WG-Leben Wohne lieber ungewöhnlich

Günstiger Wohnraum in Hochschulnähe ist knapp. Studenten leben deshalb auch mal an ungewöhnlichen Orten. Das reicht vom ehemaligen Bordell bis zum Gefängnis.

Die Wohnung kam Fabian Schäfer schon bei der Besichtigung etwas seltsam vor. Die abgeschiedene Lage, die roten Herzen an der Wand, die bunten Pin-up-Girls in der Küche. Und im Flur fand er eine Bauanleitung für ein achteckiges Plüsch-Bett. „Ein Schelm, der Schlüpfriges dabei denkt“, dachte sich Fabian und bezog mit vier Kommilitonen die geräumige Wohnung in einem Münsteraner Industriegebiet.

Als plötzlich wöchentlich teure Autos mit fremden Kennzeichen vor dem Haus hielten, gesetzte Herren im Anzug klingelten und beim Anblick von Fabian peinlich berührt und wortlos wieder abzogen, da war ihm endgültig klar: Ich wohne in einem ehemaligen Puff. Und tatsächlich, der Hausmeister konnte es bestätigen: Nur wenige Wochen vor dem Einzug von Fabian und seinen Mitbewohnern hatten in der 250 Quadratmeter großen Wohnung noch fünf Brasilianerinnen ein Edel-Bordell betrieben. „Offensichtlich haben sie aber nicht der kompletten Stammkundschaft ihre neue Adresse mitgeteilt“, sagt Fabian. „Denn in den ersten Monaten nach unserem Einzug standen immer wieder diese geleckten Vertreter-Typen vor der Tür, die mal eben von der Autobahn einen Abstecher zu uns machen wollten.“

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Dass es sich bei der Wohnung um ein ehemaliges Bordell handelt, hatte der Vermieter gegenüber Fabian und seinen Mitbewohnern verschwiegen. Ihm war es wohl unangenehm. Hätte es nicht sein müssen, zumindest nicht gegenüber Fabian. Denn der ist sogar ein bisschen stolz auf die Vorgeschichte seiner Wohnung, insbesondere auf den kleinen fensterlosen Raum neben der Küche. Den früheren „Quickie-Room“ des Bordells hat die WG in ein Poker-Zimmer verwandelt. „Das Highlight der Wohnung“, sagt Fabian.

Studenten leben häufig an Orten mit einer ungewöhnlichen Vorgeschichte, in sogenannten „Kummer-Immobilien“. Warum auch nicht? Der Wohnraum ist meist günstig, Wohngemeinschaften sind gerne gesehen und die Vermieter sind oft froh, wieder finanziell liquides Leben in der Wohnung zu haben. Natürlich muss es nicht immer gleich ein ehemaliges Bordell sein. In der Karlsruher Südstadt leben zum Beispiel sechs Studenten in einer ehemaligen Kneipe. Der frühere Pächter, ein griechischer Gastwirt, hatte 2002 aufgegeben. Plötzlich stand die Kneipe leer und ein neuer Pächter war nicht in Sicht. „Was nun?“, fragte sich Vermieterin Erika Herz.

Ihr Mann hatte den rettenden Einfall. Er zog ein paar Wände ein, brachte die Badezimmer auf Vordermann, baute hinter der Theke eine kleine Küchenzeile ein, fertig war die perfekte Studentenbude. Der ehemalige Schankraum – heute Küche, Fernseh- und Aufenthaltszimmer in einem – ist beinahe unverändert geblieben. Vor der Theke stehen noch die Barhocker, wuchtige Bierhumpen lagern in den Regalen, hölzerne Sitzecken bieten Platz zum Lernen, und der schnapsbefleckte Billard-Tisch wird von allen Bewohnern rege genutzt. Nur der Zapfhahn funktioniert nicht mehr. „Eigentlich schade“, sagt Tobias Müller. Der angehende Wirtschaftsingenieur lebt seit knapp anderthalb Jahren in der Kneipen-WG. „Fassbier auf unserer WG-Party? Das wäre echt kultig.“

120 Party-Gäste lassen sich in der ehemaligen Kneipe gut unterbringen, allein der Schankraum ist 80 Quadratmeter groß. Und dementsprechend teuer. Denn der riesige Gemeinschaftsraum muss beheizt und beleuchtet werden. Insgesamt zahlt Tobias für sein 17 Quadratmeter-Zimmer und seinen Anteil an den Gemeinschaftsräumen 310 Euro Miete. „Nicht ganz billig“, sagt Tobias. „Aber allein das große Wohnzimmer ist das Geld wert.“ Das finden auch die Vermieter. Ihr Schachzug, aus einer „Problem-Immobilie“ eine Studentenbude zu machen, hat sich bezahlt gemacht. Die Miete kommt pünktlich, und studentische Mieter zu finden, ist in Karlsruhe ein Kinderspiel.

