Blogger in China Das Private ist das Politische

In China berichten Millionen Studenten in Blogs aus ihrem Alltag, Politik ist dabei kein Thema. Dennoch: Die Meinung des Einzelnen bekommt mehr Gewicht.

Die 24-jährige Kang ist gestern spät eingeschlafen, schreibt sie . „Die Geschichte ist vorbei. Es hat plötzlich angefangen, und es hat plötzlich aufgehört - manche Dinge vergehen so schnell, wie sie begonnen haben. So eilig wie eine Sternschnuppe ziehen sie vorbei.“ Die chinesische Studentin aus Chongqing vertraut das ihrem Blog an, ihrem Tagebuch im Internet, das ihre Freunde in ganz China lesen. Einer von ihnen sitzt in Xi’an im Studentenwohnheim vor seinem Computer. Als der 24-jährige Hongjie den Eintrag liest, macht er sich Sorgen und setzt sofort einen Kommentar unter den Eintrag von Kang: „Was ist passiert? Sag nicht, dass mit Deinem Freund Schluss ist.“

Für die beiden ist es ganz normal, über Privates via öffentliches Netz zu kommunizieren. In vielen Grundschulen Chinas gehört es zur Hausaufgabe, über das tägliche Leben Buch zu führen. „Damals haben wir oft nur Gedichte kopiert, später auf der Mittelschule habe ich dann ein privates Tagebuch geführt, und nun schreiben wir eben Blogs“, erzählt Hongjie.

Auf den Campusanlagen des Landes ist der Austausch von Blog-Urls mittlerweile fast so üblich wie der von E-Mail-Adressen. Zwar ist die Anzahl der Blogger schwer zu schätzen, weil manche mehr als einen Blog schreiben, andere wiederum nach kurzer Zeit wieder aufhören. Konservative Schätzungen beginnen bei 10 Millionen Blogs im Land – bei einem Großteil der Schreiber dürfte es sich um Studenten handeln.

Die Assistenzprofessorin Liu Jin , die an der Pekinger Jugend-Universität für Politische Wissenschaft Kommunikationswissenschaften lehrt, gehört zu den wenigen Wissenschaftlern im Land, die ihre Forschungsarbeit allein der chinesischen Blogging-Sphäre widmet. „Die Blogs, die in China die meiste Beachtung bekommen, sind natürlich die von Stars und die politischen, die sich mit kritischen Themen befassen“, sagt Liu Jin, „aber getragen wird die Blogbewegung von Studenten, die sich mit ihrem Alltag beschäftigen.“

Sophia aus Peking, die englische Literatur studiert, schreibt lieber über Privates, als dass sie darüber spricht, sagt sie. „Ich bin eigentlich eher der schüchterne Typ, diese Art zu kommunizieren liegt mir mehr.“ Ihr Blog lesen rund 100 Bekannte und Freunde regelmäßig. „Vor allem wenn es mir schlecht geht, hilft es mir, zu bloggen“, sagt sie – und hofft dann, vielleicht einen aufmunternden Kommentar von einem Freund zu bekommen. So wie sie das auch bei ihren Freunden macht. „Manchmal setze ich in den Blogs, die ich lese, einfach einen Kommentar drunter, nur um zu zeigen, dass ich den Eintrag gelesen habe.“

Professor Liu hält das für einen der entscheidenden Gründe für den Blogging-Trend in China. „Netzwerke aufzubauen und zu festigen hat bei uns einen noch viel höheren Stellenwert als im Westen und das geht via Blogs schnell und effizient“, sagt sie. Ihre Studenten, die fast alle ein eigenes Blog haben, würden sich so auch viel besser kennenlernen, glaubt sie. Aber nach Liu Jins Einschätzung hat das Phänomen noch viel weitreichendere Konsequenzen auf die chinesische Gesellschaft. „Letztlich geht es um Meinungsbildung und darum, dass eine öffentliche Diskussionsatmosphäre geschaffen wird.“ Eine, die es in China früher nicht gab und bis vor einigen Jahren auch gar nicht geben konnte.

Über Politik bloggen die meisten Studenten schon aus einem einfachen Grund nicht: In China riskiert man dabei mehr als nur, dass die Seite am nächsten Tag geschlossen wird. Die Internetzensur greift dabei früh: Tauchen in Einträgen kritische Begriffen wie Falungong oder 4. Juni auf, dem Tag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens, werden sie von den chinesischen Bloganbietern wie Sina erst gar nicht hochgeladen.

Trotzdem haben es kritische Blogger im Land geschafft, meist Professoren oder Journalisten, mit ihren Veröffentlichungen zu Korruptions- und Umweltskandalen für Aufsehen und Aufklärung zu sorgen. Sie waren es allerdings nicht, die den Blogging-Trend für die Masse in Bewegung setzten. Das gelang Mu Zimei, einer Journalistin aus Guangzhou 2003. Die lebhafte Schilderung ihres ausschweifenden Sexlebens erreichte zu Höchstzeiten Klickzahlen im achtstelligen Bereich – bevor ihr virtuelles Tagebuch abgeschaltet wurde.

Auch Sophia begann kurz nach Mu Zimeis Aufstieg zu bloggen. „Ich denke die meisten haben wie ich erst durch sie von der Möglichkeit erfahren, aber thematisch wollte ich ihr es natürlich nicht gleichtun“, sagt die 25-jährige Studentin. Sophia schreibt lieber über Bettler am Straßenrand, über amerikanische Serien, Musik oder darüber, wie oberflächlich westliche Medien über China berichten. Eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters, in der eine Frau aus dem sechsten Stock gefallen war und angeblich überlebte, weil sie in einen Haufen Scheiße fiel, ärgert sie besonders: „Die meisten Informationen sind so langweilig, es ist, als ob man in einem öden Meer schwimmt.“

Das ist nicht unbedingt brisanter Stoff, aber Ausdruck einer Geisteshaltung: Die Meinung und Gedanken des Einzelnen zählen. „Die chinesische Gesellschaft richtet sich wieder mehr auf das Individuum aus“, glaubt Assistenzprofessorin Liu Jin. Die Auseinandersetzung mit sich und den Meinungen anderer würde durch das Bloggen einen enormen Schub bekommen – für mehr Demokratie im Land eine wichtige Voraussetzung.

Tipp: Mit Altavista-Babelfish lassen sich die chinesischen Blogs ins Deutsche übersetzen.

 
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