Die Großwetterlage am Arbeitsmarkt ist günstig für Hochschulabsolventen. Allerdings: So, wie es beim Wetter eine Rolle spielt, ob du gerade in Freiburg oder auf Norderney bist, kommt es auch beim Arbeitsmarkt auf Einzelheiten an: zum Beispiel darauf, welches Fach du studiert und welchen Abschluss du hast. Auf den folgenden Seiten findest du die wichtigsten Infos zum Arbeitsmarkt – von der Suchdauer bis zum Thema Befristung.

1. Wie stehen die Chancen für Hochschulabsolventen?

"Wer studiert hat, hat sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Daran hat auch die steigende Zahl von Hochschulabsolventen bisher nichts geändert. Nur 2,6 Prozent der Menschen mit Hochschulabschluss sind arbeitslos gemeldet. Die allgemeine Arbeitslosenquote liegt mit gut sechs Prozent deutlich darüber. Bei Medizinern, Psychologen, Informatikern und Ingenieuren herrscht derzeit Vollbeschäftigung. Besonders gefragt sind auch Wirtschaftswissenschaftler und Lehrer. Außerdem ist die Nachfrage nach Sozialarbeitern und Sozialpädagogen gestiegen, man braucht sie für die Integration der Geflüchteten. Sprach-, Kultur- und Geisteswissenschaftler müssen dagegen wie schon in der Vergangenheit flexibel sein, denn es gibt nur wenige Stellen, die genau den Qualifikationen entsprechen, die sie im Studium erworben haben."

Anja Warning, 46, ist Arbeitsmarktforscherin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

2. Wie lange dauert es bis zum ersten Job?

Durchschnittlich dreieinhalb Monate vergehen, bis Hochschulabsolventen nach dem Abschluss ihre erste Stelle antreten, hat eine Studie ergeben. Länger als der Durchschnitt suchen unter anderem die Geisteswissenschaftler, kürzer die Informatiker, Bauingenieure und Architekten.

3. Gelingt der Berufsstart mit Bachelor?

Erst wollte die Wirtschaft unbedingt, dass Akademiker in Deutschland jünger ins Berufsleben starten. Als die Absolventen mit Bachelor auf den Markt kamen, war die Skepsis jedoch groß. Bei einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags gab nur knapp die Hälfte der Firmen an, dass die Bachelorabsolventen ihre Erwartungen erfüllen. Besonders häufig kritisierten die Unternehmen den mangelnden Anwendungsbezug der Studieninhalte. Außerdem wünschten sie sich bessere methodische Fähigkeiten, aber auch bei der persönlichen Entwicklung und den sozialen Kompetenzen sahen sie Nachholbedarf. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt allerdings, dass Bachelors trotzdem eingestellt werden. Besonders häufig beschäftigen Unternehmen demnach Wirtschaftswissenschaftler mit Bachelor, gefolgt von Ingenieuren. Die Experten vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung haben herausgefunden, dass sich Bachelors eineinhalb Jahre nach Studienende häufiger in einer Tätigkeit wiederfinden, die ihrer Ansicht nach keinen Hochschulabschluss erfordert, als ihre Kollegen mit Master. Ein Drittel der Uni-Bachelors sagten das über sich. Auf der anderen Seite fanden 20 Prozent der Uni-Bachelors, dass man für ihren Job eigentlich einen höheren Abschluss bräuchte. Wer mit dem Bachelor in den Beruf starten und später den Master machen will, kann das oft auch, ohne seinen Job aufzugeben. Laut IW ermöglicht knapp die Hälfte der Unternehmen, den Master berufsbegleitend zu machen.

4. Wer startet besser, Uni- oder FH-Absolventen?

"Das lässt sich gar nicht so leicht sagen: FH-Absolventen verdienen anfangs besser als Uni-Abgänger. Außerdem gilt: Bachelorabsolventen, die von der FH kommen, tun sich leichter, eine Stelle zu finden, als ihre Kollegen von der Uni. Aber daraus zu schließen, dass jemand, der seinen Abschluss an einer FH gemacht hat, grundsätzlich die besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, wäre falsch. Uni-Absolventen gehen nach dem Ende des Studiums häufiger in eine Weiterbildungsphase wie ein Referendariat oder eine Facharztausbildung, oder sie entschließen sich zu promovieren. Danach verdienen sie oft mehr als ihre Kommilitonen von der FH. Das lässt sich aber auch wieder nicht verallgemeinern, denn es gibt ja noch den Einfluss der verschiedenen Fachrichtungen. Beispielsweise bekommen Ingenieure von der FH im Durchschnitt mehr Gehalt als Sozialwissenschaftler von der Uni. Bei allem Vergleichen sollte man aber nicht vergessen: Egal, ob der Abschluss von der FH oder von der Uni stammt – mit einem Studium hat man gute Startbedingungen."

