Aufschieben Nicht fertig und schlecht drauf
Das hat noch Zeit, denken sich viele Studenten. Doch: Falsch gedacht. Ein Gespräch über das Wesen der Prokrastination.
ZEIT online : Herr Holm-Hadulla, warum schieben so viele Studenten wichtige Aufgaben vor sich her?
Rainer Holm-Hadulla : Schuld sind meist mangelhafte Arbeitstechniken oder eine schlechte Strukturierung des Alltags zwischen Arbeitszeit, Freizeit und Zwischenzeit. Viele lesen morgens erstmal Zeitung oder vertreiben sich auch sonst die Zeit. Wenn sich das bis in den frühen Nachmittag hinzieht, ist die beste Zeit zum Arbeiten vorbei.
ZEIT online : Für viele Studenten fängt dann aber die beste Zeit zum Lernen und Arbeiten erst an. Trotzdem haben auch sie Probleme. Gibt es noch weitere Gründe?
Holm-Hadulla : Ja, natürlich. Ein weiterer Grund für notorische Aufschieberei sind innere und äußere Konflikte. Protestverhalten fällt darunter - gegen die Eltern, die Professoren oder die Sache selbst. Dann blockiert man sich selbst, etwa aus Angst vor Erfolg. So paradox das klingen mag: Gerade bessere Studenten sind davon betroffen, beispielsweise weil sie fürchten, Neid auf sich zu ziehen oder aus der Peer-Group herauszufallen.
ZEIT online : Scheitern viele also an der falschen inneren Einstellung?
Holm-Hadulla : Oftmals schwirren einfach die falschen Werte im Kopf herum. Wenn jemand zum Beispiel sagt: "Arbeit muss Spaß machen", entspricht das einer deutlichen Selbstbeschränkung. Für den Uni-Alltag ist diese Aussage wenig praktikabel, denn Arbeit bedeutet eben auch Anstrengung und Mühe. Picasso war ein begeisterter Künstler, aber auch ein Leidender und Suchender. Es ist immer wichtig, ein Ziel vor Augen zu haben.
ZEIT online : Kann man diese Einstellung erlernen? Oder anders gefragt: Warum können es viele nicht?
Holm-Hadulla : Das Aufschieben kann eine lange Vorgeschichte haben. Das reicht häufig in die Schulzeit oder die frühe Kindheit zurück. Wenn ein Kind alle fünf Minuten ein neues Spielzeug aus dem Regal zerrt, wird es nie klare Strukturen haben. Auch das Kind braucht jemanden, der ihm sagt: "Hier hast du ein leeres Blatt und drei Stifte. Mach etwas daraus! Lauf nicht nach drei Minuten weg!". Vielleicht nach zwanzig Minuten oder zwei Stunden, aber nicht nach ein paar Minuten.
ZEIT online : Viele Eltern scheinen genau diese Erziehungsmaßnahmen bei ihren Kindern verpasst zu haben? Doch was können, was müssen die Erwachsenen selbst tun?
Holm-Hadulla : Erwachsene, also natürlich auch Studenten, müssen sich diesen äußeren Rahmen selbst geben. Das spielt übrigens auch bei der sogenannten Medienverwahrlosung eine Rolle - vor allem bei Jungen. Durch übermäßiges Computerspielen, wahl- oder sinnlosen Fernsehkonsum können diese keine Arbeitsstrukturen erlernen. Daneben beeinträchtigt ein solcher Medienkonsum die Konzentration und das Gedächtnis. Dieses Problem nimmt zu und schlägt sich unmittelbar in der Arbeitsweise nieder.
ZEIT online : Oft setzt man sich für eine Aufgabe einen sehr weiten Zeitkorridor, bereitet sich für eine Prüfung eine ganze Woche vor. Ist das die richtige Strategie?
Holm-Hadulla : Ein enges Zeitkorsett ist wichtig und weitaus besser. Das motiviert dazu, gleich anzufangen. Außerdem braucht man auch kreative Pausen, die nicht mit Ablenkungen wie Fernsehen oder Computerspielen gefüllt werden, sondern mit Nichtstun. So bekommt das Gehirn Gelegenheit zur Erholung sowie zum Speichern und kreativen Kombinieren von Informationen.
ZEIT online : Wie fühlen sich die Leute beim Aufschieben?
Holm-Hadulla : Vielen geht es sehr schlecht. Das reicht bis zu Selbstmordgedanken. Sicher sind das extreme Beispiele, man sollte da sicherlich diffenrenzieren. Es gibt leichte Prokrastination, die hat jeder, und es gibt schwere, die zum Scheitern des Lebens bzw. eines gesamten Studiums führt. In Deutschland verlassen 25 Prozent der Studierenden die Universität ohne Abschluss. Vielen droht dank extremen Aufschiebens ein existentielles Scheitern. Natürlich führen auch andere Gründe zum Abbruch des Studiums, ich schätze aber, dass etwa 25 Prozent der Studierenden gravierende Arbeitsstörungen haben.
