Mädelschaften Schmiss und Mensur ade
Athenia, Bremensia oder Concordia Feminarum räumen auf mit Klischees über Burschenschaften. Zuallererst: Akademische Verbindungen sind nicht nur was für Männer.
Als Julia Hedderich zum Studieren nach Kiel kam, kannte sie niemanden. Die Universität war ein anonymer Betonklotz, die Stadt an der Ostsee für sie ein fremdes Häusermeer. Doch Hedderich wusste sich zu helfen. Schon früh interessierte sie sich für Studentenverbindungen, für Burschen- und Mädelschaften. Und so suchte sie auch nicht nur nach Gleichgesinnten im Seminar, sondern wandte sich an eine Studentinnenverbindung. Von der einzigen akademischen Damenverbindung Concordia Feminarum in Kiel war sie gleich begeistert. „Hier bin ich herzlich aufgenommen worden und habe viele unterschiedliche Leute kennen gelernt“, sagt Hedderich.
Dabei stoßen junge Frauen, die sich einer Verbindung anschließen, oft auf Skepsis. „Da heißt es dann, wir seien rechtsextrem und elitär“, erzählt Kristin Oeing von der Mädelschaft
Bremensia
in Braunschweig. Mit den alten Burschenschaften, die sich durchaus zu bestimmten politischen oder religiösen Richtungen bekennen, haben die allermeisten Damenverbindungen aber so viel gemeinsam wie ein katholisches Mädchenpensionat mit Harry Potters Zauberschule Hogwarts - so gut wie nichts. „Viele alte Verbindungsrituale passen schon deshalb nicht zu uns, weil wir eben nicht wie manche Burschenschaften seit 150 Jahren bestehen“, sagt Hedderich.
Die Gründerinnen der Concordia Feminarum dachten sich anno 1986: „Was die Männer da machen, können wir noch besser“ und entstaubten daraufhin die althergebrachten Verbindungstraditionen von Trinkzwang, Kneipe und Zipfel. Stattdessen schrieben sie sich Herzensbildung, Toleranz und Individualität auf die Weinbänder, die gestreiften Schärpen, die man auch von den Herren kennt. Von den alten Traditionen blieben nur das Farbentragen und das Lebensbundprinzip. „Das ist uns sehr wichtig. Wir wollen wirklich ein Leben lang miteinander verbunden bleiben, füreinander einstehen“, sagt Alexandra Kruse, Philistra, also Seniormitglied, der Concordia Feminarum.
Die Farben Rot, Weiß und Blau stehen für das Bundesland Schleswig-Holstein. Tatsächlich kommen aber auch aus den umliegenden Universitätsstädten Flensburg, Hamburg und Lüneburg Studentinnen zur Concordia Feminarum. „Die Frauen suchen bei uns einen Kontrast zur Ellenbogenmentalität an der Universität“, sagt Kruse. Das bestätigt auch Oeing von Bremensia: „Der besondere Gruppenzusammenhalt reizt viele.“ Das Bedürfnis danach ist in den vergangenen Jahren scheinbar stärker geworden.
Die Zahl der Damenverbindungen an deutschen Universitäten ist allein in den letzten fünf Jahren um rund 50 Prozent gestiegen. Dafür gibt es auch noch andere Gründe als die Flucht vor dem universitären Einzelkämpfertum und Orientierungslosigkeit: „Die Vernetzung untereinander wird für ein erfolgreiches Studium und den anschließenden Berufseinstieg immer wichtiger. Männer haben sich deshalb schon immer in Seilschaften organisiert. Nun ziehen die Frauen nach“, meint Anni Hausladen, Networking- und Karriere-Expertin. Dementsprechend pragmatisch ist die ideologische Ausrichtung der Concordia Feminarum: „Wir sind weder politisch noch religiös engagiert. Wir unterstützen auch keine anderen Gruppen, sondern konzentrieren uns ausschließlich auf die Förderung junger Frauen“, sagen Hedderich und Kruse und meinen damit natürlich auch sich selbst.