Gregor Fabian, 44, erforscht am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung die Werdegänge von Absolventen.

5. Wie oft wird befristet?

In Deutschland hat etwa jeder zehnte Akademiker einen Job mit Verfallsdatum. Bei Neueinstellungen liegt der Anteil höher, wie eine Unternehmensbefragung zeigt. In vier von zehn Fällen, in denen ein Akademiker neu eingestellt wird, ist die Stelle befristet.

6. Einmal befristet, immer befristet?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 1/2018.

"Nein. Die Situation entspannt sich mit der Zeit. Bei Uni-Absolventen geht der Wechsel auf eine feste Stelle häufig mit einem neuen Arbeitgeber einher. FH-Absolventen wechseln dagegen oft beim selben Unternehmen von einer befristeten auf eine unbefristete Stelle. Es kommt allerdings auch darauf an, wo man arbeitet. Im öffentlichen Dienst und im Non-Profit-Sektor sind Befristungen häufiger als in der Privatwirtschaft. Und wer beschließt, in der Wissenschaft zu bleiben, muss sich auf eine Befristungskarriere gefasst machen. Dort haben selbst in der Gruppe der 45- bis 55-Jährigen noch 17 Prozent eine befristete Stelle. Studien zeigen, dass ein befristeter Start keine langfristigen Nachteile mit sich bringt. Die Karriereverläufe von Arbeitnehmern, die befristet eingestiegen sind, unterscheiden sich nach fünf Jahren nicht wesentlich von denen, die auf einer festen Stelle angefangen haben."

Christian Hohendanner, 40, arbeitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

7. Was kann ich tun, wenn ich nichts finde?

Vielleicht liegt es daran, dass du dort gesucht hast, wo alle suchen: bei den großen und bekannten Unternehmen. Fast 60 Prozent der Arbeitsplätze gibt es laut Bundeswirtschaftsministerium aber in mittelständischen Betrieben. Dazu gehören Familienunternehmen genauso wie Start-ups. Manche Mittelständler sind nur in ihrer Region bekannt, andere Weltmarktführer in ihrem Segment. Sie sitzen oft in der Provinz, sind aber deshalb nicht zwangsläufig provinziell. Viele haben internationale Standorte. Mittelständler bemühen sich oft intensiv um Nachwuchskräfte, zum Beispiel indem sie familienfreundliche Arbeitszeiten bieten.

8. Bringt ein Umzug was?

Über die Hälfte der Absolventen sind bereit, für eine interessante Stelle umzuziehen, zumindest für eine begrenzte Zeit. Das kann sich durchaus lohnen, denn die Nachfrage nach Arbeitskräften fällt je nach Region unterschiedlich aus. Besonders niedrig ist die Arbeitslosenquote für Akademiker im Süden Deutschlands, über dem bundesweiten Durchschnitt liegt sie hingegen in den östlichen Bundesländern. Wer seinen Suchradius erweitern will, sollte dabei auch berücksichtigen, in welche Branche er gerne möchte. Denn einige Regionen und Städte sind besonders bekannt dafür, Standort für bestimmte Industrien zu sein. In Frankfurt am Main gibt es zum Beispiel viele Finanzdienstleister, in Baden-Württemberg ballen sich die Autoindustrie und ihre Zulieferer, und in Berlin tummeln sich viele Kreative.

9. Wie sind die Chancen im öffentlichen Dienst?

"Viele Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst gehen in den nächsten drei bis fünf Jahren in den Ruhestand. Die Chancen dort sind deshalb zurzeit richtig gut. Das gilt auch für Quereinsteiger von Unis und FHs. Besonders gebraucht werden Ingenieure, Informatiker, Mediziner und Experten für soziale Berufe. Aber auch für Wirtschaftsinformatiker, für Betriebs- und Volkswirte und für alle, die sich mit Statistik auskennen, gibt es viele Stellen.

Bachelorabsolventen werden ebenfalls gesucht, der höhere Dienst steht ihnen aber nicht offen. Die freie Wirtschaft zahlt zwar teils besser als der öffentliche Dienst. Dieser bietet dafür geregelte Arbeitszeiten und eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Stellen findet man zentral auf interamt.de und auf den Jobportalen von kommunalen Landesverbänden und Ländern.

Ein Praktikum im öffentlichen Dienst erhöht die Chancen. Auch soziales Engagement kommt gut an, etwa bei der freiwilligen Feuerwehr oder im Sportverein. Damit zeigt man, dass einem das Gemeinwohl wichtig ist."

Claudia Zempel, 51, arbeitet beim Städteverband Schleswig-Holstein.