Soziale Unternehmen Geld machen und Gutes tun

Marketing als Praxiserfahrung: In einem Pilotprojekt der Uni Duisburg gründen Studenten Unternehmen mit sozialer Verantwortung. Die Idee kommt aus Finnland.

„Wer will Marketing lernen und einmal um die Welt reisen?“ Diese Frage war 1993 der Lockruf für die Teilnehmer der ersten Tiimi Akatemia an der finnischen Jyväskylä Hochschule. In dem bis dato einzigartigen Projekt gründeten Studenten ein soziales Unternehmen und lernten so die Praxis zur Theorie. Mit den erwirtschafteten Gewinnen reisten sie zur Belohnung einmal um die Welt.

Mittlerweile ist diese Idee in ganz Europa angekommen. Die Universität Duisburg hat im Sommersemester 2007 unter dem Namen Team Academy ein ähnliches Projekt gestartet. Neun Studenten aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen wie Psychologie, Informatik und Betriebswirtschaftslehre sind seitdem damit beschäftigt, ein Unternehmen zu gründen, das gemeinnützige Ziele verfolgen und Gewinn bringen soll.

Murat Urval hat genau das schon geschafft. Der Ingenieur hat in Duisburg ein Nachhilfecafé gegründet, in dem Lehramtsstudenten kostenlos Migrantenkinder unterrichten. Bezahlt werden die Tresenkräfte sowie mehrere Pädagogen, die zusätzliche Betreuung anbieten - aus den Gewinnen des Cafés. „Murat Urval ist sicherlich ein Vorbild. Nicht jeder kommt so weit. Doch für uns kommt es auf den Versuch an“, sagt Wolfgang Stark, Professor für Organisationspsychologie und einer der drei Pioniere, die die Idee der Team Academy an die Universität geholt haben.

Mindestens ein Jahr wollen die Studenten in den Unternehmensaufbau investieren, um am Ende ein möglichst rentables Unternehmen zu führen. Der interdisziplinäre Charakter ist eine wichtige Stärke des Projekts, sagt Marc Walden, Student der Wirtschaftswissenschaften: „Ich glaube, dass sich Studenten unterschiedlicher Fachbereiche gut ergänzen und voneinander lernen können. Die ticken manchmal ziemlich unterschiedlich.“ Für das Projekt müssen sich alle zusammenraufen. Der gute Zweck hilft dabei, sich zu disziplinieren. „Für das, was ich hier tue, bekomme ich nicht nur eine Note. Hier kann ich wirklich etwas bewegen, Verantwortung tragen“, sagt Enyo Markovski, Ingenieurwesen-Student aus Bulgarien.

Enyo war von vielen Lehrveranstaltungen enttäuscht, weil dort nur Fachwissen gepaukt wurde. Die Team Academy hat ihn sofort begeistert. Bis Ende des Jahres möchte er am liebsten ein Sozialunternehmen gründen, das jungen Leuten bei der Berufsorientierung hilft. Irgendwann will er in sein Heimatland zurückkehren, als Unternehmer, der soziale Verantwortung übernimmt. „Dann will ich wertvolle Fähigkeiten mitbringen. Hier kann ich die endlich entwickeln“, sagt er.

Neben sozialer Kompetenz benötigen die Studenten natürlich auch Fachkenntnisse über Marketing, Kalkulation und Unternehmensführung. Die eignen sie sich so weit wie möglich selbstständig an. Eine Leseliste gibt es dafür zwar, „aber jeder wählt selbst aus, wie viel und was er liest. Wir machen nur Vorschläge. Frontalunterricht ist für uns nicht akzeptabel“, sagt Wolfgang Stark. Erfahrene Dozenten und Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft stehen als Berater und Türöffner im Hintergrund bereit. Aber Hilfe geben sie nur, wenn aus dem studentischen Team niemand mehr weiterweiß.

„Learning by doing“ und das für den guten Zweck - das ist an deutschen Universitäten eine geradezu revolutionäre Idee. Überfüllte Seminare, Bücherberge und Referate, die so interessant sind wie zwei Stunden Bleistiftspitzen, sind die Regel. Und an dieser hängen noch immer viele Universitätsangehörige mit ganzer Seele. „Wir sind auf große Widerstände gestoßen. Bei dieser neuen Form des Lernens stehen die Studenten im Vordergrund, nicht der Professor. Das ist einigen suspekt“, sagt Wolfgang Stark.

