bei der Arbeit jedenfalls nicht. Rumgeknutscht haben wir in der Bar trotzdem. Aber dann rief ich ihr ein Taxi. Ich glaube, sie fand es auch cooler, es langsam anzugehen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/18.

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Am liebsten wäre ich gleich mit ihm nach Hause gegangen. Als er mich ins Taxi setzte, war ich etwas enttäuscht. Am nächsten Morgen schickte Hauke mir ein Foto von zwei Kondensstreifen am Himmel, die sich kreuzen. Er schrieb: "Signs from above?" Wir verabredeten uns wieder. Für mich war klar, dass wir jetzt zusammen sind. Ein paar Wochen später haben wir auch darüber gesprochen.

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Wir beschlossen, das mit uns bei der Arbeit geheim zu halten. Wir hatten keine Lust, dass die Kollegen darüber reden. Schwer fiel uns das nicht. Heimlich auf dem Büroklo geknutscht haben wir nie.

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Ich glaube, für Hauke war es wichtiger als für mich, es geheim zu halten. Ich fand es aber auch gut. So blieb das eine Sache zwischen uns. Um die Beziehung im Büro zu vertuschen, werden wir richtig kreativ: Der eine steigt morgens zwei Stationen früher aus der Bahn aus, abends gehen wir zu unterschiedlichen Uhrzeiten.

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Trotzdem haben wir oft überlegt, ob die anderen etwas merken. Zum Beispiel weil wir immer zu ähnlicher Zeit Urlaub genommen haben. Vier Jahre geht das nun schon so. Freunde sagen, wir seien verrückt. Aber ich glaube, ohne diese Abmachung wären wir vielleicht nicht mehr zusammen. Wenn wir bei der Arbeit jede Minute als Pärchen verbracht hätten, hätte uns das bestimmt schnell genervt. Jetzt überlegen wir, zusammenzuziehen. Spätestens dann sollte sich einer von uns einen neuen Job suchen.

Ein Moment, zwei Perspektiven: Laura Cwiertnia fragt für jede Ausgabe zwei Menschen unabhängig voneinander nach einem Erlebnis. Hauke und Nina heißen in Wirklichkeit anders, wollen aber nicht erkannt werden. Auch was zu erzählen? Schreib an laura.cwiertnia@zeit.de