Lebenshilfe Kommilitonen als Coaches

An der Uni Heidelberg beraten Psychologie-Studenten Kommilitonen in Lebens- und Studienkrisen. Die Nachfrage ist groß, 30 Coaches sind in dem Projekt aktiv.

„Bevor aus kleinen Problemen große Probleme werden“ – Plakate mit dieser Aufschrift hängen überall an der Uni Heidelberg und werben schwarz auf gelb für das Angebot des Heidelberger Projekts student2student-Coaching. Das verspricht: lösungsorientierte Beratung bei aktuellen Problemen, Verdeutlichung persönlicher Stärken, Training von Arbeits- und Präsentationstechniken, Zeitmanagement und Stressbewältigung.

Was sich liest wie ein Angebot für zahlungskräftige Topmanager ist kostenfrei und für all jene Studenten gedacht, die beim Balanceakt zwischen Studium und Privatleben ins Straucheln geraten sind. Das besondere dabei ist: die Helfer in der Not sind selbst Studenten. „Das ist in dieser Form einmalig“, sagt Diplom-Psychologin Miriam Stein, eine junge Frau mit blonden Locken und modischer Brille. Stein betreut das Projekt und die Coaches im Rahmen eines wöchentlich stattfindenden Seminars, in dem die Studenten ihr Handwerk erlernen und Supervision erhalten.

Es ist Dienstagnachmittag. In einem spartanisch eingerichteten Seminarraum der Alten Anatomie haben sich die Coaches, meist Psychologiestudenten höheren Semesters, auf grünen Stühlen niedergelassen. Freiwillig, auch wenn der Sommer die anderen Studenten auf die Neckarwiese treibt und hier heutzutage keine Spektakel mehr stattfinden wie damals, als man vor großem Publikum das Innere des Menschen mit dem Skalpell erforschte.

Um das Innenleben geht es dennoch. Ein Student in weißem Hemd und hellblauen Badelatschen beginnt zu erzählen, er spricht vom letzten Gespräch mit seiner „Klientin“ - die Schweigepflicht lässt die Namen im Dunkeln - , berichtet von ihrer Prüfungspanik und ihrer beständigen Angst zu versagen. Alle Anwesenden hören aufmerksam zu, dann blickt Stein mit fragendem Blick in die Runde. Nach einer kurzen Stille melden sich die Studenten zu Wort, stellen Verständnisfragen, kommentieren und äußern Ideen für das nächste Gespräch. Zum Schluss sprechen die Leiter der Supervision.

Neben Stein sitzt ein Herr in dunklem Anzug und blauem Kaschmirschal. Prof. Dr. Holm-Hadulla ist Leiter der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks an der Universität Heidelberg. Die Idee, Studenten als Coach einzusetzen, regte er vor einigen Jahren am Psychologischen Institut an. Daher supervidiert er gemeinsam mit Stein auch die heutige Sitzung. Was er unter Coaching versteht, sagt er auch: „eine ressourcenorientierte Beratung, die dabei hilft, im konkreten Arbeitsfeld produktiv und kreativ zu handeln.“

Während viele Coaching-Konzepte auf dem freien Markt oft undurchsichtig sind, werden in Heidelberg sowohl die Techniken als auch die Inhalte des Coachings wissenschaftlich evaluiert. Alle Klienten müssen im Verlauf der bis zu zehn Sitzungen mehrere anonymisierte Fragebögen ausfüllen. Somit hilft das Projekt auch der Forschung - und Miriam Stein, die nämlich über die Effekte des Programms promoviert. Die ersten Ergebnisse klingen beeindruckend, die meisten Klienten geben an, ihr Ziel erreicht zu haben und beurteilen das Coaching sehr positiv.

So auch Christoph. Der 26-jährige Jurastudent wollte etwas gegen seine Prüfungsangst unternehmen, seit er vor einem Jahr durch das erste Staatsexamen gefallen war. Kurz vor der Prüfung habe ihn „plötzlich eine wahnsinnige Angst“ gepackt. „Es war für mich sehr gut, mich mit einer neutralen Person über meine Situation unterhalten zu können. Mein Problem wurde ernst genommen und ich hatte sofort das Gefühl, dass man mir hier auch wirklich helfen will.“ Christoph sieht seiner Prüfung zwar noch nicht völlig gelassen entgegen, gelernt hat er dennoch etwas: „Manchmal muss man nur die Sichtweise etwas ändern und ein wenig in eine andere Richtung denken, um in Stresssituationen den Durchblick zu behalten.“

Vielen, denen es ähnlich ergeht wie Christoph, kommt das Coaching sehr gelegen. „Die Hemmschwelle ist geringer, sich bei gleichaltrigen Studenten zu melden als bei einem professionellen Psychotherapeuten“, sagt Stein. Dem Vorwurf, man würde unausgebildete Psychologen auf Hilfesuchende loslassen, tritt Holm-Hadulla gelassen entgegen: „Die Studenten sind wesentlich professioneller als vieles, was sonst so auf dem Coaching-Markt angeboten wird.“

Mittlerweile arbeiten fast 30 studentische Coaches in Heidelberg. Einer davon ist Nicolai Jungk, ein sportlicher Typ mit Dreitagebart Anfang 30. Für ihn ist das Coaching eine optimale Gelegenheit, theoretisches Wissen aus dem Studium in der Praxis anzuwenden: „Besonders gut gefällt mir an dem Konzept, dass alle Beteiligten davon profitieren. Wir sammeln praktische Erfahrung und die Klienten erhalten gratis eine intensive individuelle Beratung.“

Anfangs wurde das Coaching aufgrund der hohen Abbrecherquote unter Germanisten speziell für diese und andere Geisteswissenschaftler angeboten, weil der Strukturierungsgrad im Studium dort geringer ist. „Erstaunlicherweise kommen die meisten Studenten allerdings aus Studiengängen mit hohem Strukturierungsgrad, aus der Medizin oder aus den Rechtswissenschaften. Der Druck auf die Studenten ist dort viel größer“, erläutert Stein.

Der Druck wird nicht abnehmen, nicht an der ehrgeizigen Ruperto-Carola, der ältesten Universität Deutschlands, die im ersten Anlauf der Exzellenzinitiative scheiterte und nun mit neuem Elan den Elitestatus anstrebt. In anderen Städten sieht es ähnlich aus. Die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master lässt den Studenten weniger Zeit und gibt engere Lehrpläne vor. Und so wird wohl auch die Nachfrage bei den Heidelberger Coaches weiter steigen.

 
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