Aufnahmetests Berliner Test-Ballon
Wer an der Freien Universität Berlin Psychologie studieren will, muss vom kommenden Semester an erstmals einen mehrstündigen Test bestehen. Solche Tests könnten bald an vielen Universitäten Standard sein.
Jahrzehntelang stand sie am Anfang, oft aber auch am Ende der Bemühungen deutscher Abiturienten um einen Studienplatz an einer Universität in Deutschland: Die Zentralvergabestelle für Studienplätze in Dortmund, kurz ZVS. Wer Medizin oder Psychologie studieren wollte, wurde je nach Abiturdurchschnitt und Wartesemestern von der ZVS einer Uni zugewiesen - oder eben auch nicht. Wer weder exzellente Noten noch zahlreiche Wartesemester vorweisen konnte, hatte das Nachsehen.
Seit Beginn des Jahres 2005 haben sich die Zulassungsmodalitäten geändert - zumindest theoretisch. Die Hochschulen dürfen nun 60 Prozent ihrer Studenten selbst auswählen. Wie die Universitäten diese Regelung in die Praxis umsetzen, bleibt ihnen selbst überlassen. Weil für aufwendige Tests und Interviews Geld und Personal fehlen, behelfen sich die meisten Universitäten damit, einzelne Fachnoten zu prüfen. Das ist positiv für jene, die in den relevanten Fächern besonders gut abgeschnitten haben. Damit entscheidet also oft immer noch ausschließlich das Abitur über den Erfolg einer Bewerbung.
Angesichts hoher Abbrecherquoten reicht das vielen Universitäten jedoch nicht mehr. Sie möchten sehr genau abschätzen können, welche Bewerber ihr Studium wohl erfolgreich abzuschließen werden. Gleichzeitig soll geeigneten Abiturienten der Zugang nicht aufgrund zu mieser Noten verwehrt werden. Wie aber kann das funktionieren?
Der Fachbereich Psychologie an der Freien Universität Berlin ist einer der ersten, der auf diese Frage mit einem Eignungstest antwortet. Vom Wintersemester 2007/2008 an will die FU die Bewerber mehre Stunden lang auf ihre Studierfähigkeit abklopfen. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Psychologie arbeiten bundesweit Experten an dem ehrgeizigen Projekt, den Test sollen später alle psychologischen Institute in Deutschland verwenden können. Was bedeutet das für Bewerber?
"Unser Test besteht aus mehreren Modulen. Jede Hochschule kann sich daraus eine Eignungsprüfung bauen, die zu den örtlichen Besonderheiten und Vorstellungen passt", erklärt der Psychologe Oliver Wilhelm von der HU Berlin, der den Test mitentwickelt. In dem Computertest prüfen er und seine Kollegen unter anderem, wie gut die Bewerber Probleme angehen, Mathematikaufgaben lösen und einen englischen Text verstehen können.
Auswahlgespräche hält Wilhelm hingegen für unnötig: "Zusätzliche Interviews verfälschen die Ergebnisse", sagt der Forscher. Zudem lägen die Vorteile eines weitgehend einheitlichen Eignungstests auf der Hand: "Wenn ein Bewerber bei der ZVS sechs Wunsch-Unis angegeben hat, muss er sich im schlimmsten Fall sechs unterschiedlichen Prüfungen in sechs unterschiedlichen Orten stellen. Ein logistischer Albtraum, für Unis und Bewerber", sagt Wilhelm.
Bisher jedoch setzen nur wenige Hochschulen auf Eignungsprüfungen. Die Gründe dafür sind vielfältig. "In Hessen etwa sprechen die kürzlich eingeführten Studiengebühren dagegen, zusätzlich Geld für einen Test auszugeben", sagt Wilhelm. Bis jetzt habe niemand vorgeschlagen, die Gebühren in Eignungsprüfungen zu stecken. "In Berlin gibt es momentan zwar eine Obergrenze von 25 Euro pro Test-Teilnehmer, das ist aber eindeutig zu wenig." Mindestens 50 Euro pro Bewerber koste der Test, schätzt der Wissenschaftler.
Bereits seit Jahren gehen Forscher der Frage nach, wie die Hochschulen ihre Studenten am besten auswählen sollten und ob Eignungsprüfungen immer sinnvoll sind. Benedikt Hell, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Psychologie an der Universität Hohenheim, kam 2006 in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass schon die Schulnoten sehr zuverlässig die Noten im Studium voraussagen. Er begründet das vor allem damit, dass diese Noten über mehrere Jahre, von unterschiedlichen Lehrern und in mündlichen wie schriftlichen Prüfungssituationen vergeben werden.
Gibt es aber sehr viele Bewerber und nur wenige Studienplätze, können Eignungstests sehr sinnvoll sein, sagt Hell. Das ist vor allem in den Fächern Jura, Medizin und Psychologie der Fall. Auswahlgespräche kommen auch in der Hohenheimer Analyse schlecht weg. Sie seien keine geeigneten Mittel, um Bewerber auszusieben. Im Gegenteil: Sie machten das Testergebnis ungenauer.
Private Hochschulen suchen sich ihre Studenten in einigen Fächern schon länger selbst aus, manche mit, manche ohne Interviews. Mit eigenen Tests und Gesprächen könne eine Hochschule sich profilieren und dafür sorgen, dass Studenten nicht mit völlig falschen Vorstellungen ein Studium begännen, meint Psychologin Claudia Uthmann von der privat geführten "SRH Hochschule" in Heidelberg. Dazu gehöre aber auch, die Abiturienten vorher genau darüber zu informieren, was im Studium auf sie zukommt.
Staatliche Unis können sich solche hochschuleigenen Tests kaum leisten: Eine komplexe Eignungsprüfung zu entwickeln, würde jede Hochschule mehr als 150.000 Euro kosten, hat der Bonner Wissenschaftler Günter Trost im Jahr 2003 ausgerechnet.
FU-Präsident Lenzen hat deshalb bereits vorgeschlagen, künftig Eignungsprüfungen in allen Fachbereichen und an allen Universitäten von einem zentralen Institut durchführen zu lassen. Ob es wirklich dazu kommt, darüber wird auch der Erfolg des Tests an seiner Hochschule entscheiden.
- Datum 01.11.2007 - 11:34 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 2.5.2007 - 19:21 Uhr
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