Flirt Partner, wechsel dich

Single und Tanzmuffel? Barbara Wege hat mehr als genug davon. Sie besucht einen Tanzkurs an der Uni- und kann sich vor Klischees nicht mehr retten.

"Uni-Single-Tanztreff" stand auf dem Plakat vor der Uni-Mensa. Darauf kräuselten sich grazil und in modernem Design schwarze Strichmännchen - Tanzen in höchster Vollendung. Uni-Single-Tanztreff klingt nach Leibesübungen zum Sonntagsnachmittags-Tee, doch ich bin angefixt. Schon sehe ich ihn vor mir, einen wunderbar anders gearteten jungen Mann, dessen schwarz-umrandete Brille ich beim Uni-Ball im asymmetrischen Kleid garnieren darf. Der Kurs verspricht eine projektorientierte Wandlung meines Lebenstils: Ich werde ihn treffen, mit ihm tanzen und nicht mehr Single sein.

Wäre da nur nicht Stefan. Stefan trägt eine dieser "Allwetter-Pants" mit Reißverschluss zum Abtrennen der Hosenbeine, die schon vor fünf Jahren nicht hip, aber doch wenigstens irgendwie neu waren. Auch sein graues Hemd Modell "Pfadfinder" spricht gegen ein ausgeprägtes und vor allem untypisches Modebewusstsein. Doch eins muss man dem Mann lassen, er hat die Sache im Griff. Mein Ring an der rechten Hand frisst sich genüsslich in meine Haut - 90 Sekunden, vor allem beim Walzer, können verdammt lang sein. Dann das erlösende Signal: Partnerwechsel.

Ich hätte es ahnen müssen, vorher, vor der Anmeldung zu diesem Kurs. Denn die Männerwelt hier ist fleischgewordenes Klischee. Torschlusspanik steht jedem dieser Herren ins Gesicht geschrieben. Dazu gesellen sich reichlich Damen, die Mitte Januar gern nochmal die Spaghetti-Träger auspacken, wenn sie sie nach dem zugegeben zähen Verblassen des Sommers jemals wirklich weggepackt hatten.

"Tanzt du auch?" Er heißt Andreas und trippelt schon vor dem ersten Ton von rechts auf links - und liegt doch eindeutig neben dem Takt. Die aschblonden Haare hängen stränig in sein Gesicht, seine Hand auf meiner Hüfte klar am falschen Ort. "Wir nehmen Tanzhaltung ein. Die Hand des Herren umgreift das Schulterblatt der Dame." Der Stimme des Tanzlehrers leistet Andreas sofort Gefolgschaft. Sonst macht er nichts. Unsere Konversation verdient diese Bezeichnung nicht, sie fließt zäh dahin. Wer sich als Paar gefunden habe, so der Tanzmeister jetzt, dürfe gemeinsam weiter tanzen. Alle anderen sollen rotieren. Ich überlege nicht lange und rotiere. Und so nehme ich langsam Abschied von meiner ganz persönlichen Renaissance des Paartanzes.

Dass dieser Sport wieder en vogue ist, steht außer Frage: Bestens gefüllte Uni-Tanzkurse wie dieser illustrieren einen neuen Trend. Der Deutsche Tanzsportverband bestätigt, dass in den vergangenen beiden Jahren vermehrt junge Menschen seine Angebote nachgefragt hätten. Annegret Köhler, ehemalige Spitzentänzerin und heute Lehrerin beim Uni-Sport in Köln, kann das Phänomen erklären: "Junge Menschen können beim Tanzen ihr Bedürfnis nach Nähe und Wärme befriedigen, vor allem vor dem Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Anonymität." In ihrer Promotion über den Paartanz weist sie das nach. "Der Uni-Tanzsport boomt im Besonderen, weil er im Vergleich zu traditionellen Schulen unverbindlicher anmutet."

Frau Köhler würde diese neue Freiheit der Tanzenden hier allerdings vermissen. Die Koordination von "rechts vor" und "links zurück" frisst auch das letzte Stück kommunikativer Leichtfüßigkeit. Vergebens trachtet man hier nach Fünkchen an Begeisterung á la "Let's Dance" oder "You can dance". Drei Millionen Menschen in diesem Land tanzen, der Breitensport blüht. Warum stoppt der Trend gerade vor diesem Raum?

Vielleicht liegt es an Jörg. Jörg ist neu in der Stadt und frei von Kommunikationsproblemen. Er plappert drauf los und erzählt von einem Studium mit drei Buchstaben, das hilft Kreditkarten zu programmieren, von seinem Internat und Akkordeon, von Gummidrops und Plastiktischdecken. Dann durchbricht eine Frage meine Umnebelung: "Wollen wir nicht in Zukunft immer zusammen tanzen?" Schluck, ich druckse herum. "Oder warum bist du sonst hier?" Das frage ich mich auch. Er hat Recht - und außerdem Taktgefühl. Ich sage zu.

Am Schluss, nach einer Stunde Walzer und Rumba, sollen alle nochmal rotieren - auch die letzten Härtefälle sollen ihren Partner finden. Mein Los fällt zurück auf Stefan, den Pfadfinder. Er zeigt mir, wie man sich in der Rumba dreht und nutzt dazu den gesamten Tanzsaal. Der Raum wird zu einem einzigen Radius. Woher er das schon kann? Er sei im letzten Semester schon einmal dabei gewesen. Doch dann sei seine Partnerin plötzlich krank geworden - und nie wieder gekommen. Was für eine Überraschung!

 
Leser-Kommentare
    • KMurx
    • 10.01.2007 um 17:03 Uhr

    Es gibt auch E-Techniker (na gut, eigentlich Physiker) die Computer moegen und 'trotzdem' gut tanzen koennen.

    Egal. Jedoch, die Frage stellt sich: Sollte man doch im 'studierfaehigen' Alter das Tanzen nicht schon gelernt haben?
    Wenn nicht, dann muss man halt mit der einen oder anderen ... sagen wir, ungewoehnlich gewoehnlichen... Begegnung rechnen.

    • zorc
    • 11.01.2007 um 2:55 Uhr

    Nicht unkomisch, die Barbara Wege - da geht sie zum Tanzkurs, weil sie von einem 'wunderbar anders gearteten jungen Mann' träumt: 'Ich werde ihn treffen, mit ihm tanzen und nicht mehr Single sein.' Kaum bei den ganz anders als anders gearteten jungen Männern angekommen, mokiert sie sich jedoch darüber, dass jedem von ihnen die Torschlusspanik aus dem Gesicht scheine. Offenbar darf nur sie selbst ihren Traum vom Nicht-mehr-Single-Sein träumen; den Herren ist solch plumpe Absicht verwehrt.

    • cirkus
    • 11.01.2007 um 5:31 Uhr

    ...die genau weiss was sie nicht will. Immerhin. Vielleicht sollten ihre Eltern einen Tanzpartner fuer sie aussuchen, dann wuerden wir in Zukunft von dieser Art Ergüssen verschont bleiben.

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  • Quelle ZEIT Campus online, 10.1.2007
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