Die Initiatoren wollen mit der Team Academy neue Denkanstöße geben. Die Herausforderung, ein gewinnbringendes Unternehmen zu gründen, dessen Dienstleistungen und Produkte für die Kunden gratis oder äußerst günstig sind, ist groß. Die Studenten schreckt das nicht. Im Gegenteil: „So ein Projekt birgt Hürden und Chancen. Ich bin gespannt, wie es sich entwickelt“, sagt Yvonne Schlichter, Diplom-Pädagogin und Doktorandin. Sie hat im Team einen Verein gegründet, der gegen geringe Beiträge Mathematikkurse für Schüler und Bewerbungstrainings für Arbeitslose anbietet. Der verbleibende Rest der Betriebskosten wird aus den Beiträgen der Vereinsmitglieder bestritten. Leben kann sie davon zwar noch nicht. Doch mittelfristig plant sie sogar, mehrere Mitarbeiter einzustellen.

Häufig ist es so, dass soziale Unternehmen zwar Arbeitsplätze schaffen - in Deutschland sogar viermal mehr als gewinnorientierte Unternehmen. Aber die Gründer werden selten reich damit. „Dennoch ist es möglich, dass auch sie von den Erträgen leben können“, sagt Stark, „aber dafür muss man manchmal besonders kreativ sein.“ So gab ein Student in Krankenhäusern Clownsvorstellungen für schwerkranke Kinder. Auf den Stationen sammelte er leere Druckerpatronen, die er wieder befüllte. Aus dem Verkauf finanzierten sich die Auftritte. Solche Synergieeffekte aufzuspüren und einzusetzen ist eines der wichtigsten Erfolgsgeheimnisse sozialer Unternehmer. Das aber braucht Zeit.

Bis Ende des Jahres treffen sich die Teilnehmer der Team Academy zu fünf Blockseminaren, in denen fachliche Fragen beantwortet und neue Konzepte diskutiert werden. Doch die eigentliche Arbeit findet in der Zwischenzeit in den Projekten statt. „Wir schätzen, dass am Ende jeder rund 250 Stunden investiert hat, aber genau sagen kann man das nicht. Die Studenten begeben sich mit uns auf ein Abenteuer“, lacht Wolfgang Stark und er weiß, dass er die jungen Leute damit eher gewinnt als einschüchtert.

Ihnen allen ist gemein, dass sie eine Herausforderung suchen. Die mussten sie zuvor in einer schriftlichen, aber durchaus kreativen Bewerbung darstellen. „Wir wollten wissen, was die Leute treibt, ob sie echte Teamplayer sind und Verantwortung übernehmen wollen“, sagt Stark. Er selbst brennt für die Idee der Team Academy, seit er von dem finnischen Projekt erfahren hat. Er hat sich dafür eingesetzt, dass jeder Bachelor-Student Credit Points für die Teilnahme bekommt. Aber er hat noch viel mehr vor: Wenn alles gut geht, hofft er, wird die Universität Duisburg-Essen der Team Academy bald einen eigenständigen wirtschaftswissenschaftlichen Masterstudiengang widmen.

Dann hätten die Studenten sogar zwei Jahre Zeit, ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen. Vielleicht klappt es dann auch mit der Weltreise - mit Startpunkt Duisburg.


 
Leser-Kommentare
  1. In der schönen Stadt Dresden entwickelt sich langsam nach dem 2007 World Café Gathering, den 2008er http://genius-hellerau.de World Cafés (übrigens im September 2008 mit Beteiligung von Iiro Kolehmainen, Team Academy) in 2010 ein Experiment, das auch maßgeblich von Team Academy beeinflusst ist.

    ... in Verbindung mit gemeinsamen Lernen wie Singularity und Technologische Beschleunigung künftig unser Leben beeinflusst, http://www.dresdner-zukun...
    Ein Grass-Roots Projekt der besonderen Art: http://mindbroker.de/wiki...

    Schöne Grüße aus dem Dresden wo Zukunft seit 1560 geschrieben wird

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