Uniabschluss Prunk, Pathos und PR

Nirgendwo in Deutschland werden Uni-Absolventen so prunkvoll gefeiert wie beim Bonner Universitätsfest. Für die einen ist das genau der richtige Rahmen, für die anderen elitär. Für die Uni ist es vor allem ein gelungener Marketing-Coup.

Man kennt dieses Bild aus amerikanischen Collegefilmen: Im Hintergrund leuchtet das barocke Hauptgebäude der Universität in der Sonne, im Vordergrund sitzen unter einem riesigen weißen Zeltdach mehrere Hundert junge Menschen in langen schwarzen Gewändern, den Talaren. Auf den Köpfen tragen sie eckige Hüte, die Barette, sie sehen stolz und ein wenig erhaben aus.

Aber diese Szene spielt nicht in Harvard oder Yale, sondern auf der Bonner Hofgartenwiese. Und die 900 jungen Menschen in Talaren sind keine amerikanischen Elitestudenten, sondern frisch gebackene Absolventen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität.

Zusammen mit rund 4000 Verwandten und Freunden feiern sie das dritte Bonner Universitätsfest. Die Veranstaltung ist einmalig in Deutschland: Keine andere Uni feiert ihre Absolventen mit einem solchen Prunk, keine andere Uni inszeniert sich selbst so hemmungslos. Das fängt schon bei der Kleidung an: Absolventen, die an der Abschlussfeier teilnehmen wollen, müssen sich Gewand und Hut für 21 Euro leihen. Mit Tradition, wie man vielleicht vermuten könnte, hat die Tracht dabei kaum etwas zu tun. In Deutschland haben Studenten zu keiner Zeit Talare getragen. Die medienwirksame Kleiderordnung haben die Veranstalter einfach aus den USA importiert.

Den Studenten ist das egal. Sie sitzen, streng alphabetisch aufgereiht, vor der ausladenden Bühne und lauschen der Festrede von Paul Kirchhof, dem Promi-Professor und Beinahe-Minister. Der gibt dann auch gleich den Ton der Veranstaltung an: „Sie haben Ihren Abschluss gemacht an einer der bedeutendsten, herausragendsten Unis Deutschlands, Europas, ja, der Welt!“ Den Studenten ist anzusehen, wie gerne sie das hören, viele lächeln stolz. Und Kirchhof sagt noch etwas anderes: „Während Sie sich gebildet haben, haben andere den Müßiggang gepflegt.“ Dann wird seine Stimme schärfer: „Denen sind jetzt die Gärten der Freiheit versperrt!“ Ein leises Raunen geht durch die Reihen. Doch am Ende gibt es tosenden Beifall für Kirchhofs Rede.

Vermutlich sind diejenigen, die mit Kirchhofs Ansichten ernsthafte Probleme hätten, heute sowieso zu Hause geblieben. Denn den 900 Talarträgern stehen über 1000 Absolventen gegenüber, die an diesem Tag nicht gekommen sind.

Besonders stark vertreten auf der Hofgartenwiese sind die Juristen und Landwirte, von der großen philosophischen Fakultät sind nur wenige Absolventen gekommen. Den Sprecher der Uni Bonn, Andreas Archut, stört das nicht besonders: „Wir können ja nur ein Angebot machen“, sagt er, „es wird immer Leute geben, die damit nichts anfangen können.“

Jonas Bens ist einer von ihnen. Der stellvertretende Asta-Vorsitzende findet den Talarzwang lächerlich und hält die Veranstaltung für ein falsches Signal. „An der Bonner Uni gab es schon immer eine klare Spaltung zwischen einer sehr konservativen Klientel und den normalen Studenten“, sagt er, „diese Spaltung wird durch dieses Fest noch verstärkt.“

Bei der Erstauflage des Unifestes 2005 hatte der Asta noch zum Boykott aufgerufen, „doch das haben wir nicht durchhalten können“, so Bens. Heute nutzt er das Unifest lieber als Forum für Kritik. Die ganze Veranstaltung ist für ihn vor allem „ein riesiges PR-Event“.

400.000 Euro kostet das Fest, bis auf die Gehälter der Uni-Angestellten wird es komplett von Sponsoren finanziert. 38 Unternehmen und Initiativen haben Geld gegeben, allen voran die Bonner Konzerne Deutsche Post und T-Mobile. Und die wollen auch etwas zurückbekommen. Unirektor Winiger bedankt sich in seinen Reden immer wieder bei den Sponsoren, die Gäste klatschen artig.

„Das Fest ist für uns eine gute Möglichkeit, Unternehmen und Ehemalige enger an die Uni zu binden“, sagt Andreas Archut. Das Unifest als öffentlichkeitswirksame Form von Fundraising. Archut sagt, man wolle Kontakte knüpfen und die "Marke" stärken. Neue Gönner habe man durch das Fest aber noch nicht gewonnen.

