Virtueller Campus 100 Tage Alptraum

Studienorganisation komplett über das Internet - das war der Traum der Hamburger Uni. Am Ende herrschte Chaos, doch die Betreiber versprechen unbeirrt neue Funktionen.

Stine ist blond, durch und durch norddeutsch, trägt mit Stolz ein rotes T-Shirt mit dem Logo der Uni Hamburg - und hat sich im letzten Semester oft unbeliebt gemacht. Stine ist das Maskottchen der Initiative "Virtueller Campus", die das Studien-Infonetz, kurz Stine, vor rund 100 Tagen startete. Als eine der ersten deutschen Hochschulen führte Hamburg das etwa 1 Million Euro teure Studien-Infonetz zum Wintersemester 2006 ein. Mit der Campus-Software sollen die Studenten ihr Studium online abwickeln, sich mit Hilfe des Internets zu Seminaren und Prüfungen anmelden, Prüfungsergebnisse einsehen und Kursmaterial herunterladen können.

Doch von Anfang an stellte Stine sich stur: Vielen Studenten wurde der Zugriff auf die Software verweigert. Diejenigen, die innerhalb der Anmeldefrist versucht hatten, sich einzuloggen, wurden aufgrund technischer Probleme gesperrt; in den ersten Tagen war der Server überlastet, denn etwa 30.000 Studenten griffen gleichzeitig auf die Seite zu. Das System brach für mehrere Tage zusammen, bis schließlich die Kapazität ausgeweitet wurde. Lehrveranstaltungen und Seminare waren oft nicht eingetragen oder vertauscht und fanden sich in einem anderen Fachbereich wieder. Mehrere tausend Studenten bekamen keine Seminarplätze oder wurden Lehrveranstaltungen zugewiesen, die sie gar nicht gewählt hatten.

Doch wieder Papier und Leitz-Ordner

Stine und ihr Fehlstart waren lange das Gesprächsthema auf dem Hamburger Campus: Ein Café in Uni-Nähe warb mit der entspannenden Kaffeepause, "wenn's mit Stine mal wieder länger dauert". An manchen Fachschaften tauchten "Stine stoppen" - Plakate auf, auf denen die virtuelle Blondine sich zynisch an den Kopf fasst statt wie im Original energisch mit dem Finger zu schnippen - kein ernst gemeinter Boykott, sondern eher eine Protestaktion der Studenten, die sich oft tagelang vergeblich mit dem System bemüht hatten.

Doch nicht nur die Studenten standen dem Studien-Infonetz ratlos gegenüber, sondern auch so mancher Professor kapitulierte angesichts der teils chaotischen Seminarplatzvergabe. Doch die meisten Lehrenden zeigten sich kulant. Viele Seminarplätze, die eigentlich mit Stine per Losverfahren ausgewählt werden sollten, wurden nun doch nach Anwesenheit vergeben. Wer da war, durfte bleiben, schließlich wissen die Professoren, dass die Zahl der Studenten im Lauf des Semesters ohnehin sinkt. Viele Lehrende, die sich zu Beginn noch auf das Registrier-System per Internet verlassen hatten, rückten spätestens in der zweiten Woche mit einem Stapel Papier an - die alten, wegen Stine totgeglaubten Teilnehmerlisten, mehrere Seiten lang, mit oft unleserlich hingekritzelten Namen waren wieder da.

Dabei hatte sich der virtuelle Campus so gut angehört, per Sms sollten die Studenten über Raumänderungen informiert werden, das Kursmaterial sollte online zur Verfügung stehen. Die Realität sah jedoch anders aus: Der handschriftliche Zettel an der Tür tat es immer noch. Auch die zahlreichen Copy-Shops in Campus-Nähe mussten nicht um ihre Existenz fürchten, denn statt in ihrem Stine-Account stellten viele Professoren ihr Kursmaterial wieder in dicken Ordnern zum Kopieren zur Verfügung. Wieder hieß es, auf den Fluren Schlange stehen und Listen ausfüllen - genau wie vor der Hightech-Initiative eben. Alles beim Alten also?

