Schülerkultur Wissenschaft der Spickzettel
Warum bereitet der Abistreich aufs Berufsleben vor? Was sagen Spickzettel über Schülergenerationen aus? Schülerkultur ist ein Forschungsobjekt für Volkskundler und Erziehungswissenschaftler.
„Heute Abi – morgen die ganze Welt“. Das ist das Motto der diesjährigen Abiturfeiern am Werner-Jäger-Gymnasium im niederrheinischen Lobberich, und Caroline Latz ist mitten drin. Die 19-Jährige plant, bastelt, organisiert und telefoniert. „Das macht mir alles total viel Spaß“, sagt sie und ist schon wieder unterwegs zum nächsten Gruppentreffen. Schließlich muss der Abistreich geplant werden. „Eigentlich bin ich ja in der Abiball-Gruppe, aber für den Abistreich gibt es noch so viel vorzubereiten, deswegen helfe ich denen jetzt aus.“ Drei Stunden später ist sie wieder zu Hause und voller Vorfreude. „Das wird super. Wir haben ja das Thema James Bond, schließlich sind wir der Jahrgang 007, und auch der Abistreich wird ein riesiges Event rund um das Thema James Bond.“ Die Stufenleiter sollen mit Limousinen zur Schule gebracht werden, danach wird eine große Bühnenshow in der Aula stattfinden, bei der selbst gedrehte Videos auf Leinwänden gezeigt und Spiele mit Lehrern und Schülern veranstaltet werden.
Ein Riesenspektakel also, aber das entspricht genau dem allgemeinen Trend, sagt die Volkskundlerin Gabriele Dafft. „Früher waren die Abistreiche häufig destruktive Statements. Da gab es dann Misthaufen auf den Schulhöfen oder verbrannte Klausurenhefte. Das ist heute gar nicht mehr so, heute entwickelt sich das zunehmend hin zu einem Schulfest mit Show-Elementen, bei dem die ganze Schule gemeinschaftlich feiern soll.“
Vier Jahre lang hat sie das Phänomen erforscht und dazu Dutzende Abistreiche in zehn rheinländischen Städten genau untersucht. Immer wieder hat sich die 36-Jährige dazu mit Schülern, Lehrern und Direktoren getroffen, Telefoninterviews geführt, an Vorbereitungstreffen teilgenommen und schließlich natürlich auch den eigentlichen Abistreich angeschaut. „Ich war zwar immer zum Arbeiten da, aber manchmal, wenn ich dann bei einem guten Abistreich war, wo die Stimmung richtig übergesprungen ist, dann hat mir das Arbeiten natürlich besonders viel Spaß gemacht.“
Die Idee, Abistreiche wissenschaftlich zu untersuchen, kam Gabriele Dafft gemeinsam mit ihrem Team am Amt für Rheinische Landeskunde in Bonn. „Wir untersuchen immer wieder alltagskulturelle Dinge und wollten auch einmal die Schülerkultur erforschen. Warum organisieren die denn diese teilweise beeindruckenden Veranstaltungen. wenn sie doch eigentlich für ihre Prüfungen lernen müssen? Was steckt dahinter?“ Nicht immer stieß dieses Anliegen auf Verständnis. „Viele Schulleiter haben erst mal verwundert reagiert: „Abistreich – was wollen Sie denn da forschen?“, aber die Ergebnisse haben dann überzeugt.“
Diese Ergebnisse hat Gabriele Dafft gerade in einem Buch veröffentlicht: Mirabilis. Kreatives Eventmanagement auf Rheinisch . Der Abistreich, sagt sie darin, ist für die Schüler nicht nur eine große Party, sondern auch Berufsvorbereitung – wenn auch meistens unbewusst. „Beim Abistreich können die Schüler ihre Management-Qualitäten testen. Sie müssen Teamfähigkeit und Organisationstalent beweisen und eine große Leistungsbereitschaft mitbringen.“ Und das machen sie, ganz entgegen den Klischees von Spaß- oder Null-Bock-Generation. „Null Bock – das gibt es gar nicht. Bei den Abistreichen geht es natürlich in erster Linie um den Spaß daran, sich selbst und das Abi zu feiern, aber darüber entwickeln die Schüler dann auch Spaß an der Arbeit und sind sehr leistungsbereit.“
