Der Gruppenzwang unserer Vergangenheit war das Rauchen auf dem Schulhof. In eine Ecke gedrückt oder heimlich vorm Schultor - an der schnellen Fluppe kam niemand so schnell vorbei - soviel Coolness war nie. Daran hat sich mit dem Wechsel vom Schulhof zum Campus im Grunde kaum etwas verändert. Nur, dass die Peer Group diesmal nicht zum Zigaretten-, sondern zum Koffeinkonsum drängt. Sätze wie "Kommst du mit in die Cafete?" oder "Ein Kaffee ist aber schon noch drin!" werden schon dem Ersti in die Tasse gelegt. Nie zuvor und dann auch lieber nie wieder trinken Menschen so viel von dem "Braunen" wie während des Studiums. Vor der Acht-Uhr-Vorlesung, weil nachts zuvor gefeiert wurde, zwischen zwei Seminaren, weil man die Zeit ja irgendwie überbrücken muss, nach der Mensa, weil das Essen so müde macht und am Nachmittag, weil dann nun mal Kaffee-Zeit ist. So mancher Student verbringt mehr Zeit über dampfenden Bechern als über Büchern und wissenschaftlichen Abhandlungen. Eine repräsentative Studie des Marketing-Unternehmens Allmaxx ergab, dass der durchschnittliche Kaffeekonsum deutscher Studenten schwarze 160 Liter pro Jahr beträgt - das entspricht fast einem halben Liter pro Tag. Würde man die Semesterferien nicht nur als vorlesungs-, sondern auch als koffeinfreie Zeit betrachten, stiege der Pegel gar auf 0,7 Liter täglich.Kein Wunder, dass Uni-Cafés herbe Verluste einfahren, wenn die Filtertüten ausgehen oder der Automat nicht mehr anspringt. Zieht aber der Duft nach frisch Aufgebrühtem durchs Hörsaalgebäude, herrscht auf Sperrmüllsofas und Wackelgestühl sofort fliegender Wechsel. Diejenigen, die zunächst widerstehen - "Keine Kohle!" oder "Keine Zeit!" - werden von überdrehten Kommilitonen mit dem Kaffee-Satt-Angebot geködert. Andere fackeln nicht lange, wenn der Tass Kaff auch noch ein Schokokeks beiliegt.Egal, ob Germanisten-Café, WiWi-Lounge oder Forsti-Eck: Überall wird diskutiert, gequasselt, gelesen, gedöst - und Kaffee getrunken. VWLer streiten hektisch über die prekäre Wirtschaftslage, Soziologen beraten über den Sitzstreik des kommenden Tages und Juristen überlegen, ob sie den Café-Betreiber verklagen sollten, weil das Heißgetränk schon wieder nur lauwarm war. Ob überfüllt, verqualmt oder tierisch laut: Vom Lernen kann man sich überall ablenken.Natürlich wird das Uni-Café auch gern als Kontaktbörse genutzt: Man schwärmt mit den Mädels vom süßen Sowi, um sich später mit Selbigem dort zu treffen - nur auf einen Kaffee, versteht sich. Oder man begutachtet die Jungs vom Nachbartisch: Sind es Physiker oder Psychologen, Umweltwissenschaftler oder Ökotrophologen? Hochgestellte Kragen und aufgeschlagene Skripte vereinfachen das Ratespiel.Einige wenige sollen dennoch versucht haben, den Kaffee-Genuss mit ernsthaften Lernabsichten zu verbinden. Noch schnell die letzten 30 Seiten lesen, das nächste Seminar muss noch unbedingt vorbereitet werden. Sicherlich gäbe es dafür in der Bibliothek sehr viel mehr Ruhe. Doch dort schmuggelt man Thermoskanne und Schokoriegel nur einmal rein, ohne gleich ein Hausverbot zu riskieren. Da liest es sich in der Cafete allemal netter. Und wenn ein Bekannter vorbei kommt, bittet man ihn gern an seinen Tisch. Die dröge Veranstaltung ist dann nicht mehr wichtig, man lässt sie notfalls sausen. Freundschaften wollen schließlich gepflegt werden.Wenn sich die nahenden Klausuren dann doch nicht länger verleugnen lassen, erreicht der Koffein-Drang seinen vorläufigen Höhepunkt. An der Fachhochschule Anhalt ergab eine repräsentative Umfrage im Fach Ernährungsökonomie, dass der Kaffeekonsum in Prüfungszeiten bei 48,3 Prozent der deutschen Studenten ansteigt. Vor allem bei denjenigen, die ihre Lernzeit knapp kalkulieren (42 Prozent) oder sogar die Nächte durch machen (28 Prozent). In solchen Zeiten sieht man Kommilitonen dann spät abends durch Uni-Flure wandeln, auf der Suche nach Automaten-Plörre, die in braun-geriffelten Plastikbechern gereicht wird.Tiefer kann man nicht mehr sinken. Der Automaten-Kaffee "schwarz, mit Zucker" schmeckt nach Ochsenschwanzsuppe, die man dort ebenfalls für 40 Cent ziehen kann, und der Plastikbecher schmilzt langsam vor sich hin oder man verbrennt sich die Finger daran. Weiße Boules auf roten Tabletts in gepflegter Café-Atmosphäre wird so zum puren Luxus und zur absoluten Notwendigkeit - selbst wenn es danach in der Mensa wieder nur für den Eintopf reicht.Mehr zum Thema :
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