Konzern? Start-up? Nö: Viele Studenten wollen in den öffentlichen Dienst. Dort seien die Jobs sicher, heißt es. Aber das stimmt oft gar nicht.

Die Stellenzusagen kamen fast gleichzeitig. Erst rief das Amt aus Essen an, Glückwunsch, Herr Lupczyk, Sie sind unser Mann! Als er aufgelegt hatte, sah Michael Lupczyk, 32, dass auch die Dortmunder Nanotechnikfirma versucht hatte, ihn zu erreichen. Er war gerade fertig mit seinem Master in Medizintechnik der Hochschule Gelsenkirchen und hatte die freie Wahl: Privatwirtschaft oder Staatsdienst?

Michael Lupczyk schrieb eine Liste mit Vor- und Nachteilen. Während des Studiums hatte er als Werkstudent bei einem Handyhersteller gearbeitet. 20 Stunden in der Woche laut Vertrag, in Wahrheit waren es teilweise deutlich mehr. "Sogar an einem Feiertag war ich in der Firma, weil wir ein Projekt fertigbekommen mussten", sagt er. Bei der Dortmunder Firma wäre es wahrscheinlich ähnlich gewesen: viel Arbeit, lange Schichten, ständige Reisen. "Am Anfang ist das spannend, aber auf Dauer nicht zu verkraften", sagt Michael Lupczyk, "und auch nicht familienfreundlich."

Das war ein Pluspunkt für die Behörde: Sie versprach geregelte Arbeitszeiten, dazu erhoffte sich Michael Lupczyk Sicherheit. "Dass die Landesregierung pleitegeht oder ihren Standort ins Ausland verlagert, ist nicht zu erwarten", sagt er. Aber wer garantiert das schon bei einem Nano-Unternehmen?

Nur ein Satz im Stellenangebot des Amts ließ Lupczyk zögern: Es sei beabsichtigt, ihn nach erfolgreich absolvierter Anwärterlaufbahn als Beamten zu übernehmen. Beabsichtigt? Nicht mehr? Er rief die Personalabteilung an, die beruhigte ihn: Die Stelle sei fest eingeplant. Eine Standardformulierung, keine Sorge. Lupczyk sagte zu.

Die meisten Studentinnen und Studenten denken heute wie Michael Lupczyk. 67 Prozent der Uni- und 71 Prozent der FH-Studenten erwarten von ihrem künftigen Job vor allem Sicherheit. Das zeigt der aktuelle Studierendensurvey, eine Befragung, die regelmäßig im Auftrag des Bundesbildungsministeriums an den Hochschulen durchgeführt wird. Ein verlässlicher Job ist den Studenten demnach sogar wichtiger als ein hohes Einkommen und gute Aufstiegsmöglichkeiten. Nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für Studenten noch entscheidender als ein sicherer Job.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/18.

Ein bemerkenswerter Kulturwandel, wenn man eine Generation zurückschaut: In den Achtzigern war es nur einem Drittel der Studenten wichtig, dass ihre spätere Tätigkeit sicher ist. Stattdessen kam es ihnen auf Abwechslung im Job an, auf Selbstständigkeit. Der Wandel dürfte mit dem Arbeitsmarkt zu tun haben, der heute als rauer und unberechenbarer gilt. Dauerpraktika, Zeitverträge und Leiharbeit verbreiten ein Gefühl von Unsicherheit.

Der Staat erscheint da vielen als sicherer Hafen, in den man sich vor dem stürmischen Markt retten kann. Rund die Hälfte aller Studenten können sich laut Studierendensurvey vorstellen, nach ihrem Abschluss im öffentlichen Dienst anzufangen. Anfang der Neunziger waren es deutlich weniger. Und in den Befragungen des Trendence- Instituts galt die Autoindustrie lange als beliebtester Arbeitgeber, heute ist es das Amt.

Das Bild in den Köpfen: Wer beim Staat unterschreibt, wird lange bleiben. Einmal eingestellt, wird man nie wieder entlassen. Und nicht nur der Job ist sicher, auch der Feierabend. Wer für den Staat arbeitet, kann um 15 Uhr den Laptop zuklappen. Spätestens um 16 Uhr.

Doch stimmen diese Bilder? Oder ist das ein Klischee: der sichere Staatsdienst, die unsichere freie Wirtschaft?

Christian Moog, 32, hat gerade seine Prüfungen hinter sich. Psychologie, Zivilrecht, Staatsrecht, Beamtenrecht. Seit Juli 2017 studiert er für den Staatsdienst, die Stationen wechseln. Zuerst war er an der Hochschule des Bundes in Brühl bei Köln, seit Januar lernt er in Lübeck an der Polizeiakademie. Es ist ein anstrengendes Studentenleben. "Doch verglichen mit früher wirkt es manchmal regelrecht erholsam", sagt er.

Denn Moog arbeitet seit zehn Jahren bei der Bundespolizei. Er war unter anderem dafür zuständig, Fußballspiele zu sichern. Wenn Eintracht Frankfurt spielte, mussten er und seine Kollegen aus Koblenz anreisen und aufpassen, dass besoffene Fans nicht randalierten, die Zuschauer sicher vom Bahnhof zum Stadion kamen und zurück. Ein Job, der oft den Feierabend sprengte. Wenn es kracht, können Polizisten schlecht nach Hause gehen. "Dass solche Einsätze 12 bis 13 Stunden dauern, ist normal", sagt Moog. Und so türmten sich die Überstunden, die er vor sich herschob, um die 80 waren es manchmal. Moog engagiert sich als Jugendvertreter bei der Polizeigewerkschaft GdP und weiß, dass seine Überstunden im Vergleich zu anderen Polizisten noch überschaubar sind. "Es gibt Kollegen, die 300 bis 400 Stunden angehäuft haben, die sie unmöglich abfeiern können."