Online-Lernen

Die Evolution des Paukens

Im Web 2.0 erfinden Studenten das Karteikartensystem neu. Profitieren können davon vor allem die Nutzer.

Der Lesesaal der Kölner Unibibliothek ist gerammelt voll. Es ist totenstill. Viele Studenten sitzen Tag für Tag hier, die meisten beugen sich über einen Stapel Karteikarten. Felix Lamouroux hat hier im vergangenen Sommer zum letzten Mal auf diese Weise für seine Klausuren gebüffelt. Als er um sich herum die vielen Karteikarten sah, machte es bei dem BWL-Studenten Klick: "Ich habe mir gedacht, dass das doch im Netz viel schneller gehen könnte."

Gedacht und umgesetzt: Als seine Klausuren vorbei waren, fing er an zu programmieren - und ging nach zwei Monaten mit beaversity.com online. Dort können Studenten ihren Klausurstoff auf virtuelle Karteikarten schreiben und sich abfragen lassen. Das Beste: Der Computer gibt grünes Licht, wenn das nötige Pensum geschafft ist.

Im Internet wimmelt es zwar schon länger von kostenlosen Mindmap-Angeboten und Möglichkeiten zum Vokabellernen. Doch auf Seiten wie beaversity können die User den Lernstoff nun auch untereinander tauschen. 500 Studenten sind hier inzwischen registriert, für gut 250 Lehrveranstaltungen gibt es virtuelle Lernkisten.

Finden lassen sich die richtigen über den Namen der Uni oder des Profs, über das Fach oder den Studiengang oder über Schlagwörter wie Marketing, Psychologie oder Mikro(-Ökonomie). Ob es sich lohnt, die fremden Karten zu kaufen, kann man nach einer Vorschau entscheiden. Bezahlt wird über Pay Pal, ein Bezahlsystem, das das Geld vom Käufer zum Verkäufer weiterleitet. Den Preis bis maximal zehn Euro pro Lernkiste legen die Autoren selber fest. Wer will, kann seine Karten auch kostenlos veröffentlichen. Dann heißt es allerdings Pech für Felix, denn in diesem Fall fällt seine Povision von 25 Cent pro Verkauf sowie sein 25-Prozent-Anteil am jeweiligen Umsatz weg.

Garantiert kostenlos ist das Angebot von Christoph Lingg und Markus Kaiserswerth. Vor gut einem Jahr haben sie mit vokker.net ebenfalls eine Seite zum Vokabellernen online gestellt. Inzwischen hat sie 4000 registrierte Nutzer, jeden Tag kommen rund zehn neue hinzu. Die Idee ist denkbar einfach: Man gibt Vokabeln ein und lässt sich nach dem Karteikartenprinzip abfragen. Es gibt sogar Lektionen in Russisch, Türkisch, Sanskrit oder Thailändisch. Auch Arabisch und Hebräisch sind möglich und das nicht nur in Kombination mit Deutsch, sondern auch mit jeder anderen Sprache.

"Das Tolle ist, dass man die Lektionen von anderen mitbenutzen kann", sagt Markus. Im Stil des Web 2.0 wollen der 23-Jährige und sein Schulfreund Christoph (22) die Nutzer dazu animieren, Lektionen zu bewerten und Fehler zu verbessern. Außerdem können die Nutzer jetzt schon nicht nur ihre eigenen Lektionen üben, sondern sich auch bei anderen bedienen.

Spanisch für Architekten, Vogelnamen auf Englisch oder doch lieber Vokabeln zum Film Die Frauen von Stepford ? Kein Problem, der Austausch zwischen den paukenden Studenten ist rege. Gern probieren die beiden vokker-Erfinder auch etwas Neues aus. Gerade haben sie eine Übung eingefügt, bei der verstreute Vokabeln der richtigen Übersetzung zugeordnet werden müssen.

"Für mich war vokker Gold wert. Es hat mich motiviert, die Programmiersprache zu lernen", erzählt Markus, der inzwischen Informatik im 2. Semester studiert, während sich Christoph für Physik entschieden hat. Immer wieder basteln die beiden an vokker herum.

Damit ihre Seite schneller von Suchmaschinen gefunden wird, setzen sie auf Mundpropaganda, Blogs und Internetforen. Deshalb bekommen sie auch mehrere Mails pro Tag von begeisterten Nutzern, die nach Zusatzfunktionen fragen oder sich einfach nur bedanken wollen. "Jemand hat sich bei uns gemeldet, weil er sich durch vokker in Latein von fünf auf drei verbessert hat", erinnert sich Markus.

Bernd Hartmann, Consultant bei der Unternehmensberatung Goldmedia, ist von beiden Internet-Angeboten angetan. "Wenn beaversity zum Beispiel durch eine Kooperation mit dem StudiVZ auf eine sechsstellige Nutzerzahl wachsen würde, wäre die Seite auch für potenzielle Käufer interessant." Entstünde dort eine richtige Community, könnte etwa ein Lehrbuchverlag die Seite für sein Marketing nutzen. Auch Layout und Design von vokker findet Hartmann ansprechend.

Aber: "Ohne Werbung lässt sich mit einer solchen Vokabel-Seite aber kaum Geld verdienen", sagt der Unternehmensberater. Vorerst bleiben beaversity und vokker eben das Privatvergnügen von drei Studenten. Felix bringt es auf den Punkt: "Geld kann man nach der Uni noch genug verdienen."

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Leser-Kommentare

  1. Es ist erstaunlich über welch Banalitäten die Zeit berichtet. Ein Karteikartensystem in Softwareform ist wohl das aller banalste was man machen kann.

    Es ist in diesem Fall auch noch schlecht gemacht. Ich frage mich nach welchen Kriterien die Zeit-Redaktion zwischen "berichtenswert" und "nicht berichtenswert" unterscheidet.

    So etwas dann auch noch mit einer völlig verblasenen und total überhöhten Überschrift "Die Evolution des Paukens" zu versehen hat nicht einmal Schülerzeitungsniveau.

  2. Diese Entwicklung mag simpel zu programmieren sein, aber von einem lernwissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist sie absolut interessant !
    Deshalb danke für diesen Artikel.
    Und wen die aufkommende Wissensgesellschaft überfordert, der soll sich doch auf anderen „Schülerzeitungen“ herumtrollen.

  3. Ein weiteres sehr interessantes Tool ist Cobocards. Auch hier geht es darum, online Karteikarten zu erstellen und zu lernen. Wie ich finde liegt eine große Stärke von Cobocards im kollaborativen Bereich. Es wird viel Wert darauf gelegt, Teams aufzubauen, um sich so gemeinsam mit Freunden und Kommilitonen gegenseitig beim einarbeiten des Lernstoffes zu unterstützen und abzufragen. Man profitiert vom Zusammenarbeiten, da, wie auch im nicht virtuellen Lernen, Denkfehler schneller erkannt werden können. Mal schauen, was im eLearning Bereich noch so kommt.

  4. Ein sehr interessantes Tool ist auch http://www.ediscio.de . Hier kann man sehr leicht anderen seine Karteikarten zur Verfügung stellen, und es stehen verschiedene Methoden zur Online-Abfrage zur Verfügung.

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  • Von Anne-Kathrin Bronsert
  • Datum 23.7.2007 - 09:37 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE
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