Plagiate

Copy & Paste = Diplom

Die Zahl der plagiierten Abschlussarbeiten steigt. Medienwissenschaftler Stefan Weber sagt: An den Universitäten herrscht eine Kultur der Fakes. Ein Interview

ZEIT Campus online : Herr Weber, helfen Sie einem armen Studenten. Wie plagiiert er erfolgreich seine Abschlussarbeit zusammen?

Stefan Weber : Er geht zum Beispiel auf die französische Google-Seite, gibt einige zentrale Begriffe seines Themas ein und findet ein paar französische Arbeiten dazu. Die übersetzt er dann mit dem Wörterbuch oder einem Übersetzungsdienst im Internet. Sehr erfolgreich ist auch die Methode, www.diplom.de zu besuchen und sich die passende Arbeit gegen Bezahlung schicken zu lassen. Suchmaschinen und Plagiatssoftware finden diese Texte nicht, weil sie nicht online sind.

ZEIT Campus online : Geht es auch billiger?

Weber : Wer nicht so viel bezahlen möchte, bestellt sich per Fernleihe eine Abschlussarbeit bei einer entlegenen Universität und tippt sie ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Betreuer das bemerkt, ist gering.

ZEIT Campus online : Das klingt einfach. Warum sollte sich ein Student dann trotzdem die Mühe machen und eine eigene Arbeit schreiben?

Weber : Das ist natürlich ein Problem. In manchen Bereichen wie dem Journalismus ist es aber für den Beruf später sinnvoll, dass der Student wissenschaftlich arbeiten kann. Ich wünsche mir Studenten, die aus Neugierde arbeiten. Das hat in den letzten Jahren stark nachgelassen, gilt aber natürlich auch für die Professoren. Viele tun tatsächlich nichts mehr und schauen sich nicht mal mehr die Abschlussarbeiten an, die sie betreuen.

ZEIT Campus online : Wie bitte?

Weber : Einmal war ich bei einem Professor, der zeigte auf einen Stapel von Abschlussarbeiten und meinte: „Also ich geb’ sie meinem Assistenten, der mag sie aber auch nicht lesen. Willst du sie lesen?“ So sind Professoren schon vor Jahren mit Diplomarbeiten umgegangen. Es ist sicherlich nicht überall gleich. Bei den Instituten, mit denen ich zu tun habe, Salzburg und Klagenfurt, ist es besonders schlimm.

ZEIT Campus online : Kein Wunder, dass viele Plagiate unentdeckt bleiben.

Weber : Es gibt einen Fall in Salzburg, da wurden 47 Seiten aus dem Internet in die Arbeit kopiert. Dem Betreuer ist es nicht aufgefallen. Entweder hat er es nicht gelesen oder er hat das Plagiat erkannt und trotzdem eine positive Note gegeben, um Scherereien aus dem Weg zu gehen. Hinzu kommt, dass einige ältere Professoren Internet-Analphabeten sind. Ich kenne einen, der es geschafft hat, sich bis zur Pensionierung nicht mit dem Computer zu beschäftigen. Der hat der Sekretärin in ihr Word-Programm hineindiktiert.

ZEIT Campus online : Manche Plagiatoren sind allerdings blöd genug, sich selbst zu verraten.

Weber : Die Psychologie des Selbstverrats ist eine ganz seltsame. Ein österreichischer Oberstleutnant hat mich gebeten, die verdächtige Dissertation eines Mitarbeiters zu überprüfen. Ich brauchte fünf Minuten, um mit Google herauszufinden, dass 120 Seiten aus dem Internet in die Arbeit kopiert wurden. Ich brauchte weitere 30 Sekunden, um herauszufinden, dass der Oberstleutnant mir seine eigene Dissertation aus dem Jahr 2003 geschickt hatte. Als ich ihm das sagte, hat er geantwortet: „Ich wollte nur sehen, ob es rekonstruierbar ist.“ Er war also dumm genug, mich darauf aufmerksam zu machen, dass er plagiiert hat. Er hat sich dann selbst angezeigt.

ZEIT Campus online : Wäre jemandem das Plagiat aufgefallen, wenn er Sie nicht kontaktiert hätte?

Stefan Weber : Natürlich nicht.

