Private Hochschulen Witten-Herdecke in Not

Die Privatuni Witten-Herdecke steckt in Finanznöten. Private Geldgeber könnten die Hochschule retten. Doch dann droht die weitere Kommerzialisierung von Lehre und Forschung

Der Privatuniversität Witten-Herdecke fehlt Geld. So viel Geld, dass nicht sicher ist, ob Deutschlands älteste Privatuni überhaupt noch länger bestehen kann. Vermutlich wird der private Klinik- und Fachhochschulbetreiber SRH aus Heidelberg mit rund 13 Millionen Euro einsteigen, die Entscheidung darüber fällt im Mai. Doch laut SRH müssten weitere "drei bis vier potente Partner" je etwa dieselbe Summe zuschießen, um die Hochschule dauerhaft zu sanieren. Mit den privaten Geldgebern aber dürften sich Forschung und Lehre an der anthroposophisch geprägten Uni stark verändern.

1200 Studenten studieren derzeit an der Uni Witten-Herdecke. In manchen Medizinseminaren liegt der Betreuungsschlüssel bei einem Dozenten für zwei Studenten. Nach dem Willen der SRH soll die Zahl der Studierenden steigen - und auch die der Studienbeiträge. "Die Höhe der Studienbeiträge und die Zahl der Studenten entspricht derzeit bei Weitem nicht dem Stand in anderen Hochschulen", sagt SRH-Sprecher Nils Birschmann. Auch die Straffung des Forschungsbereichs zeichnet sich bereits ab: "Bei der Forschung müssen wir mehr schauen: Was brauchen die Wirtschaft und die Gesellschaft", so Birschmann.

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Als die Privatuni Anfang der achtziger Jahre gegründet wurde, forderten viele eine grundlegende Reform des Medizinstudiums: mehr Praxis, ein diskussionsfreudiger Austausch mit den Professoren und moderne Inhalte. Das Projekt war von idealistischen Hoffnungen begleitet. Führende Unternehmer wie der frühere Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und Krupp-Stiftungschef Berthold Beitz unterstützten die Neugründung.

"Zur Freiheit ermutigen, soziale Verantwortung fördern, nach Wahrheit streben", propagiert die Hochschule als ihre Grundwerte bis heute. Im Vorlesungsverzeichnis der angehenden Ärzte aus Witten-Herdecke haben traditionelle chinesische Medizin, Akupunktur und Musiktherapie ihren festen Platz. Der enge Praxisbezug mit Mentorenfirmen, kooperierenden Kliniken und Hausärzten sowie die Mitsprachemöglichkeiten bei der Gestaltung des Studiums bringt der Universität nicht nur vordere Plätze in Hochschulrankings ein, sondern nach eigener Einschätzung auch überdurchschnittliche Erfolge beim Berufseinstieg ihrer Absolventen.

So alt wie die Hochschule selbst aber sind ihre Finanznöte. 1995 stiegen daher das Land und der Bund beim laufenden Betrieb ein. 2005 sollte das Förderprogramm ursprünglich auslaufen, notgedrungen musste es verlängert werden. Für einen Paukenschlag sorgte im Sommer 2006 dann die scharfe Kritik des Wissenschaftsrats an der medizinischen Forschung der Uni. Ihre Akkreditierung, das universitäre Gütesiegel, bekam sie erst, nachdem sie erhebliche Personalaufstockungen in der Medizin zusicherte.

Dieser Ausbau ist für die Hochschulleitung jedoch nicht finanzierbar - zumindest nicht ohne Partner. Ohnehin fehlen im 30-Millionen-Etat jedes Jahr drei bis vier Millionen Euro. Diese Summe wird entweder eingespart oder durch zusätzliche Sponsoren hereingeholt. Uni-Präsident Wolfgang Glatthaar - ein Ex-IBM-Manager - sprach deshalb die gemeinnützige, aber wirtschaftlich arbeitende SRH-Stiftung an. Die Gespräche laufen seit Dezember.

Dass ein gewinnorientiertes Unternehmen die Universität "feindlich übernehmen" könnte, sorgte für viel Unruhe auf dem Campus. "Da geisterte viel Misstrauen durch die Flure", erzählt
Universitätssprecher Dirk Hans. "Inzwischen haben wir uns aber gegenseitig besser kennen gelernt und die Sorgen haben abgenommen."

Leser-Kommentare
    • KMurx
    • 20.04.2007 um 17:22 Uhr
    1. Warum?

    Warum bemueht sich die ZEIT seit Jahren so 'aufopfernd' um diese 'Universitaet'?
    Das ist bei weitem nicht der erste Artikel zu diesem 'Thema', eine kurze Suche liefert volle 19 (!) Artikel die diese 'Institution' erwaehnen.

    Und das alles wegen kuemmerlichen 1200 Studenten und einem Haufen unfaehiger Manager?

    Es gaebe wirklich wichtigere Themen im Bildungsbereich...

    • evgo
    • 21.04.2007 um 8:51 Uhr

    Wenn man ohne ein inhaltliches und organisatorischen Konzept eine private Uni gründet, dann sollte man nicht überrascht sein, wenn man plötzlich vor dem AUS steht.
    Es wurde höchste Zeit, dass da frischer Wind durch einen neuen Präsidenten in diesen Laden kam und man endlich den Realitäten in Gesicht sieht.