ZEIT online : Gibt es denn Studenten, die besonders davon betroffen sind?
Holm-Hadulla : Das Problem tritt gehäuft in eher schwach strukturierten Fächern auf. Wenn es egal ist, ob die Seminararbeit in drei Wochen, drei Monaten oder einem Jahr abgegeben wird, ist das für viele eine Katastrophe. Die Mediziner, die von Anfang an alle drei Wochen eine Prüfung haben, sind in deutlich geringerem Maße vom Problem des Aufschiebens berührt. Vor allem Geisteswissenschaftler begeben sich mit Aufschiebeproblemen in psychotherapeutische Behandlung.
ZEIT online : Gibt es denn unterschiedliche Typen von Aufschiebern?
Holm-Hadulla : Im Grunde können wir vier Typen unterscheiden. Es gibt die Perfektionisten, die nichts zu Papier bringen, weil es ihnen nicht gut genug erscheint. Dann gibt es die Instabilen - häufig sehr kreative Typen, die einfach nicht stillsitzen können. Es gibt die große Gruppe der Verwöhnten, für die es unerträglich ist, dass es auch etwas gibt, das keinen Spaß macht, die Anstrengung nicht akzeptieren wollen. Dann haben wir noch die schlichtweg Überforderten.
ZEIT online : Wann genau wird die Prokrastination für diese Menschen zum Problem?
Holm-Hadulla : Das ist natürlich ganz unterschiedlich. Oft fängt es damit an, dass sich die meisten Aufschieber schämen, etwas nicht geschafft zu haben. Darunter leiden sie und können diese negativen Gefühle nicht umkehren. Sie sind dann zutiefst gehemmt, reagieren gereizt und extrem launig. Ich glaube nicht, dass es lustige Aufschieber gibt. Jedenfalls habe ich bisher nicht erlebt, dass Leute tagsüber ihre Aufgaben vor sich herschieben und dann abends lustig in der Kneipe stehen.
ZEIT online : Welche Rolle spielt das Umfeld, wenn aufgeschobene Hausarbeiten, Bewerbungsschreiben oder Steuererklärungen zum Problem werden?
Holm-Hadulla : Die Krux intellektueller Arbeit ist meist, dass man leider keine direkte Belohnung bekommt und dass vom Beginn der Anstrengung bis zum Ergebnis meist eine sehr lange Zeit liegt. Auf diesem Weg braucht man Begleiter, Menschen, die unterstützen und signalisieren, dass sich eine Arbeit lohnt. Auch der einsamste Schriftsteller möchte Rückmeldung erhalten. Das ist ein elementares Bedürfnis.
ZEIT online : Wie verhält es sich mit negativen Konsequenzen, mit Sanktionen?
Holm-Hadulla : Richtig, Lobhudelei ist nicht alles. Manchmal ist es notwendig, dass Grenzen gesetzt werden. Die allerdings sollten mit einer positiven Botschaft, mit Beachtung und Beantwortung verbunden sein.
ZEIT online : Was also sind die ersten Schritte, um das Problem der Prokrastination in den Griff zu bekommen?
Holm-Hadulla : Am Anfang steht die Entwicklung klarer Arbeitsstrukturen. Durch sie lassen sich Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen erzeugen. Daneben sollte man klare Zielvorstellungen entwickeln. Die Betroffenen müssen akzeptieren, dass nicht jede Arbeit zu einer unmittelbaren Befriedigung führt oder gar Spaß macht. Eigentlich ist es ganz simpel: So wie der Herzschlag nach dem Muster Anspannung - Entspannung funktioniert, müssen wir ein Leben lang versuchen, die Balance zu finden zwischen Anspannung einerseits, also Konzentration und Verzicht, sowie Entspannung, also Lust und Freiheit, andererseits.
Professor Rainer Holm-Hadulla ist Leiter der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Universität Heidelberg. Außerdem ist er als Berater von Wissenschaftlern, Künstlern, Unternehmern, Politikern und Organisationen tätig.
Das Interview führte Sebastian Bühner .
- Datum 16.10.2007 - 05:44 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Er verdient nichts anderes. So viel zum Thema. Cunctator maximus
Neben den genannten Problemen, war es für mich vor allem schwierig, überhaupt Strukur in den Alltag zu bringen. Die aber nun mal Voraussetzung für erfolgreiches Lernen ist.