Eine lange Warteliste mit potenziellen Mietern hat auch das ehemalige Bezirksgefängnis im rheinland-pfälzischen Landau, in dem seit rund 15 Jahren Studenten leben. Das Gebäude wird seit 1971 nicht mehr als Gefängnis genutzt und stand viele Jahre leer. Bis die Studenten einzogen. Die Zellentrakte sind erhalten geblieben und in kleine Appartements verwandelt worden. Dank der zugemauerten Türrahmen spürt man noch etwas Knast-Atmosphäre. An der Außenfassade sind sogar noch die Gitterfenster erhalten geblieben.

12,5 Millionen D-Mark hatte sich eine öffentlich-rechtliche Wohnungsbaugesellschaft den Umbau damals kosten lassen. Inzwischen ist das Studenten-Gefängnis in privater Hand. „Ob man jedoch als Privatmann so viel Geld in dieses Projekt investiert hätte, ist fragwürdig“, sagt ein Konzernsprecher. „Das Gefängnis ist vor allem ein Prestige-Objekt.“

Doch nicht nur Privatpersonen kommen auf die Idee, ihren sonst nicht nutzbaren Wohnraum an Studenten zu vermieten. Auch die Studentenwerke der Universitäten bedienen sich zunehmend ungewöhnlicher Immobilien, um günstigen Wohnraum bieten zu können. Vorreiter ist das Studentenwerk der Universität Osnabrück. Nach der Gründung der Universität im Jahr 1974 fehlten in Osnabrück günstige Wohnungen in Hochschulnähe. Schließlich kam die Idee auf, eine alte Fabrik zu restaurieren und in ein Wohnheim zu verwandeln. Der Vorschlag kam gut an, die Zimmer waren schnell vermietet. Und so blieb es nicht bei der alten Fabrik. Inzwischen kann man als Student in Osnabrück auf einem Bauernhof, in einem ehemaligen Wasserwerk oder in einem Gartenhaus wohnen. „Die Ideen liegen auf der Straße“, sagt Ursula Rosenstock vom Studentenwerk. „Alles ist möglich, man muss es nur wollen.“

Vorzeigeobjekt in Osnabrück ist ein ehemaliger Wachturm auf der Stadtmauer. Gelegen in einem idyllischen Park und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Nobel-Hotel, ist das niedliche Fachwerkhaus wohl das kleinste Studentenwohnheim Deutschlands. Denn auf den 21 Quadratmetern, die sich über drei Etagen verteilen, ist Platz für genau einen Mieter. Mehr geht nicht. „Wir haben den verfallenen Wachturm damals für den symbolischen Preis von einer Mark erworben und wieder flott gemacht“, sagt Ursula Rosenstock. „Und unser Ehrgeiz, das Unmögliche möglich zu machen, hat sich inzwischen rumgesprochen.“ Rosenstock erhält regelmäßig Anrufe von Eigentümern, die ihre „Kummer-Immobilien“ an das Studentenwerk verscherbeln wollen. „Doch wir nehmen längst nicht alles und schaufeln uns ein Dollar-Grab“, sagt Rosenstock. „Wir brauchen Wohnraum in Hochschulnähe zu einem geringen Kaufpreis und mit geringen Umbaukosten, damit wir die Mieten für die Studenten niedrig halten können. Teure Wohnungen gibt es schließlich genug.“

Besonders günstigen Wohnraum findet man auf dem Campus der Universität Mainz. Hier leben rund 25 Studenten in einer Bauwagensiedlung. Die Stromversorgung ist spärlich, eine Heizung gibt es nicht. Geht im Winter mal der Holzofen aus, dann wird es richtig kalt. Geduscht wird draußen, alle Bewohner nutzen einen Toilettenwagen sowie eine Gemeinschafts-Telefonzelle. Miete braucht niemand zu zahlen, sondern lediglich die Nebenkosten. 40 Euro im Monat zahlt zum Beispiel die Soziologie-Studentin Carolin Glaser. „Das Geld reicht für Wasser und Strom. Und ab und zu brauchen wir auch mal ein neues Sägeblatt für das Holz.“

Auf eine eigene Wohnung mit Badewanne, Balkon und Besendienst im Treppenhaus hat Carolin gar keine Lust. Und auch Fabian Schäfer plant nicht, vor Ende seines Studiums aus dem Ex-Bordell in Münster wieder auszuziehen. „Warum auch?“, fragt er. „So eine Wohnung bekomme ich nie wieder.“

 
Leser-Kommentare
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