    • KMurx
    • 25.04.2007 um 11:54 Uhr
    3.

    Aus ihren Angaben kann man ja kurz ueberschlagen:
    Betreuungsschluessel zwischen 1:2 und 1:5, 1200 Studenten --> Mindestens 240 Dozenten, _ohne Doktoranden einzurechnen_.

    Und dann 300 Veroeffentlichungen im Jahr? Das ist nicht laecherlich, das ist peinlich!
    Pro Dozent/Doktorand ca. eine Veroeffentlichung pro Jahr?!?

    Da haben hier (MPI/MF) manche _Diplomanden_ (Diplomarbeit dauert ein Jahr) mehr.

    Das ganze scheint mir ein 'Modell' dafuer zu sein, dass wenn man extrem viel Geld (in Form von Dozenten) auf sehr wenig Studenten verwendet man gute Absolventen bekommt.
    Und dabei reicht das viele Geld nicht mal fuer auch nur halbwegs anstaendige Forschung?!?

    Das System ist offensichtlich nicht effizient, und deshalb in einer Umwelt die nun nur mal begrenzte Ressourcen hat nicht lebensfaehig.

    • uff
    • 20.04.2007 um 12:29 Uhr

    dass sich Wege finden werden. Da gehe ich aber ganz stark von aus.
    Ich kenne nur die antroposophische Klinik Havelhöhe Berlin.
    Leute, eine Erholung für schulmedizinisch gestresste Seelen.
    Womit ich aber nichts gegen die Schulmedizin gesagt haben will.

    • evgo
    • 24.04.2007 um 18:54 Uhr

    Das kann man eindrucksvoll in der Wirtschaftswoche Nr. 44 vom 24.10.1996 nachlesen. Dort findet man u.a.: ' ... Daß Professoren und Studenten sich duzen, ist noch kein Zeichen für Qualität', wettert Wössner. 'Wenn Witten keine Eliteschule wird, hat Bertelsmann da nichts verloren', entschied er. Seine klare Forderung: 'Witten muß das deutsche St. Gallen werden.'
    Und seit der Zeit hat sich nicht nur Bertelsmann zurückgezogen – so einfach ist das!
    Heute werden vom Nachfolger des Dr.K.S. händeringend finanziell potentielle Partener gesucht!
    Das nur zur Ergänzung des Gutachtens vom Wissenschaftsrat aus dem Jahr 2005/06 die Medizin in Witten/Herdecke betreffend, der zum Problem der UWH wurde.

  1. @Kmurx (I):
    __ hier schreibt einer, der kümmerlichen 1.117 Studierenden
    __ 19(!) Artikel: warum? weil die UWH als Bildungseinrichtung Modellcharakter hat - warum? -weiterlesen!
    @Kmurx (II): unfaehige Manager: zumindest die Absolventen der Wirtschaftsfakultät weisen
    __ mit höchsten Einstiegsgehälter im bundesdeutschen Durchschnitt auf
    __ die schnellste Übertragung von Budget- und Personalverantwortung und
    __ die zügigste Übertragung von geschäftsführenden Aufgaben
    __ Stipendienquote: 12,25 %
    __ Preise (Auswahl): L‘Oréal Marketing Award (2004)
    Hirnforschung in der Geriatrie (2005), Förderpreis der Bayerischen Landesbank, Sieger im Wettbewerb „Start social“
    __ Rankings: CHE 2005 (Spitzengruppe), „Karriere“ 2005 (Platz 1), Spiegel 2004 (Platz 1), Stern Spezial 2004 („sehr gut“)
    __ Internationale Veröffentlichungen in referierten Journals: ca. 300 p.a.
    __ Betreuungsverhältnis (je nach Fachrichtung): 1: 2 (Medizin) bis 1: 4,5 (Wirtschaftswissenschaften)
    __ Selbständigenquote Wirtschaftsabsolventen: 23 %
    __ Studienzufriedenheit im gewählten Hauptfach: 92 %
    (Untersuchung der Universität Frankfurt, 2006;
    zum Vergleich: Universität Münster: 42 % )
    __ Mentorenfirmen: > 500; Partneruniversitäten: 50 weltweit,
    z.B. Harvard Medical School, Boston

    __ und noch vieles, vieles mehr...

    @evgo
    __ inhaltliches Konzept: Dr. Alfred Herrhausen 'Denken, Ordnen, Handeln'; Gründungsrede zur Universität Witten/Herdecke
    __ organisatorisches Konzept: die UWH hat Nachahmer für ihren Modellcharakter in: studium fundamentale, sozial gerechtes Finanzierungsmodell, Approbationsordnung u.v.m.
    __ 'an der Realität vorbei': s.o. Aufzählung!

    Was mich doch überrascht, ist, daß ich den Lesern der ZEIT zumindest ein gewisses Niveau unterstelle - im Denken, im Ausdruck... das vermisse ich hier schmerzlich...

    ]to be continued[

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