Wenn man früh eine Vorlesung hat, dann eine am frühen Nachmittag und abends noch einen Kurs, jedesmal in anderen Teilen der Uni, dann ist der Tag vorbei, ohne dass man Ruhe und Zeit zum lernen gehabt hätte. Trotz der Tatsache, dass man effektiv vielleicht 4 h in der Uni verbracht hat (den Rest in Bus und Bahn). Kommt dann noch ein Nebenjob dazu, mit dem man die etwas größeren Lücken auffüllen muss, dann wächst sich das ganze schnell zu einem echten Problem aus. Ein Problem, welches niemand recht verstehen will, denn offiziell haben Studenten ja "alle Zeit der Welt".
Witzig finde ich auch immer die Forderung nach einer höheren Frustrationsschwelle, kommt im Artikel ja auch so rüber. Vollkommen an der Realität vorbei. Menschen haben eine unterschiedliche Frustrationstoleranz, die mag während der Erziehung beeinflussbar sein, sie aber quasi beim Studium selbst zu erweitern, dürfte fast unmöglich sein. Wenn meine Grenze erreicht war und ich trotzdem versuchte weiterzulernen, dann resultierte das nur in zusätzlichen Frustrationserlebnissen (=ich kapiers einfach nicht), Wutausbrüchen (=wieso schreiben die so einen unverständlichen Mist, wozu brauche ich das überhaupt?).
Wenn man dann erstmal die ersten Vierer gefangen hat und ständig das Studium zu kippen droht (Vordiplom muss bis spätestens..., Bafög gestrichen weil Schein fehlt..., usw.) und der Berg an Arbeit kaum noch bewältigbar scheint, dann ist die Grundfrustration bereits so hoch, dass man ohne Hilfe und externe Motivatoren kaum noch selbst da raus kommt. Kommunikative Leute haben hier eindeutig Vorteile, wer an einer anonymen Massenuni schüchtern ist, hat es doppelt schwer.
Na ja, ich hab mein Studium letztlich doch geschafft, aber an einer BA, dort ist, dank guter Kommunikation, Klassenzusammenhalt, finanzieller Absicherung, viel Praxis und guter Organisation das Lernklima tausendmal positiver. Außerdem ist der Abschluß nicht in so unendlicher Ferne und die Praxisphasen sorgen für angenehme Abwechslung, auch gibt es keine Prüfungen in denen zynisch und knallhart (aus finanziellen Gründen) der halbe Jahrgang "rausgeprüft" wird.
Vielleicht ein Tip für alle die studieren und ähnliche Probleme haben. Ich konnte tagelang durchlernen, wenn es mir gelang ein ausgewogenes Motivations-Lern-Gleichgewicht herzustellen, z.B. eine Stunde lernen, dann eine halbe oder ganze Stunde lesen/spielen/schlafen/fernsehen auch mal spazieren und mit anderen reden. Das ist zwar uneffektiv, aber der lange Atem ist oft das Entscheidentere (zumindest wenn man zeitig genug vor der Prüfung anfängt mit lernen ;-)
Natürlich braucht man dazu viel zusammenhängende freie Zeit, heutzutage Mangelware. Die Kunst fängt also schon bei der Planung an, die man leider nicht immer selbst ausreichend gestalten kann.
Auch wichtig: den Lernverlauf am besten nur ganz grob planen und die Stofftiefe dem Zeitbudget anpassen. Der oft empfohlene Weg, sich konkrete Ziele zu setzen, kann unheimlich kontraproduktiv sein, da man fast immer zu Selbstüberschätzung neigt und dann gefrustet ist, wenn man nicht mal die Hälfte geschafft hat!
Bei einer gemütlichen Tasse Kaffee, nur ein kurzer Kommentar:
Herr Holm-Hadulla hat mit Sicherheit keine Naturwissenschaften studiert (ohne dass ich sein CV gelesen habe). Da sind Morgens ab spätestens 9am i.d.R. Pflichtvorlesungen mit Anwesenheitspflicht und ab Mittag Pflichtpraktika. Wenn die zu Ende sind steht Nachbereitung/Vorbereitung an. Da bleibt nicht viel Zeit die man sich vertreiben kann. Und da rechne ich einen Job, um die Studiengebühren zu finanzieren, gar nicht einmal ein.
Die Beschreibung des studentischen Arbeitsalltags stammt wohl eher entweder aus seiner verklärten Studienzeit (Philosophie und Psychologie) in Rom und Heidelberg (jetzt habe ich den CV gelesen) oder direktamente vom Stammtisch.
Schüler Holm-Hadulla: Thema verfehlt, setzen, sechs
CU,
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