Worauf es beim eigenen Start-up ankommt, erklärt die Gründerin Mengting Gao

ZEIT Campus: Mengting, vor vier Jahren hast du mit deiner Mitbewohnerin Verena Hubertz das Start-up Kitchen Stories gegründet, ihr produziert eine Koch-App mit Erklärvideos. 14 Millionen Menschen haben sich die App inzwischen runtergeladen, und ihr beschäftigt 30 Angestellte. Was rätst du Leuten, die überlegen, ob sie gründen sollen?

Mengting Gao: Die Begeisterung für eine Idee darf nicht dazu führen, dass man sich über die Marktchancen täuscht. Ein Produkt kann noch so genial sein, wenn der Markt dafür nicht groß genug ist, wird es scheitern. Man muss sich von Ideen auch verabschieden können.

ZEIT Campus: Hast du das schon mal getan?

Mengting: Oh ja. Meine Mitgründerin Verena und ich haben viel Zeit in unsere erste Idee investiert: eine Burrito-Kette in Berlin. Wir waren dafür extra dorthin gezogen, hatten Gäste in Texmex-Läden gezählt und auf ihre Teller gelugt. Wir hatten einen Businessplan und viel vor. Aber am Ende ließen wir es sein.

ZEIT Campus: Warum?

Mengting: Für eine hippe Lage fehlte uns das Geld. Ohne hippe Lage gibt es aber keinen hippen Laden und damit nicht die Gäste, die wir wollten.

ZEIT Campus: Aber gründen wolltest du trotzdem. Wieso?

Mengting: Ich hatte einfach irre Bock, etwas Eigenes aufzubauen. Während meines BWL-Studiums habe ich ein Praktikum in einem Start-up gemacht. Ich habe es dort sofort geliebt, alles war neu, aufregend, nichts war eingefahren.

ZEIT Campus: Womit habt ihr es dann versucht?

Mengting: Verena und ich haben ein gutes Dutzend Ideen entwickelt. Kitchen Stories war einer unserer Favoriten. Wir haben mit sehr vielen Leuten darüber geredet: mit potenziellen Investoren, mit anderen Start-up-Gründern, mit Freunden, Kommilitonen und Ehemaligen von unserer Universität.

ZEIT Campus: Hattet ihr keine Angst, dass euch jemand die Idee klaut?

Mengting: Das Risiko mussten wir eingehen. Geheimniskrämerei hätte uns geschadet, denn dann hätten wir kein Feedback bekommen. Ich kann nur raten: Sprecht über eure Ideen!

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 1/2018.

ZEIT Campus: Wie waren die Reaktionen?

Mengting: Sehr kritisch.

ZEIT Campus: Warum?

Mengting: Ein Punkt, der immer wieder genannt wurde, war, dass wir auf dem Gebiet keine Erfahrung hatten. Wir konnten einfach noch nichts vorzeigen.

ZEIT Campus: Wieso habt ihr euch entschieden, es trotzdem zu versuchen?

Mengting: Es gab ja auch viele Gründe, die dafür gesprochen haben. Einer davon war: Der potenzielle Markt war riesig. Jeder muss essen.

ZEIT Campus: Aber die Konkurrenz war groß. Neu ist die Idee einer Koch-App in Zeiten von Koch-Blogs und chefkoch.de nicht.

Mengting: Als Gründer musst du das Rad nicht neu erfinden. Du musst den Markt kennen und wissen, in welche Lücke deine Idee stößt. Das war bei uns der Fall.

ZEIT Campus: Inwiefern?

Mengting: Verena und ich lieben beide gutes Essen. Aber Verena, die damals noch kaum kochen konnte, reichten die Anleitungen auf den gängigen Plattformen oft nicht aus. Für uns war klar: Das ist unsere Lücke! Wir wussten einfach: Das können wir nicht nur viel besser machen, sondern auch viel ästhetischer!

ZEIT Campus: Und die Einwände?

Mengting: Wir haben die Argumente dafür und dagegen abgewogen und sind zu dem Schluss gekommen, dass der Versuch lohnt. Man braucht als Gründer eben nicht nur den Mut, eine Idee fallen zu lassen, sondern auch das Selbstbewusstsein, etwas zu starten, obwohl es Gegenargumente gibt, denn die wird es immer geben.

ZEIT Campus: Mit eurem Businessplan konntet ihr zunächst keine Investoren gewinnen. Wie habt ihr das Start-up finanziert?

Mengting: Das Geld haben wir uns von unseren Familien und von Freunden geliehen. Ich habe sogar mein Auto verkauft. So kamen wir auf ein Startkapital von 25.000 Euro. Wir gründeten eine GmbH, heuerten einen Entwickler an und produzierten die ersten hundert Rezepte.

ZEIT Campus: Hattest du schlaflose Nächte? Plötzlich ging es um das Geld deiner Familie.

Mengting: Ich sah das eher als Ansporn: Diese Menschen werde ich nicht enttäuschen! Und: Wir kamen ja direkt aus dem Studium, das war der ideale Zeitpunkt zum Gründen.

ZEIT Campus: Wieso das?

Mengting: Wir hatten keinen hohen Lebensstandard, keine Kreditschulden, keine Kinder. So weich fällt man nie wieder. Selbst wenn wir gescheitert wären: 12.500 Euro zurückzuzahlen hätte jede von uns irgendwann geschafft. Schlaflose Nächte hatten wir aber trotzdem.

ZEIT Campus: Warum?

Mengting: Wir haben wie blöd rangeklotzt. Da war es gut, dass ich zusammen mit meiner Mitbewohnerin gegründet habe: Wenn wir um zwei Uhr nachts die Bürotür abgeschlossen hatten, konnten wir entweder gemeinsam nach Hause gehen oder noch auf einen Drink. Das würde ich jedem Gründer raten: Hol dir einen Mitgründer ins Boot, dem du blind vertraust.

ZEIT Campus: Eure App schoss durch die Decke, vor allem, weil Apple euch mit einem Design-Award ausgezeichnet und im App-Store ganz oben platziert hat. Für die Anschlussfinanzierung habt ihr 1,5 Millionen Euro Fremdkapital eingesammelt. Warum klappte es auf einmal?

Mengting: Es gab nun ein vorzeigbares Produkt, und die Investoren sahen, dass wir wirtschaftlich handeln konnten. Bis heute ist es eine unserer Strategien, technologische Entwicklungen ganz früh mitzumachen. Sobald es ein neues Betriebssystem oder Gerät gibt, soll man unsere App darauf nutzen können.

ZEIT Campus: Wenn Kitchen Stories gescheitert wäre: Wäre das Gründen für dich erledigt gewesen?

Mengting: Ich glaube nicht. Ich vermute, dass ich erst einmal in einem anderen Start-up mitgearbeitet hätte, um es dann früher oder später noch einmal zu versuchen.