Orchideenfächer Spazieren für die Wissenschaft

Promenadologie ist eines der vielen Orchideenfächer an deutschen Unis. Was will diese Wissenschaft und wofür? Ein Interview mit Martin Schmitz

ZEIT Campus online : Sie sind Spaziergangswissenschaftler. Trauen Sie sich, das zu erzählen?

Martin Schmitz : Natürlich, auch wenn die meisten Leute mich dann falsch verstehen. Viele denken, das habe wirklich nur mit Spazierengehen zu tun oder mit der Anlage von Spazierwegen. Aber es steckt mehr dahinter.

ZEIT Campus online : Das müssen Sie erklären.

Schmitz : Bei der Spaziergangswissenschaft geht es nicht nur ums Spazierengehen, sondern auch um Fortbewegung per Eisenbahn, Schiff, Flugzeug und Auto, also um die Wahrnehmung unserer Umwelt unter allen Bedingungen der Mobilität. Und Landschaft sehen wir immer anders, je nachdem, wie wir uns bewegen, fortbewegen, eben spazieren gehen.

ZEIT Campus online : Landschaft ist also ein Konstrukt in unseren Köpfen?

Schmitz : Genau. Im Laufe unseres Lebens lernen wir die unterschiedlichsten Landschaftsbilder kennen, durch Literatur, Werbung, Modelleisenbahn, Heimatfilme oder Computerspiele. Landschaft ist immer durch Medien vermittelt worden.

ZEIT Campus online : Haben Sie Beispiele?

Schmitz : Neulich saß ich im Zug und hatte das Magazin der Bahn in der Hand. Dort wurde der Urlaub am Königssee als Fjordurlaub in Bayern verkauft. Die natürlich vorhandene Landschaft reicht nicht mehr, deshalb werden vermeintlich attraktivere Landschaftsbilder darüber gestülpt, um sie touristisch zu vermarkten. Oder ein zweites Beispiel: Zu Hause fand ich einen Reiseprospekt, der mir ein bis zwei Wochen Urlaub mit Sonne, Meer und Strand versprach. Wohin allerdings die Reise gehen sollte, stand da nicht. Die Geografie hat sich längst von den Urlaubsbildern gelöst. Es ist egal, in welchem Land der Strand liegt.

ZEIT Campus online : Wir sind ja nicht immer in den Ferien. Was hat das alles denn mit unserem Alltag zu tun?

Schmitz : Schlicht ausgedrückt: Wir sehen keine Zusammenhänge mehr. Die hohe Mobilität hat Regionen geschaffen, in denen wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir schon auf dem Land oder noch in der Stadt sind.

ZEIT Campus online : Was kann und will die Spaziergangswissenschaft dagegen tun?

Schmitz : Sie möchte die Veränderungen der vergangenen 20 Jahre sichtbar machen. Wir müssen lernen, uns Dinge wieder genau anzusehen. Viele Architekten und Stadtplaner tun ja so, als sei gar nichts passiert. Eine Anforderung wäre: Wie gestalte ich einen Stadtpark, damit der, der dort wie ein Fallschirmspringer landet, versteht, dass das ein Park ist und dass der in der Stadt liegt? Der Park muss mehr sein als einfach nur grün. Das gilt auch für die Architektur.

ZEIT Campus online : Das klingt spannend, aber nicht nach etwas, das die Berufsaussichten eines Architektur-Studenten oder Landschaftsplaners deutlich erhöht.

Schmitz : Das sehe ich anders. Alle gestaltenden Berufe müssen sich immer auch mit dem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel auseinandersetzen. Gerade an den Universitäten sollte das ausgiebig betrieben werden, damit nicht an der Wirklichkeit vorbeistudiert wird. Die Erkenntnisse der Promenadologie können die Berufsaussichten erhöhen.

ZEIT Campus online : Wie sieht der Unterricht eines solchen Faches aus?

Schmitz : Sehr kompakt - im wörtlichen Sinne. In einer Gruppe von zehn Studenten habe ich den Unterricht en bloc abgehalten. Zum einen haben wir uns mit den Theorien von Lucius Burckhardt, dem Begründer der Spaziergangswissenschaft in den achtziger Jahren, beschäftigt. Dann sind wir natürlich auch spazieren gegangen und haben genau hingeguckt. Am Ende der Spaziergänge haben wir immer ein Planungsbüro von ehemaligen Kommilitonen von mir besucht, um etwas über ihre Arbeit und ihr Studium zu erfahren.

ZEIT Campus online : Wer interessiert sich eigentlich für diese neue Wissenschaft?

Schmitz : Vor allem Künstler, Designer, Architekten und Planer. Oft waren es auch einfach Bewohner, die sich über die Entwicklung ihrer Region Gedanken machen. Insbesondere bei jungen Leuten kommt das gut an. Es geht eben nicht nur darum, ein Haus statisch richtig zu bauen und den Kurvenradius einer Straße zu berechnen, sondern wie all diese Dinge auch zusammen funktionieren können.

ZEIT Campus online : Auf Wikipedia steht: "Die Promenadologie ist eine halb ernsthaft, halb scherzhaft skizzierte Wissenschaft." Ist da was Wahres dran?

Schmitz : Natürlich ist da eine gewisse Leichtigkeit dabei. In Weimar lief ein Vortrag von mir in der Reihe "Fröhliche Wissenschaften", und schließlich kann ja jeder spazieren gehen.

ZEIT Campus online : Können Sie eigentlich noch normal spazier gehen, ohne zu analysieren?

Schmitz : Sicher. Aber die Wahrnehmung hat sich weiter intensiviert und viele Dinge sehe ich noch kritischer. Autofahren habe ich nie gelernt, aber dafür besitze ich jetzt für ein Jahr eine Netzkarte für die Bahn. Ich habe mir fest vorgenommen, auch mal mit dem Zug spazieren zu fahren.

Martin Schmitz hat seit dem Wintersemester 2006/07 einen Lehrauftrag für Spaziergangswissenschaft bzw. Promenadologie im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung an der Universität Kassel. Er ist Mitherausgeber der Bücher "Wer plant die Planung?" und "Warum ist Landschaft schön?" von Lucius Burckhardt.

Die Fragen stellte Sebastian Dalkowski .

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEIT ONLINE, 5.2.2007
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service