Doch nicht nur am Beispiel der Abistreiche wird die Schülerkultur in Deutschland erforscht. Die Erziehungswissenschaftlerin Annette Scheunpflug von der Universität Erlangen-Nürnberg benutzt dazu Spickzettel und andere Schülerkritzeleien. „Daran können wir sehr schön sehen, wie sich die Sorgen der Schüler und auch ihre Sprache über die Jahre verändert haben und wie sie mit neuen Themen umgehen.“ Die Zettelchen sind extrem wichtig für die Forschung. „Es ist sehr schwer herauszufinden, wie sich Schüler verhalten, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, aber genau das wollen wir natürlich. Die Zettel sind da eine sehr gute Möglichkeit.“
Aber auch an Spickzettel heranzukommen ist nicht einfach, denn welcher Schüler gibt die verbotenen Zettelchen schon freiwillig her? Nur ein paar Exemplare lagerten bisher in den Archiven deutscher Universitäten. Doch dann kam Günter Hessenauer. Der 66-jährige, pensionierte Lehrer rief vor Kurzem bei Annette Scheunpflug an und schenkte ihr und der Universität aus heiterem Himmel 5000 Zettelchen. Sehr überraschend sei das gewesen, sagt Scheunpflug. „Eigentlich waren wir forschungsmäßig bis 2008 schon ausgelastet, jetzt müssen wir schnell jemanden finden, der das alles sichtet und katalogisiert.“
Zwei Forschergruppen haben schon Interesse angemeldet. Eigentlich wollte Günter Hessenauer die Arbeit selbst machen. „Ich dachte, wenn ich im Ruhestand bin, dann schreibe ich über die Zettel viele kluge Bücher, aber dann habe ich gemerkt, dass die Aufgabe zu groß ist.“ Schweren Herzens gab er die Zettel der Universität. „Immerhin hat sich meine Frau gefreut.“
40 Jahre hat es gedauert, bis Günter Hessenauer die 5000 Zettel zusammengesammelt hatte. Als junger Lehrer in Nürnberg fing er damit an. Die Schüler hatten nichts zu befürchten. „Ich hab nicht nachgeschaut, ob die Arbeit, um die es bei dem Spickzettel ging, schon geschrieben wurde. Das war mir egal.“
Hessenauer veranstaltete kleine Ausstellungen mit seinen Zettelchen und bekam bald auch Hilfe von seinen Schülern. „Einer hat mir jeden Freitag die gesammelten Werke seiner Klasse überreicht.“ Hessenauers Lieblingszettelchen stammt aus den frühen achtziger Jahren. „Man sieht darauf zwei Raketen, eine russische und eine amerikanische, und darauf sitzen menschliche Gerippe. Das war ja die Zeit der Nachrüstungsdebatte damals, und man kann sehen, dass diese Zettelchen also durchaus auch politisch sind.“
Auch Hessenauer selbst hat Spickzettel benutzt, damals, als er noch zur Schule ging. „Als ich 13 Jahre alt und ziemlich klein und schmächtig war, habe ich einmal behauptet, ich hätte unter dem dicken Bauch meines Biolehrers, der neben meinem Tisch stand, einen Spickzettel benutzt und der hätte nichts gemerkt. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich das wirklich gemacht habe, aber meinem Ansehen in der Klasse hat es wirklich sehr genützt.“ Manche Dinge ändern sich eben nie.
