Viele halten ein geisteswissenschaftliches Studium für nutzlos. Tatsächlich kann der Berufseinstieg manchmal holprig sein, aber wer flexibel ist, hat gute Chancen.

Beim Einstieg ins Berufsleben müssen Geisteswissenschaftler einfallsreich sein. Stellenanzeigen, in denen explizit Historiker, Anglisten oder Theaterwissenschaftler gesucht werden, gibt es kaum. Das heißt aber nicht, dass Geisteswissenschaftler keine Jobs finden – es dauert bei ihnen nur etwas länger. 2,8 Prozent der Geisteswissenschaftler sind arbeitslos gemeldet, das entspricht in etwa der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit bei Akademikern (2,6 Prozent). Es gibt allerdings Unterschiede zwischen den Fächern. Bei den Historikern liegt die Arbeitslosenquote bei 4,8 Prozent, bei den Sprach- und Literaturwissenschaftlern dagegen bei 2,8 Prozent.

Einen passenden Beruf zu finden ist für Geisteswissenschaftler mit einem Masterabschluss leichter als mit dem Bachelor. Eine Befragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ergab, dass fünf Jahre nach dem Studienabschluss ein gutes Drittel der geisteswissenschaftlichen Bachelorabsolventen Jobs hatten, die weder fachlich noch vom Niveau her ein Studium erfordern, also zum Beispiel einen Job im Sekretariat oder als Sachbearbeiter. Bei den Masterabsolventen lag der Anteil dieser sogenannten inadäquaten Beschäftigung nur bei 14 Prozent. "Langfristig finden die meisten Geisteswissenschaftler eine adäquate berufliche Stellung, aber es dauert bei vielen einige Jahre", sagt Kolja Briedis, Absolventenforscher am DZHW. Zehn Jahre nach dem Ende des Studiums hätten rund 90 Prozent der Absolventen eine Stellung erreicht, die ihrem Studienabschluss entspricht.

Etwa die Hälfte der Absolventen arbeitet in den Bereichen Kultur, Medien und Bildung. Jeder fünfte Absolvent arbeitet freiberuflich. Viele tun das nicht freiwillig, sondern weil sie in Branchen tätig sind, die wenige Festanstellungen bieten. Für Lektoren, Autoren und Dozenten ist die Selbstständigkeit inzwischen der Normalfall.

Außerhalb der klassischen Einsatzfelder finden Geisteswissenschaftler überall dort Arbeit, wo es um Kommunikation und Informationsvermittlung geht, egal, ob in Unternehmen, Behörden, Parteien, Forschungsinstituten und Nichtregierungsorganisationen. Was viele nicht wissen: Auch große Industriekonzerne wie Siemens beschäftigen Geisteswissenschaftler, zum Beispiel in ihren Kommunikations- und Personalabteilungen, im Marketing oder im Projektmanagement.

Bei einer guten Konjunktur, wie sie aktuell herrscht, sei es für Geisteswissenschaftler leichter, den Sprung in eine atypische Laufbahn zu schaffen, sagt Briedis: "Wenn die Wirtschaft boomt, sind Arbeitgeber offener für Seiteneinsteiger. Davon können Geisteswissenschaftler profitieren, wenn sie flexibel sind und bereit, sich in neue Themen einzuarbeiten."

Fachnah oder fachfremd?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 1/2018.

"Am Ende meines Studiums bin ich unruhig geworden. Ich habe Germanistik und Linguistik studiert und wusste, ich muss mich bewegen, damit es mit dem Berufseinstieg klappt. Als Erstes habe ich nach Verlagen in Hamburg gesucht. Als ich die Ausschreibung für ein Lektoratsvolontariat bei Hörbuch Hamburg gesehen habe, dachte ich: Probier es! Auch wenn ich selbst noch nie etwas im Hörbuchbereich gemacht habe. Immerhin kannte ich die tägliche Verlagsarbeit aus meinem zweimonatigen Praktikum beim Ullstein Taschenbuch-Verlag. Dort hatte ich schon mit Manuskripten gearbeitet und Gutachten geschrieben. Die Bewerbung für den HörbuchVerlag war meine erste, und es hat geklappt! Da hatte ich richtig viel Glück. Ich denke, sie fanden, dass ich ins Team passe.

Beim Hörbuch arbeiten wir meist mit fertigen Texten, die dann zwar gekürzt, aber nicht mehr groß verändert werden. Dafür frage ich mich: Welche Stimme passt zum Text? Ich muss Termine mit Tontechnikern machen und den Projektablauf planen. Wie das alles geht, habe ich von den Kollegen gelernt. Jetzt betreue ich eigene Projekte und arbeite an der Produktion von mehreren Hörbüchern parallel. Abends nach Feierabend lese ich neue Manuskripte. Manchmal muss ich mich auch mit Texten auseinandersetzen, die mir persönlich nicht so gefallen. Dafür gibt es aber auch Highlights: Meines war, als ich an einem Hörbuch meines Herzensautors Haruki Murakami mitarbeiten durfte – richtig geil."

Jonathan Schaller, 27, hat Germanistik und Linguistik studiert. Als er den Volontariatsplatz bekam, musste er noch seine Bachelorarbeit zu Ende schreiben.

"Dass ich jetzt Beraterin bei McKinsey bin, habe ich auch einem Aufruf im Mailverteiler meiner Universität zu verdanken, über den zu einer Karriereveranstaltung eingeladen wurde. Ich bekam einen Platz, lernte Berater und deren Arbeit kennen und habe mich dann für ein dreimonatiges Praktikum beworben. Zum Ende der Praktikumszeit wurde mir eine Stelle angeboten. Lange nachdenken musste ich nicht, obwohl es bis zu meinem Masterabschluss noch ein Jahr dauerte.

Eigentlich hatte ich überlegt, etwas in Richtung Politik zu machen. Ich habe Journalismus in Kent, International Relations in London und International Security in Paris studiert. Ein Jahr habe ich in der Öffentlichkeitsarbeit des Nato-Hauptquartiers gearbeitet, außerdem habe ich Praktika bei Medien, der Europäischen Kommission und beim Auswärtigen Amt gemacht. Aber das Angebot war eine super Gelegenheit: Man bekommt als junger Mensch anspruchsvolle Aufgaben, kann international arbeiten, verschiedene Themen und Industrien kennenlernen, darunter den öffentlichen Sektor, und wird intensiv gefördert.

Trotzdem war der Einstieg in die Beratung ein Einschnitt. Eine mathematische Gleichung hatte ich das letzte Mal in der Schule angefasst. Aber für Geisteswissenschaftler gibt es bei McKinsey Trainings und Fortbildungen. Und: Ich war immer schon ein neugieriger Mensch. Etwas anderes zu machen als das, was ich im Studium gelernt habe, ist für mich daher nicht schlimm, sondern spannend."

Laura Hartmann, 27, ist gern im Ausland und findet es gut, dass sie als Beraterin auch an Projekten in anderen Ländern arbeiten kann.

Mit den Chancen von Geisteswissenschaftlern in der Wirtschaft befasst sich die Seite geisteswirtschaft.de

Protokolle: Aufgezeichnet von Tina Pokern