Ebenso wenig ist die Bremensia politisch oder religiös, aber „uns ist es auch wichtig, soziale Kompetenzen zu entwickeln. Deshalb engagieren wir uns karitativ, beispielsweise für die Kinderkrebshilfe“, sagt Oeing. Die Vielfältigkeit der Studentinnenverbindungen setzt sich auch intern fort: In kaum einer anderen hochschulnahen Gruppe sind so viele Fachbereiche und Altersgruppen vertreten, unter deren Mitgliedern sich ähnlich feste Kontakte aufbauen lassen. „Gute Beziehungen zu älteren, schon im Beruf etablierten Seniorinnen sind sehr wertvoll. Damenverbindungen bieten einen stabilen Rahmen für solche Kontakte“, sagt Anni Hausladen. Auch deshalb legten die Herren den ersten Damenverbindungen Steine in den Weg. Belächelt und manchmal auch angefeindet worden seien sie, erinnert sich Alexandra Kruse an die Gründungsjahre der Concordia Feminarum.
Zwar ist die Mitgliedschaft in einer Studierendenverbindung heute auch kein Garant mehr für einen nahtlosen Übergang zwischen Studium und Beruf. „In den Führungsetagen mancher Großunternehmen konnte man ja früher kaum jemanden ohne Mensur finden. Diese Art des kompletten Nachzugs ist heute natürlich nicht mehr möglich“, sagt Hausladen. Trotzdem erleichtern generationen- und fachübergreifende Kontakte die Stellensuche. „Wir helfen uns mit Informationen, geben uns Tipps, und es kommt auch vor, dass eine Philistra einer Absolventin eine Stelle vermittelt“, erklärt Kruse.
Aber es geht nicht nur um Jobs, auch in privaten Angelegenheiten helfen sich die Frauen weiter, wo es geht. Das reicht von der Unterstützung bei Prüfungsvorbereitungen bis zur Suche nach einem neuen Stellplatz für das kranke Pferd eines Mitglieds.
Damit dieses Gemeinschaftsgefühl für neue Damen schnell erfahrbar wird, nimmt eine ältere, sogenannte Laibdame, eine neue Studentin an die Hand. Aus vielen dieser engen Anfangsbeziehungen ergeben sich langfristige Freundschaften, die für einige Frauen familiären Charakter annehmen: „Julia ist zum Beispiel meine Laibenkelin. Ihre Laibdame ist bei mir in die Lehre gegangen“, lacht Kruse.
So ernst die Verbindungsdamen ihre Gemeinschaft nehmen, so fröhlich und lustig geht es meistens zu. Kulturveranstaltungen wie ein Bildhauerkurs im nächsten Sommersemester stehen ebenso auf dem Programm wie wissenschaftliche Vorträge und Partynächte, zu denen Freunde, egal ob weiblich oder männlich, herzlich willkommen sind. „Ganz ohne Männer wäre es irgendwann auch langweilig“, meint Julia Hedderich. Nur das monatlich stattfindende Konvent, auf dem organisatorische und finanzielle Dinge besprochen werden, ist den Mitgliedern vorbehalten. „Da wird dann zum Beispiel das alljährliche Sommerfest geplant“, sagt Julia Hedderich, „eine unserer ganz eigenen Traditionen.“
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- Datum 11.05.2007 - 14:17 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE,
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„Da heißt es dann, wir seien rechtsextrem und elitär“.
Das 'rechtsextrem' in Deutschland als Vorwurf verstnden werden kann, verstehe ich ja noch, aber 'elitär'?
Wie kommt jemand darauf, das als Vorwurf zu verstehen oder zu gebrauchen?
Ist das nicht eher ein Lob, Anerkennung?
Sind die paar Prozent, die mehr tun, die nicht weg sehen, die sich engagieren, eben die Eliten, nicht die die das Land nicht nur am Leben erhalten, sondern weiter bringen?
Eine verkehrte Welt.
Von Studentenverbindungen kann man, je nach ideologischer Präferenz, halten, was man will. Sicherlich sind nicht alle über einen Kamm zu scheren, auch wenn schon die Struktur und Traditionsverbundenheit eine eher konservative Klientel anzieht. In der Schweiz z.B. existieren auch gemischte Verbindungen schon seit Jahrzenten, mit sehr unterschiedlicher ideologischer Orientierung. Es gibt sicherlich schwarze Schafe, insbesondere unter den Burschenschaften, die sich paradoxerweise eher am rechten politschen Rand bewegen - paradoxerweise deswegen, weil alle diese Vereinigungen während der NS - Zeit verboten waren, ideologische Konkurrenz zum NS - Studentenbund wurde nicht geduldet. Also eine eher dumme Idee, diese Zeit irgendwie zu glorifizieren. Die meisten Verbindungen wissen das auch, deswegen handelt es sich bei den schwarzen Schafen glücklicherweise um Ausnahmen, die sich durch ihr lästiges Lärmen nur leider immer wieder besonders unangenehm im Licht der Oeffentlichkeit bemerkbar machen. Aber ansonsten? StudentInnenverbindungen? Wer mag, soll doch. Demokratie gilt auch an deutschen Hochschulen, und Studentenverbindungen sind ein Teil des universitären Lebens. Wer nicht will, muss ja nicht eintreten. Kann sicher nett sein, für jemanden, der's mag. Und die Parties sind oft ziemlich gut...