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Serie -
- Quelle ZEIT ONLINE
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"Schülerkultur" ist lustig. Dank Bachelor und Zulassungsbeschränkungen für den Master, dank der Verschulung des ehem. freien Studiums, ist Spicken inzwischen Kernkompetenz an deutschen Hochschulen und somit wird das Studium zu verlängert Pubertät, Unmündigkeit und eines absurden Ausbildungssystems.
Und an der Hochschule wird mit härteren Bandagen gekämpft. Spicken alleine reicht nicht mehr. Bücherklauen ist viel effektiver. Herzlichen Glückwunsch.
Warum soll denn jetzt das Schuelerverhalten bzw. eine sog. Schuelerkultur auch noch "wissenschaftlich" erforscht werden ? Was soll der Unsinn ? Gibt's dann bessere Schueler oder bessere Lehrer ? Wir haben Ende der 50-ziger Jahre Abitur gemacht, mit Spickzetteln und allem drum und dran. Da waren erstklassige Leute darunter, und kein Mensch waere auf die Idee gekommen, das damalige "Schuelerverhalten", das wohl auch immer dasselbe war und bleibt, zu erforschen. So ein Quatsch.
Erwin.
Anhand der Schülerkultur erkennst du auch das gesellschaftliche Klima sehr gut weil die Schülergeneration weitgehend unbelastet von vergangenen Strömungen die jüngere Vergangenheit erlebt hat. Abischerze und Abizeitungen bieten einen einen schönen Blick in den Gesellschaftlichen Wandel und sind meiner Meinung nach bestens für wissenschaftliche Untersuchungen geeignet, weil die Akteure schon sehr gut erfasst sind und im Jahresrhythmus vergleichbare Handlungen vollziehen.
Schüler professionalisieren ihre Aktionen, streben nach mehr Spektakel, Witz, Unterhaltung und bei dir klingt die Forderung nach besseren Schülern, Lehrern und wirtschaftlicher Forschung durch. Passt doch :)
Anhand der Schülerkultur erkennst du auch das gesellschaftliche Klima sehr gut weil die Schülergeneration weitgehend unbelastet von vergangenen Strömungen die jüngere Vergangenheit erlebt hat. Abischerze und Abizeitungen bieten einen einen schönen Blick in den Gesellschaftlichen Wandel und sind meiner Meinung nach bestens für wissenschaftliche Untersuchungen geeignet, weil die Akteure schon sehr gut erfasst sind und im Jahresrhythmus vergleichbare Handlungen vollziehen.
Schüler professionalisieren ihre Aktionen, streben nach mehr Spektakel, Witz, Unterhaltung und bei dir klingt die Forderung nach besseren Schülern, Lehrern und wirtschaftlicher Forschung durch. Passt doch :)
Anhand der Schülerkultur erkennst du auch das gesellschaftliche Klima sehr gut weil die Schülergeneration weitgehend unbelastet von vergangenen Strömungen die jüngere Vergangenheit erlebt hat. Abischerze und Abizeitungen bieten einen einen schönen Blick in den Gesellschaftlichen Wandel und sind meiner Meinung nach bestens für wissenschaftliche Untersuchungen geeignet, weil die Akteure schon sehr gut erfasst sind und im Jahresrhythmus vergleichbare Handlungen vollziehen.
Schüler professionalisieren ihre Aktionen, streben nach mehr Spektakel, Witz, Unterhaltung und bei dir klingt die Forderung nach besseren Schülern, Lehrern und wirtschaftlicher Forschung durch. Passt doch :)
was Du da sagst. Ich straeube mich nur gegen die "wissenschaftliche Erforschungssucht". Es gibt viele Dinge, die sind einfach und mit gesundem Menschenverstand
zu erkennen und zu loesen. Dazu gehoert m.E. das Schuelerverhalten. Ich habe mehrere Schuelergenationen erlebt, die ihrer Zeit gemaess eine entsprechende "Kultur" entwickelten. Am Ende war's dann doch immer ziemlich das, was wir auch gemacht haben. Der Mensch aendert sich eben nicht wesentlich. Er passt sich an.
Erwin
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