Existenzgründer Politik verstehen lernen
Zwei ehemalige Berliner Politikstudenten haben eine Firma für Planspiele in Politik gegründet. Teilnehmer verhandeln selbst und lernen so die große Politik verstehen.
„Wir haben schon vor Jahren Witze gemacht, dass man mit so etwas Geld verdienen könnte. Daran geglaubt haben wir aber nicht.“ Björn Warkalla sagt das so, als sei er sich nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee war, seine Firma zu gründen. Sie heißt „PlanPolitik“ und sitzt in einem kleinen Büro mit Schaufenster im Berliner Stadtteil Neukölln, ganz in der Nähe des U-Bahnhofs Hermannplatz. Fernab jeder glitzernden Metropolenfantasie. Vor knapp einem Jahr hat er sie zusammen mit Simon Raiser gegründet, seit dem gemeinsamen Politikstudium sind die beiden befreundet. PlanPolitik veranstaltet Spiele. Spiele, die helfen sollen, die Welt zu verstehen.
Die Welt, das ist der reale Konflikt im ostafrikanischen Somalia. Die Welt kann aber auch ein fiktiver „Wahlbetrug in Fontanien“ sein, bei dem die „Inotische Union“ eingreifen muss. Bei diesen politischen Planspielen schlüpfen Schüler oder Studenten in die Rollen von Politikern, Journalisten und Aktivisten. Sie lernen dabei oft mehr als in einem Uni-Seminar oder in einer Schulstunde.
Bevor die Teilnehmer in Anzug und Krawatte und mit einer Landesflagge auf ihrem Tisch Geopolitik simulieren können, ist viel Arbeit zu leisten. „Am Anfang haben wir einen Brief an jede Einrichtung geschrieben, die sich für ein Planspiel interessieren könnte“, sagt Warkalla. Gerade einmal dreißig hätten geantwortet. „Viele fanden die Idee gut, Geld wollten sie dafür aber nicht ausgeben.“ Nach vielen Telefonanrufen kam es schließlich doch zu einigen Aufträgen, auch wenn „die meisten durch Mundpropaganda zustande kommen“, wie Warkalla sagt. Ist der Auftrag da, beginnt die eigentliche Leistung von PlanPolitik.
„Die Vorbereitung eines Planspiels kann mehrere Wochen dauern – oder einen Nachmittag“, sagt Warkalla. Das hinge vom Auftrag ab. Wünscht sich der Auftraggeber ein fiktives Spiel, hat klare Vorstellungen, dann ist in einigen Stunden ein Planspiel zu Papier gebracht. Was aber, wenn der Kunde nur vage Vorstellungen hat und eine komplexe, realistische Simulation wünscht? Dann müssen Raiser und Warkalla sehr viel lesen. Im Internet, in Dokumenten und Büchern, bei Ideenfabriken, manchmal rufen sie auch einen Experten an. „In Bibliotheken gehen wir aber nicht mehr“, gibt Warkalla lächelnd zu.
Ist die Recherche beendet, werden die Rollen zugeschnitten: Welche Länder sind beteiligt? Welche Akteure sitzen am Tisch? Wer hat welche Interessen? „Das Wissen und die Methoden aus dem Politikstudiums helfen dabei natürlich enorm“, sagt Warkalla.
Neben PlanPolitik gibt es inzwischen eine ganze Reihe Firmen, die Planspiele für Schüler und Studenten anbieten. „X hoch 3“ aus Berlin hat das „Planspiel Bundestag“ entwickelt. Die Teilnehmer haben vier Stunden lang alle Rechte und Pflichten eines Abgeordneten und erleben, wie ein Gesetz entsteht. Den Schritt aus der Uni in ein eigenes Unternehmen haben allerdings bis jetzt nur wenige gewagt. Die meisten Planspiele werden in wissenschaftlichen Netzwerken oder direkt an Instituten entwickelt.
Simon Fink ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz und Mitglied des Netzwerks „EuroSoc“. Das Ziel: Europa verständlich machen. „Wir wollen das komplexe System EU so erlebbar machen, dass jeder es verstehen kann. Und zwar auf einer fundierten, wissenschaftlichen Basis“, sagt der Politikwissenschaftler. Statt mühsam die Funktionsweise der einzelnen Gremien und Organe auswendig zu lernen, nimmt man selbst an Verhandlungen teil. Am Beispiel der „Schokoladenrichtlinie“ wird dann deutlich, wie mühsam und behäbig auf EU-Ebene mitunter diskutiert wird.
Die Planspiel-Idee fanden einige Studenten an der Berliner „Hertie School of Governance“ so sympathisch, dass sie im vergangenen Jahr die Einführungsveranstaltungen für Master-Studenten als Planspiel organisierten. Das Thema: Der „gescheiterte Staat“ Somalia am Horn von Afrika. Die Aufgabe: Alle Verhandlungspartner müssen eine gemeinsame Lösung finden. „Damit konnten wir neue Studenten mit denen zusammenbringen, die schon studieren“, sagt Carolin Moje, Studentin das Master-Studiengangs „Public Policy“. Mit anderen Studenten, Dozenten und der Firma PlanPolitik hat sie das Spiel organisiert. „Die Verhandlungen waren chaotisch, manchmal frustrierend. Die Diskussionen verliefen schleppend und langatmig. Also ziemlich realistisch.“
Trotzdem sind Planspiele kein didaktisches Wundermittel, wie der Politikwissenschaftler Georg Walter von der FU Berlin verdeutlicht: „Als Ersatz für klassische Lehrmethoden taugen sie nicht, nur als Ergänzung sind sie sinnvoll. Vor allem in sozialer Hinsicht“. Ohne ein Mindestmaß Vorwissen seien die Spiele zudem recht ineffektiv.
Dass Planspiele an den meisten deutschen Universitäten noch nicht im großen Stil angekommen sind, hat allerdings einen anderen Grund. „Die Unis haben dafür kein Geld“, sagt Björn Warkalla. Eine große Veranstaltung kann schon einmal mehrere tausend Euro kostet. Das sind Beträge, über die geistes- und sozialwissenschaftliche Institute in der Regel nicht verfügen.
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- Datum 21.03.2007 - 13:30 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE,
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