Ich bin Burschenschafter nach Möglichkeit immer aus dem Weg - privat und beruflich - gegangen. Vor einigen Wochen hat mir der Personalvorstand aus einem Top 100 Unternehmen berichtet, daß in seinem Unternehmen Burschenschafter nach Möglichkeit nicht eingestellt werden.
@grisutheguru
1. Nein. (Frage beantwortet) 2, 'Rechtsextrem' ist kein bloßer Vorwurf, sondern in diesem (offensichtlich zusehends verblödenden) Lande immer noch ein Straftatsareal antidemokratischer, krimineller Gestalten, die Massenmmörder glorifizieren und/oder deren Taten bagatelliesieren bzw. 'gut' reden. 3. Das (strukturelle) Versagen diverser Elite(n) hat im 20. Jh. Mio. Menschen das Leben gekostet und kostet in vielen Ländern heutzutage immer noch Würde, Menschenleben und Zukunftsperspektiven. Halten Sie Ihren Beitrag für einen guten Witz?
@ Studenverbindungen à la feminin: Am Ende ist das alles - man möge mir die drastische Ausdrucksweise verzeihen - einfach nur: 'just another posse for the pussy'. Der gleiche Pseudo- und Psychokram von Corpsgeist, Treue, Zugehörigkeit und Zukunftsversprechen, wie er auch den abgebrochenen Hauptschüler in die 'Parteien der nationalen Identität' treibt. Tribale Phantasien eines entwurzelten Kleinbürgertums, das nachher offensichtlich mit wenig Anstrengung zu viel Geld verdient. Und das soll Elite sein? Ich lache.
@den Rest der Welt: Seht euch an, was Männer- und Frauenbündler, Religiöse und (politische) Überzeugungstäter, was all die letztlich Irren im Schafspelz der Auserwähltheit und vermeintlichen menschlichen Sublimation euch und euren Kindern gebracht haben und noch bringen werden - und ihr werdet, so ihr noch bei Restverstand seid, Epikurs Garten entweder verlassen oder mit Minen pflastern. Aber glücklich werdet ihr dort nicht.
Damenverbindungen werden von den, in der übergroßen Mehrheit, männerbündischen Studentenverbindungen gern als Feigenblatt angeführt. Nach der An- und Mitgliederzahl im Verhältnis zu Korporationen insgesamt sind Damenverbindungen dabei aber eher zu vernachlässigen.
Richtig ist, dass sie in Deutschland nicht rechtsextrem sind (in Österreich hingegen gibt es derlei ausgerichtete Damenverbindungen bereits).
Doch auch in den deutschen Damenverbindungen findet sich trotz ihres jüngeren Ursprunges sich allerlei Verstaubtes. Gemeint ist nicht nur das grundlegende Ausschlussprinzip für das andere Geschlecht. Auch das Frauenbild scheint nicht immer sehr progressiv. Die namensgebende Dame ist ja dem üblichen Verständnis nach ein beschützenswertes und erhabenes Wesen und weniger ein eigenständiges Individuum. So jedenfalls verstehen Korporations-Kollegen sehr oft Frauen, die als „Coleurdamen“ mal als hübscher Armschmuck auf den Verbindungspartys in Erscheinung treten dürfen. Weiblichkeit – Männlichkeit wird in StudentInnenverbindungen konstruiert.
Auch ein konservativer Werte- und Tugendkanon, verordnete lebenslange Freundschaft und Mitgliedschaft, sowie Unterordnungsrituale scheinen in Damenverbindungen zu finden sein.
Ein kritischerer Blick wäre hier schön gewesen, stattdessen werden Damenverbindungen beschrieben als wären sie feministische Lesezirkel.
@guru:
Elitär meint in seiner sprachlichen Bedeutung ja nicht nur "einer Elite zugehörig", sondern auch: ausgrenzend, arrogant, Höherwertigkeit vertretend. Und das klingt dann schon sehr nach Vorwurf.
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