Uni-Wandel Kuhhandel in Dortmund

Die Uni Dortmund soll bald zur TU und damit zur Spitzen-Uni werden. Die Geisteswissenschaften fürchten um ihre Existenz und sollen nun mit einem neuen Projekt geködert werden

Für den Rektor der Uni Dortmund ist die Sache klar: "Im Wettbewerb um studentische Köpfe brauchen wir ein klares Profil", sagt Eberhard Becker. Natur- und Ingenieurwissenschaften sollen in Dortmund in den Mittelpunkt von Lehre und Forschung rücken. Die neue Bezeichnung als Technische Universität soll diesen Profilwechsel dokumentieren. Aus Uni mach TU - da ist der Rektoratsplan ganz konsequent. Damit würden die Dortmunder Abschied nehmen von ihrem Drei-Säulen-Prinzip, nach dem neben Naturwissenschaftlern und Ingenieuren auch - als drittes Standbein zusammengefasst - Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaftlern an der Hochschule willkommen sind.

Es ist nicht verwunderlich, dass den Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlern auf dem Campus dieser Vorschlag nicht schmeckt: "Wenn die Uni TU heißt, laufen uns zum Beispiel im Lehramt die Studenten weg", sagt der Erziehungswissenschaftler Peter Vogel. Außerdem habe es eine TU schwer, in den Geisteswissenschaften renommierte Professoren anzulocken.

Doch das Rektorat schreitet unbeirrt voran, sein Leitlinien-Papier wird gerade im Senat diskutiert. Wenn sich die Fachbereiche einigen, kann Dortmund noch in diesem Jahr zur TU werden. Die Studenten scheinen das mehrheitlich nicht zu wissen oder sich nicht dafür zu interessieren: Zu einer öffentlichen Aussprache mit dem Rektorat kamen nur etwa fünfzig von ihnen.

Kampf um Köpfe und Töpfe

Die Uni-Spitze argumentiert so: Die staatliche Hochschulfinanzierung ist seit Jahren rückläufig. Deshalb müssen sie sich die Unis vermehrt um so genannte Drittmittel bemühen. Also zusätzliches Forschungsgeld, das beim Land, dem Bund, der EU und privaten Trägern eingeworben werden kann. Die besten Chancen haben diejenigen Hochschulen, die in bestimmten Fachbereichen Spitzenforschung aufweisen können.

Das Ergebnis der ersten Runde der Exzellenzinitiative bestätigt diesen Trend und spricht für die Schwerpunktbildung in technikaffinen Bereichen. Schließlich stehen an zwei der drei deutschen Elite-Unis Natur- und Ingenieurswissenschaften im Zentrum. Das Ziel des Dortmunder TU-Projekts lautet daher: In einigen Jahren soll die Uni in diesen Fachbereichen bundesweit zu den zehn Besten gehören.

Von einer solchen Spitzenposition sind die Dortmunder jedoch bisher weit entfernt: "Wir liegen im grauen Mittelfeld", gibt Kanzler Roland Kischkel zu. In der aktuellen Rangliste der Deutschen Forschungsgesellschaft belegt die Uni Platz 32. Im Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) , das die ZEIT jährlich veröffentlicht, steht keine der Dortmunder Natur- und Ingenieurwissenschaften auf einem Spitzenplatz. Kritiker des TU-Projekts bezweifeln deshalb, dass Dortmund überhaupt jemals zu den Top-Unis aufschließen kann.

Worum geht es hier eigentlich?

Dennoch: Blickt man auf die Höhe der bewilligten Forschungsgelder, spricht alles dafür, die Ingenieurs- und Naturwissenschaften im Dortmunder Studienprofil herauszustellen. Denn diese Fachbereiche treiben den Großteil der Drittmittel ein. Während der Jahre 2002 bis 2004 aquirierten sie knapp 90 Prozent der 45,8 Millionen Euro, die Dortmund von der Deutschen Forschungsgesellschaft erhielt.

Freilich ist es für einen Ingenieur sehr viel einfacher, große Beträge einzuwerben. "Geisteswissenschaftler kommen zum Beispiel kaum an Geld von der Industrie", sagt Sonja Berghoff vom CHE. So drehen die Geisteswissenschaftler das wirtschaftliche Argument schlichtweg um: "Geht es für Wissenschaftler nur noch darum, ökonomisch effizient zu sein?", fragt Eva-Maria Houben, Professorin am Musik-Institut der Uni. "Man muss junge Menschen auch dazu motivieren, an Fragen zu arbeiten, mit deren Beantwortung sie keinen Preis gewinnen." Die aktuelle Diskussion drehe sich ihrer Meinung nach deshalb vor allem um die Frage, worum es in der Wissenschaft vornehmlich gehen soll: Um Erkenntnisse oder ökonomischen Erfolg.

Zweifelsohne widerspricht eine Spezialisierung dem Universitätsgedanken, doch trifft dies im Fall der Uni Dortmund nur bedingt zu. Die Ruhrstadt besaß nie eine Voll-Universität, dazu fehlen beispielsweise Mediziner und Juristen. Befürworter der Umbenennung und Umstrukturierung führen dieses Argument gern an. Gegner der Rektorats-Pläne entgegen dann, dass auch jetzt schon die ersten beiden Studien-Säulen trotz des derzeitgen Namens unumstritten seien. Aktuell werden in zehn der 16 Fachbereiche Naturwissenschaftler und Ingenieure ausgebildet. Allerdings stellten diese im vergangenen Semester nur etwas mehr als die Hälfte der rund 22.000 Dortmunder Studenten.

Wie reagiert die dritte Säule?

Auch ein Blick in die Historie der Uni hilft nicht weiter, dokumentieren doch schon die Vorgänge der Vergangenheit einen heftigen Konflikt um den Fokus der Universität: Nach der Gründung Anfang der 70er Jahre wurden in Dortmund zunächst keine Geisteswissenschaften gelehrt. Doch dann kam 1980 die Fusion mit der Pädagogischen Hochschule Ruhr und die Gründung von fünf sozial- und geisteswissenschaftlichen Fachbereichen. Bis heute ist Dortmund für seine gute Lehrerausbildung bekannt. Die Erziehungswissenschaftler rangieren auf einem Spitzenplatz des CHE-Rankings . Ein Journalistik-Studiengang lockt Studenten aus ganz Deutschland.

"Wenn die Uni Dortmund zur TU wird, sind die Geisteswissenschaftler nur noch Beiwerk", fürchtet Markus Krümpel. Der Lehramtsstudent im vierten Semester war einer der wenigen Studenten, die sich an der öffentlichen Aussprache über das Thema beteiligten. Für die TU sprach sich bei der Diskussion kein einiziger Studierender aus.

Kritikern wie Krümpel hält Rektor Becker einen Plan entgegen, der parallel zum TU-Projekt umgesetzt werden soll: So will Dortmund sich in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften für eine stärkere Kooperation mit den beiden weiteren Ruhrgebiets-Hochschulen in Bochum und Duisburg-Essen einsetzen. Künftig soll es auch für Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler eine Art regionales Kompetenzzentrum im Ruhrgebiet geben. Wie das genau aussehen soll, ist noch unklar. Über ein solches Konzept wird in der kommenden Dortmunder Senatssitzung zu sprechen sein. Denn davon kann abhängen, wie sich die Geisteswissenschaften künftig gegenüber dem Projekt Namensänderung positionieren und ob sie sich auf diesen Kuhhandel einlassen werden.

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    • Quelle ZEIT ONLINE, 30.1.2007
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