ZEIT Campus online : Sie schreiben in Ihrem Buch Das Google-Copy-Paste-Syndrom , dass die Zahl der Plagiate zugenommen hat. War es früher nicht so schlimm?

Weber : Natürlich haben Studenten früher auch abgeschrieben, aber nicht in diesem Umfang. Nach meinen Erfahrungen haben die Plagiate um die Jahrtausendwende stark zugenommen. Da haben Studenten gemerkt, dass sie Texte aus dem Internet kopieren können, ohne dass die Betreuer das merken. Meine Dissertation allein ist viermal plagiiert worden.

ZEIT Campus online : Warum ist Plagiieren überhaupt ein Problem?

Weber : Wer plagiiert, kann einen Abschluss erreichen, ohne die grundsätzlichen Kulturtechniken Lesen und Schreiben zu beherrschen. Und wer einmal plagiiert, versucht es bestimmt auch wieder. Und so jemand geht dann zum Beispiel in die Wirtschaft. Ich kann natürlich nur von der Medienwissenschaft sprechen. Wenn es das Plagiieren auch in der Medizin gibt, können wir den Laden zusperren.

ZEIT Campus online : Was sind die Folgen der Plagiatskultur?

Weber : Meine These ist, dass die Qualität der Diplomarbeiten ins Bodenlose gesunken ist. Natürlich kann man davon ausgehen, dass sie niemand liest und sie deshalb verstauben. Ich habe aber den Ansatz, dass sie gelesen und zitiert werden, sich also in die Forschung einreihen sollen. Dann sind Plagiate ein Wahnsinn. Dann wird das Plagiat zitiert, ohne dass es als Plagiat erkennbar ist.

ZEIT Campus online : Wenn diese Leute dann noch in die Forschung gehen …

Weber : Das ist auch dann ein Problem, wenn jemand nicht in die Forschung geht. Egal, wo er arbeitet, bleibt er dem Ideenklau vermutlich treu. Schließlich hat es ja schon einmal geklappt.

ZEIT Campus online : Schrumpft durch Plagiieren das Vermögen zu verstehen?

Weber : Sicher, denn der Plagiator muss ja das nicht verstehen, worüber er „schreibt“. Er hat sich zwar nicht nicht mit dem Thema beschäftigt, aber eben nur sehr rudimentär.

ZEIT Campus online : Und das Wissen?

Weber : Das wird zunehmend redundant. In der Medienwissenschaft stelle ich fest, dass ein Zusammenhang besteht zwischen der Kultur des Plagiierens und einer Einschränkung der Forschungsschwerpunkte. Es wird immer wieder dasselbe „geforscht“. Unkonventionelle Themen haben kaum eine Chance. Es gab zum Beispiel in Salzburg in den vergangenen Jahren dutzende Diplomarbeiten, die einen Abschnitt zur Geschichte des Internets enthielten. Fast jeder dieser Abschnitte ist ein Plagiat, weil man das nicht neu schreiben kann.

ZEIT Campus online : In Ihrem Buch prägen Sie den Begriff „Mickymaus-Forschung“. Wie hängt der mit dem Plagiieren zusammen?

Weber : Das ist natürlich nicht dasselbe. Mit Mickymaus-Forschung meine ich, dass unter dem Deckmantel qualitativer Forschung die Mindeststandards empirischen Arbeitens noch einmal unterboten werden. Bei einer Diplomarbeit über „Wickie und die starken Männer“ hat die Verfasserin eine einzige „Wickie“-Folge mit einer Kindergartengruppe angeschaut und davon ein Gedächtnisprotokoll angefertigt und das war nicht einmal vollständig in der Arbeit abgedruckt. Das war der ganze Empirie-Teil. Damit wurde sie Universitätsassistentin.

ZEIT Campus online : Sind Plagiieren und Mickymaus-Forschung denn Symptome der gleichen Entwicklung?

Weber : Sie sind die Symptome der gleichen Entwicklung, was die Qualitätsfeindlichkeit der Universitäten betrifft.

ZEIT Campus online : Sie fordern, dass der Geist in die Textkultur zurückkehren soll. Wie?