Bens ist da skeptisch, er glaubt, der Uni gehe es allein ums Geld: „Das Ganze ist wie ein Hochglanzprospekt, der keine Inhalte zu bieten hat.“

Als eine Art Hochglanzprospekt kann man auch die Urkunden verstehen, die nach der Rede Kirchhofs in einer streng durchchoreografierten Zeremonie an die Studenten verliehen werden.
Ein langer lateinischer Text beglückwünscht zum Uni-Abschluss, die Siegel der Universität sollen Würde verleihen. Eine Bedeutung über den Symbolwert hinaus hat diese Urkunde nicht, ihre echten Zeugnisse haben die Studenten schon lange vorher von ihren Fakultäten erhalten. Mit den Urkunden wird direkt ein Anmeldeformular für das Ehemaligennetzwerk gereicht. Die Uni will sich ihre Studenten so als Förderer von morgen sichern. Archut beschreibt das Konzept so: „Wir wollen unsere Zielgruppe das ganze Leben begleiten: von der Schule bis ins Greisenalter.“

Romy Richter stört der reine Symbolwert der Urkunde und der ganzen Veranstaltung nicht. Für die 29-Jährige, die gerade ihr Biologie-Diplom gemacht hat, ist das ganze "einfach ein schöner Spaß“. Und eine gute Gelegenheit, um auch mit der Familie zu feiern. „Ich glaube, für meine Eltern ist das heute fast wichtiger als für mich“, sagt sie, bevor sie von ihrem strahlenden Vater fast erdrückt wird.

Überhaupt ist bei den Studenten selbst kaum was von dem Pathos zu spüren, der durch die Reden von Kirchhof, dem Unirektor und den anderen Würdenträgern weht. Viele der Absolventen sind aus ganz pragmatischen Gründen da. Zum Beispiel Thomas Blome. Der frisch gebackene Jurist sagt: „Ich bin nur gekommen, um meine Freunde von der Uni noch ein letztes Mal zu sehen, bevor wir uns in alle Winde zerstreuen. Das ist genau wie beim Abiball." Talar und Barett würde er freiwillig nicht tragen.

Nach der Urkundenvergabe spricht Jonas Bens zu seinen Kommilitonen und deren Familien. Er redet über Solidarität und Verantwortung. Und er ist der Einzige, der das eine böse Wort in den Mund nimmt, das bei Kirchhofs Rede nur mitschwang: „Ihr seid die Elite!“, ruft er seinen Kommilitonen zu. „Ihr habt Verantwortung für diese Welt, gerade ihr!“ Der Beifall für ihn ist deutlich leiser als der für Kirchhof.

Dann folgt der PR-Höhepunkt des heutigen Tages: Die Absolventen sammeln sich vor dem Uni-Eingang und werfen, per Megaphon von Uni-Sprecher Archut dirigiert, ihre Barette in die Luft. Sechsmal wiederholen sie die Prozedur, die Fotografen stürzen sich auf das Motiv. Die Uni hat extra ein kleines Podest für sie aufgebaut, Denn auch sie profitiert von den in Deutschland einmaligen Fotos. „Damit haben wir die Lufthoheit, was die Bilder angeht“, freut sich Archut.

Am Abend findet der große Universitätsball im Maritim Hotel statt: Die Absolventen fahren mit ihren Eltern in dicken Limousinen oder per Taxi vor, die Frauen in wallenden Abendkleidern, die Männer im dunklen Anzug oder Smoking. Romy Richter und Thomas Bloße sind nicht dabei. Sie feiert lieber im kleinen Kreis mit der Familie; ihm waren die Karten zu teuer. 20 bis 30 Euro kosten die für Studenten, alle anderen müssen bis zu 75 Euro zahlen. 468 Absolventen sind gekommen, insgesamt füllen fast 2000 Gäste die großen Festsäle des Hotels.

Unter ihnen ist auch Familie Blum. Tochter Marie-Christin hat gerade ihr Biologie-Studium mit der Traumnote 1,1 abgeschlossen, jetzt steht sie mit ihrem Freund und ihren Eltern im Foyer. Sie fotografieren sich unablässig gegenseitig und strahlen um die Wette. Die aufwendige Zeremonie finden sie genau richtig: „Es gibt Anlässe, die müssen besonders gefeiert werden, mit schicken Klamotten und allem drum und dran“, sagt Mutter Margret. Für sie sind das: Konfirmation, Tanzschule, Abitur, Diplom, Hochzeit. Die Rede von Kirchhof fanden die Blums „richtig toll“, das mit den Talaren auch.

Überhaupt ist auf dem Ball viel Lob für das Universitätsfest zu hören. Endlich mal ein würdiger Rahmen für den Universitätsabschluss, so die einhellige Meinung. Viele Ärzte und Architekten sind da, und besonders viele Juristen. Viele, die sich zu späterer Stunde auch mal über den Werteverfall in der Gesellschaft aufregen, über die Akademikerschwemme und über den Unterschied zwischen Quantität und Qualität. Viel altes Bürgertum.

Eine Klientel, die für die Sponsoren anscheinend besonders attraktiv ist. Und die sind hier fast allgegenwärtig: Es gibt eine Deutsche-Post-Lounge und eine T-Mobile-Disco, ein Kosmetikstudio wirbt für Lippenstifte, beim Einlass erhalten die Damen kleine Perlenketten für ihr Handy, gesponsert vom örtlichen Juwelier.