Von Boykott keine Rede

"Viel hat sich dieses Semester tatsächlich noch nicht geändert" sagt Thorsten Hönisch vom Hamburger AstA, "das liegt aber nicht an der Software selbst." Die Startschwierigkeiten seien beseitigt, bestätigt auch Stephan Sachse, Geschäftsführer der Datenlotsen Informationssysteme GmbH, die gemeinsam mit Microsoft die Software entwickelt hat. Der Datenlotse geht sogar noch einen Schritt weiter und verspricht im neuen Semester viele neue Funktionen, wie etwa eine vollständige Prüfungsverwaltung.

Obwohl sich Stine mittlerweile also von ihrer sanften Seite zeigt - viele Lehrende können sich immer noch nicht so recht mit der blonden Norddeutschen anfreunden und bringen damit das Projekt "virtueller Campus" erneut ins Wanken. "Eine große Zahl der Lehrenden und mehrere Studiengänge boykottieren das System Stine regelrecht", sagt Thorsten Hönisch. Der Studierenauschuss AstA steht hinter der Software und hat aber festgestellt: "Viele der Fehler liegen an der mangelnden Akzeptanz innerhalb der Fakultäten." So seien gerade einmal 40 Prozent der Lehrenden überhaupt in dem System angemeldet, mehrere Fachbereiche wie Germanistik, Sport und Philosophie hätten sich ausgeklinkt und seien wieder zu ihrem alten System zurückgekehrt.

Eine "totale Boykott-Haltung" habe er unter den Lehrenden zwar nicht feststellen können, sagt Prof. Dr. Holger Fischer, Vizepräsident für Studium und Lehre an der Universität Hamburg, doch das System werde von manchen Lehrenden noch nicht optimal genutzt, obwohl es zur Einführung zahlreiche Schulungen gegeben habe.

"Jetzt müssen die Lehrenden ran", fordert Studierendenvertreter Thorsten Hönisch, "denn nur, wenn konsequent mit der Software gearbeitet wird, kann das System die erhofften Erfolge bringen." Denn wenn Stine reibungslos läuft und gut genutzt wird, wird sich auch für die Studenten vieles ändern: Neben weniger Bürokratie und schnelleren Arbeitsabläufen, werde der gesamte Universitätsalltag transparenter, findet der Studierendenausschuss AstA. Jetzt könne endlich geklärt werden, wer wofür zuständig ist und somit seien die Studenten nicht mehr von der Kulanz der Lehrenden abhängig, zum Beispiel bei der Vergabe von Prüfungsterminen oder bei Problemen mit überfüllten Seminaren.

Der AstA appelliert an die Anspruchshaltung der Studenten, die gerade mit der Einführung von Studiengebühren steigt: "Ruhig ein bisschen Druck ausüben", rät Studierendenvertreter Thorsten Hönisch denjenigen Studenten, deren Professoren noch auf alte Methoden zurückgreifen und sich mit Stine bisher nicht anfreunden konnten. Denn spätestens ab dem nächsten Semester wird Stine in jeder Vorlesung sitzen.

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Leser-Kommentare
  1. Mich wundert es, dass Stine so gar nicht funktionieren will. An der Universität Kassel zum Beispiel haben einige Fachbereiche komplett auf eine Online-Verwaltung umgestellt. Das reicht von der Anmeldung zu Klausuren, Seminaren etc. über schein-loses Sammeln der Ergebnisse im eigenen Zugang, welcher dann noch durch ein Ranking im Vergleich zu anderen bewertet wird, sodass man immer weiß, wo man gerade steht.
    Und als ob dies noch nicht genug wäre, lassen sich alle Lehrveranstaltungen ausführlich evaluieren, sodass die Dozenten stets ein Feedback über ihre Veranstaltung haben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 26.1.2007
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