Weber : Es wäre ganz einfach, wenn an Universitäten die Kultur der Heuchelei und des Fakes durch die Liebe zum Forschungsobjekt abgelöst wird. Die Universität hat sich grundlegend gewandelt. Bei einer Vorlesung hören die Studierenden nicht mehr zu, sondern besorgen sich die Powerpoint-Folien im Internet. Die reale Lehre wird ersetzt durch irgendwelche E-Learning-Experimente. Wenn aber das Plagiatsproblem nicht gelöst wird, wird auch das Problem der Unbildung nicht gelöst.

ZEIT Campus online : Mit Ihrem Buch haben Sie sich vermutlich nicht nur Freunde gemacht, oder?

Weber : Seitdem mein Buch auf dem Markt ist, bekomme ich nicht eine einzige Einladung mehr zu irgendwas. Ein österreichischer Kollege wird sehr glaubwürdig mit den Worten zitiert: „Webers Kopf muss rollen.“

Der Österreicher Stefan Weber ist Medienwissenschaftler und Autor. Ende 2006 hat er das Buch "Das Google-Copy-Paste-Syndrom" veröffentlicht, das sich mit der Plagiatskultur an Universitäten beschäftigt. Weil er in den vergangenen Jahren einige plagiierte Abschlussarbeiten entdeckt hat, nennt ihn die österreichische Presse gerne „Plagiatsjäger“.

Die Fragen stellte Sebastian Dalkowski .


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Leser-Kommentare

    • 25.04.2007 um 12:21 Uhr
    • KMurx
    1.

    Mir draengt sich der Verdacht auf, dass das Problem aber wirklich nur eines der 'Geisteswissenschaften' ist.
    Zumindest ich koennte meine Diplomarbeit definitiv nicht ohne eigenen 'Geist' schreiben, schliesslich will der Prof. Resultate sehe, bzw. hoert sich an warum es gerade keine gibt.

    Oh, der hat sich allerdings vorher Gedanken ueber ein Thema gemacht, das mit seiner eigenen Forschung zusammenhaengt, und mir klar gesagt wo wir stehen und wo wir hin wollen.
    Koennten vielleicht auch Medien-'wissenschaftler' in Erwaegung ziehen.

    • 25.04.2007 um 13:11 Uhr
    • HobNob

    Das halte ich für eine relativ blauäugige Ansicht. Plagiat bedeutet im Normalfall aber nicht daß jemand _komplett_ ohne 'eigenen Geist' auskommt, sondern daß er sich Teile seiner Arbeit zusammenklaut anstatt sich selbst die Arbeit zu machen. Und es muß gar nicht mal immer so sein daß jemand plagiiert weil er selbst nicht in der Lage wäre seine Arbeit zu schreiben.

    Dadurch ist es sehr wohl ein Problem, das auch die 'richtigen' Wissenschaften tangieren kann (und das vermutlich auch tut). Auch wenn Ihr Professor Resultate sehen will und Ihnen klare Arbeitsanweisungen gibt, heißt das nicht daß Plagiat deshalb von vorneherein ausgeschlossen ist. Schließlich schaut er seinen Studenten ja nicht ständig über die Schulter um sicherzustellen daß diese Resultate auch wirklich von ihnen stammen.

