Arbeitsmarkt Pragmatisch erfolgreich
Geisteswissenschaftler müssen beim Berufseinstieg so manche Durststrecke überstehen. Einfallsreichtum, Tatendrang und Pragmatismus verhelfen den Allroundern zum Erfolg als Selbstständige. Drei Beispiele.
Sie können alles ein bisschen - aber nichts richtig und haben es auf dem Arbeitsmarkt dementsprechend schwer. So ein weit verbreitetes Vorurteil über Geisteswissenschaftler. Doch die Generalisten unter den Absolventen haben sehr wohl gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Neben Durchhaltevermögen kommt es vor allem darauf an, die eigenen Stärken und Fähigkeiten gut zu kennen und geschickt miteinander zu verknüpfen.
Gelungen ist das zum Beispiel Christa Fellner. „Ich bin eine einzigartige Mischung“, sagt sie, und grinst. Die 35-jährige Münchnerin betreibt eine Werbeagentur, die sich an christlichen Werten orientiert. Fellner hat nicht wie andere in der Werbe-Branche Grafikdesign oder Marketing gelernt, sondern katholische Theologie auf Diplom studiert. Nur durch Zufall kam sie zur Werbung, arbeitete lange in einer Agentur in München. „Das war die beste Vorbereitung auf die Selbstständigkeit“, sagt sie heute. Damals lernte sie, sich mit Nachtschichten, Stress und engen Zeitfenstern zu arrangieren.
Als die New Economy zusammenbrach, wurde Fellner arbeitslos und stellte fest, dass sie mit ihrem Studium nicht in die klassische Werbebranche passte. „Das war ein Makel in meiner Bewerbung.“ Diesen Makel machte Fellner zum Mittelpunkt ihres Konzepts. Sie gründete die Agentur „Orikom“, in der sie nun Werbung mit ihrem theologischen Hintergrund verbindet.
Anders als andere Werbeagenturen suche sie immer nach einer persönlichen Ebene mit dem Kunden. „Ich versuche immer, den roten Faden in seinem Leben und in seinem Unternehmen zu erkennen.“ Sie fragt nach Werten und Vorstellungen, die in dem Unternehmen wichtig sind, nach Leitbildern. „Werbung ist bei vielen Menschen mit starkem Misstrauen verbunden“, sagt Fellner. Mit ihrer Herangehensweise erwerbe sie einen Vertrauensvorschuss, der für den Kunden oft den Ausschlag gibt, ihr den Auftrag zu geben.
Ganz so ungewöhnlich wie die Kombination Werbung und Theologie ist der Berufsweg von Philip Jannssen nicht. Der 32-Jährige studierte mittelalterliche Geschichte in Bonn. Auf ein staubiges Archiv oder die Tätigkeit an der Universität hatte er nach dem Magister-Abschluss keine Lust. Mitte 2004 machte er sich selbstständig, mit der Agentur
„Geschichte.Präsent“
.
In seinem Büro in Köln-Klettenberg recherchiert Jannssen Familiengeschichten, schreibt Chroniken, dreht Filme, wenn der Opa den 70. Geburtstag feiert. Bis ins 16. Jahrhundert ist er auf der Suche nach familiären Wurzeln schon vorgedrungen. „Geschichte boomt. Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach ihrer Herkunft“, sagt Jannssen. Was zwei oder drei Generationen zurückliegt, das wissen seine Kunden meist noch. Doch was vor 1850 passierte, wo die Familie lebte, wer wen heiratete, das weiß meist keiner mehr.
Jannssen studiert Kirchenbücher und Sterbetafeln, um diese Fragen zu beantworten. „Mein geisteswissenschaftliches Studium kommt mir zu Gute, wenn ich einschätzen muss, aus welchem Milieu jemand kommt“, erklärt Jannssen. Denn egal ob Film oder Buch, der Historiker muss den richtigen Ton treffen, wenn er das Leben eines Klienten schildert.
5000 Euro kostet ein Familienfilm. Dazu interviewt Jannssen die Angehörigen und scannt Fotos ein, schreibt den Text zum Film. „Das führt teilweise von meinem Studium weg“, sagt er. Denn auch wenn er Texte formulieren muss und über die Genealogie einer Familie möglichst detailliert Auskunft geben soll, so muss er sich manchmal bremsen. „Ich muss die subjektiven Sichtweisen verstehen, auch wenn ich manche Dinge besser weiß“, sagt er.
Dass er als Geisteswissenschaftler alles ein bisschen kann, ist für Philip Jannssen im Agentur-Alltag eher Hilfe als Belastung. „Ich beherrsche mein Fach, kann aber gleichzeitig gut kombinieren und mit Menschen umgehen“, sagt Jannssen. Nur mit der betriebswissenschaftlichen Kalkulation hat er es nicht so leicht, denn „gerade das habe ich im Studium leider nicht gelernt.“
Das Problem hat auch Adrian Kasnitz. Der 33-jährige Germanist betreibt seit 2000 mit der "Parasitenpresse" einen kleinen, auf junge deutsche Lyrik spezialisierten Literaturverlag, in dem er anfangs seine eigenen Texte verlegte.
Das finanzielle Risiko ist für Kasnitz gering, denn er fertigt seine Gedichtbände aus recycelten Briefumschlägen in Handarbeit. Aber „die Herstellung der Hefte kostet viel Zeit“, sagt Kasnitz. „Das ist ohne Idealismus nicht zu machen“. Auch seine Frau, eine Krankenschwester, arbeitet für die Parasitenpresse. „Sie bringt mich von der germanistischen Herangehensweise weg“, erklärt Kasnitz. Er gehe häufig zu schnell an die Interpretation eines Werks, ohne an den Durchschnittsleser zu denken.
Kasnitz schreibt immer noch selbst, er verlegt und veranstaltet Lesungen. Nebenbei promoviert er am kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg der Universität Köln, und auch seine beiden Kinder fordern natürlich ihre Zeit. Zweifel hat er immer mal wieder, "Lyrik ist eben eine Nische", sagt er. Darum denkt er auch darüber nach, einen Roman zu schreiben, der sich hoffentlich besser verkauft als seine Gedichte. So schwierig das Geschäft ist - Kasnitz geht seinen ganz eigenen Weg. Genauso wie Fellner und Jannssen.
- Datum 11.05.2007 - 14:05 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE,
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