Draußen, vor dem Luxushotel, kann man später wummernde Bässe hören. Sie wehen von den benachbarten Rheinauen herüber, wo heute das Musikfestival „Rheinkultur“ stattfindet. Fast 200.000 junge Menschen sind da, die Fantastischen Vier haben gerade die Bühne gestürmt.

Die Ballgesellschaft bekommt davon nichts mit. Ältere Herren zünden sich dicke Zigarren an, die Söhne versammeln sich an den Poker- und Roulettetischen im Foyer. Auf den Tanzflächen wirbeln stolze Väter ihre Töchter zu den Klängen der Bigband übers Parkett. Man feiert sich selbst.

Unisprecher Andreas Archut steht zufrieden am Rand und sagt: „Ich würde mich wundern, wenn wir in fünf Jahren immer noch die Einzigen wären, die so was machen.“

 
Leser-Kommentare
    • DerOpi
    • 09.07.2007 um 15:34 Uhr

    Ich war da lieber in der Rheinaue. Guter Fanta-4-Auftritt.

  1. Das Spießertum und die Amerikanisierung der deutschen Gesellschaft sind (wieder) auf dem Vormarsch...

  2. Warum immer gleich so verächtlich? Ich habe 2003 mein Diplom an der Universität Bonn noch ohne jegliches Ritual entgegengenommen, in einem heissen Hörsaal, jeweils zu fünft, ohne Familie und Freunde, UND FINDE DAS IMMER NOCH SCHADE! Weil es das Diplom zu nichts Besonderem macht. 5 Jahre Studium, und husch, weiter. Was daran jetzt so schlimm sein soll, das aufzuwerten, versteh ich nicht. Talare sind Ansichtsache, meinetwegen. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Und niemand ist gezwungen hinzugehen. Diesen "ich bin über diesen ganzen Schnickschnack erhaben"- und "nur Spießbürger-Juristen brauchen so etwas"-Ton finde ich ziemlich unnotwendig. Ich habe übrigens Geisteswissenschaften studiert.

  3. Ich war letztes Jahr beim (aller)ersten Universitätsfest dabei. Auch wenn ich mein Diplom zu dem Zeitpunkt schon fast ein Jahr in der Tasche hatte, bin ich mit Begeisterung hingegangen.

    Das Diplom macht man (zumindest ich) nur einmal im Leben. Und es ist schon ein ganz schöner Schnitt, was den Lebenswandel anbetrifft: Vorher das schöne Studentenleben ohne Geld, aber mit Zeit für alles worauf man Lust hat; nachher Arbeitsalltag mit Gehalt, aber auch ständigem Zeitmangel und sukzessivem Abbau von Hobbys und Treffen mit Freunden.

    Deswegen fand ich es einfach super, den Abschluss auch in einem feierlichen, etwas offizielleren und meinetwegen auch pathetischeren Rahmen zu begehen. Und auch -- was solls -- sich einmal von den stolzen Eltern feiern zu lassen.
    Wie schon von soniesque gesagt, ein bisschen (mE durchaus gerechtfertigte) Aufwertung eben.

    Und wie ebenfalls bereits geschrieben, wer keine Lust hat, wird ja nicht zur Teilnahme genötigt...

  4. Das kommt mir vor, wie der Abiball letzten Samstag, von einem Bekannten von mir.

    Alle schick im Anzug, die Eltern natürlich auch. Aber die Organisation war chaotisch, weil die Hälte der Ex-Schüler, irgendwo auf einem Dorffest, sich dem Suff ergaben.

    Außerdem wirkte das Ganze als Dankeschön für Eltern und Lehrer. Doch wo bleiben die Schüler?

    Und hier sind gereifte und intelligente Menschen, die sich selbst als Nachfahren Platons bezeichnen (Akademiker). Und die brauchen ihre Eltern und "Lehrer" um ihren Abschluß zu feiern?

    Würde erreicht man nicht durch ein Diplom; man bekommt sie geschenkt und muß sie wahren!

  5. Man kann seinen Abschluss durchaus zu etwas Besonderem machen und sich natürlich auch im Kreise der Familie ordentlich selbst auf die Schultern klopfen, aber so eine geheuchelte, von elitärer Arroganz triefende Veranstaltung finde ich als zutiefst abstoßend. Das bietet doch nur eine weitere Platform für Eitelkeiten. Ich hätte nach dem Abi ebenso auf einen Abiball verzichten können, wie ich es in Kürze nach der Magisterprüfung kann. Es gibt so schon genügend Studenten, die meinen über Nichtakademikern zu stehen, da brauchen wir keine Veranstaltung, die diese darin auch noch unterstützen!Man kann die Menschen in drei Klassen einteilen: solche, die sich zu Tode arbeiten, solche, die sich zu Tode sorgen und solche, die sich zu Tode langweilen.
    Winston Spencer Churchill (1874-1965)

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