    • 21.03.2008 um 3:46 Uhr
    • sbo78

    Es wäre doch mal ein interessantes Thema, Plagiatsverhinderung zu erforschen? Aber da gibt es wahrscheinlich noch nicht viel, man müsste die Arbeit wohl selber machen ;-)Ich denke, Plagiate sind heute auch häufiger geworden, weil es so leicht geworden ist. Früher hätte man eine ferne Bibliothek aufsuchen und eine verstaubte Arbeit ausgraben müssen - da kann ich fast schon selber schreiben. Heute bestelle ich eine fremdsprachige Arbeit im Internet, übersetze die und fertig ist. Wer soll das merken? Ich glaube nicht, dass Software schon soweit ist, dass sprachübergreifende Plagiatssuche gut funktioniert (ansatzweise ggf. mit Englisch?). Ein weiteres Problem wird sein, dass den Betreuern nur sehr wenig Zeit (=Geld!) zur Verfügung steht, um sich umfassend mit einer Arbeit zu befassen. Wer eine Arbeit von 30 Seiten mit einem Zeitbudget von acht Stunden bewerten soll muss entweder viel Freizeit aufwenden oder sich zwangsläufig auf Stichproben beschränken. Bei Arbeiten zum ersten wissenschaftlichen Titel (Bachelor, Magister, Diplom...) wird ein Professor wahrscheinlich nicht soo spannende neue Erkenntnisse erwarten, dass er sich aus fachlichem Interesse intensiv damit auseinander setzt?Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es Menschen gibt, die Literaturverzeichnisse weitgehend aus bearbeiteten Quellen übernehmen - auch eine Form von Plagiat, die mit einer einfachen Durchsicht der Arbeit schwer zu entdecken ist und bei anständiger Vorbereitung durch den Studierenden auch in einer mündlichen Prüfung nicht auffliegen muss. Er hat sich ja mit dem Thema befasst.Lösung könnte sein, dass alle relevanten Hochschulen (min. deutschsprachiger Raum, besser OECD) sich zusammen tun und alle vorhandenen Arbeiten in ein elektronisches Register einpflegen. Das kostet allerdings viel Geld! Erleichtert jedoch die Plagiatssuche per Software. Außerdem ist es Aufgabe der Akkreditierungseinrichtungen sicherzustellen, dass die Betreuung wissenschaftlicher Arbeiten mit einem solchen Zeitbudget ausgestattet ist, dass eine realistische Chance auf Entdeckung von plumpen Plagiaten entsteht. Einschließlich einer obligatorischen mündlichen Prüfung zum Thema, die immerhin garantiert, dass der Prüfling das Thema beherrscht - wie auch immer die Arbeit entstanden sein mag.Für Dissertationen bietet sich eine ganz einfache Lösung an: die Einbindung in ein Forschungsteam. Dieses Team muss insgesamt vorwärts kommen und wird wenig dankbar sein, wenn ein Mitglied nur Bekanntes wiederholt. Wer eine Fragestellung bearbeitet, die nachweislich noch nicht wissenschaftlich bearbeitet wurde, der kann außerdem nur schwierig abschreiben...

    • 25.03.2008 um 0:27 Uhr
    • konne

    Ist denn das so schlimm? Im Mittelalter finden wir haufenweise Plagiate, einige wurden übersetzt und sind auch heute noch Grundlage der Kultur Dank der Technologie sind wir wiedr im Mittelalter glandet uind können alles plagieren. Ich selbst habe meine Arbeiten unter Verschluss .Es sind bedeutende Sprachforschungen die ich meinen Schülern nur bruchweise zugänglich mache. Es sind gute Einsichten und beinhalten wichtige Informationen die ich aber nicht für diesen Preis verschenken möchte. Heute, im Zeitalter der Technologie sehe ich auch die Verdummung der Studenten (und somit unserer Gesellschaft) das Abschreiben, Aufsagen und muss nur lächeln. Heute sollten wir nicht so viel Zeit mit Doktorenarbeiten und anderen dummen Aufsätzen vergeuden sondern uns hinsetzen und mal nachdenken wie man eine Arbeit machen kann ohne plagiern zu können. In der Literatur können es beispielsweise Textauszüge sein, die man kommentieren sollte ohne dabei alle Linguisten zu zitieren. Auf der andren Seite sehe ich mit grosser Trauer, was für Lehrer,Ärzte.... auf den Menschen losgelassen werden, die keine ahnung von der Praxis haben. Man sollte vielleicht doch mehr an die echte Qualifikation am Arbeitsplatz denken als an all diese (meist unnützen) Arbeiten. Wie kan mich ein Arzt behandeln wenn er zwar die Theorie (sei es durch plagieren oder durch seine eigene Arbeit) voll beherrscht, jedoch in der PRaxis eine "Null"ist" ? Wie kann ich einen erstklassigen Germanisten, der jedoch kein Einfühlungsvermögen bei Kindern hat oder sie sogar hasst, in einer Schule arbeiten lassen? Wäre es nun nicht an der Zeit von unserem Hohen Rosse herunterzusteigen und der RealitÄt ins Auge zu sehen. Früher, im Mittelalter wurden Werke aufgeführt und deren Namen geändert und waren ein voller Erfolg. die Leute, die etwas wussten und es anwenden ¨konnten" waren die wahren Protagonsiten der Gesellschaft.
    Der Titel gibt leider die Mittel, jedoch der Effekt ist verheerend.

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  • Von Sebastian Dalkowski
  • Datum 19.3.2008 - 10:58 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE,
  • Kommentare 4
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