Der Anblick ist ungewohnt: Studenten, Gasthörer und zwei Wirtschaftsprofessoren, die gemeinsam in einem Aquarium meditieren. Regungslos sitzen sie mit aufgerichteter Wirbelsäule auf schalenförmigen Holzstühlen, ihre Augen sind halb geschlossen, Stille herrscht im Raum. Nach fünf ereignislosen Minuten bewegt sich eine Hand vor dem Schiefergrün der Tafel, greift zu einem Holzklöppel, schlägt ihn gegen eine kleine Klangschale aus Messing und mit dem schillernden Ton kommt wieder Bewegung in die Besucher der Vorlesung.

Nun ist das Aquarium kein Refugium für Fische, sondern der Spitzname eines Seminarraums im Heidelberger Institut für Soziologie, dessen große Seitenwand aus Glasscheiben statt Betonwänden besteht. Es liegt mitten in der Heidelberger Altstadt, eine Gehminute vom Universitätsplatz entfernt. Nebenan verströmt die Zentralmensa Fertigsoßengeruch, und wer sie vor dem Mittagessen betritt, kann hinter den Glasscheiben des falschen Aquariums jeden Montag gegen 12.40 Uhr echte Meditation beobachten.

Schon seit mehreren Semestern findet die ungewöhnliche Vorlesungsreihe für Hörer aller Fakultäten statt, im Sommersemester 2007 ist sie im allgemeinen Vorlesungsverzeichnis unter dem Namen „Meditation als Lebenspraxis: Aufmerksamkeit und Gelassenheit“ zu finden. Zum ersten Mal wurde sie im Sommersemester 2003 unter dem Namen „Zenmeditation heute“ gehalten. Der Titel mag sich ändern, doch eines bleibt von Semester zu Semester gleich: Die letzten fünf Minuten werden einer stillen Meditation gewidmet, bei der die Anwesenden ihren Atem beobachten und die Gedanken vorbeiziehen lassen wie Wolken am Himmel – auch jene, die sich vielleicht noch mit dem soeben Gehörten befassen. Oder mit dem anschließenden Essen in der Mensa nebenan.

An der Vorlesung nehmen selten mehr als 20 Leute teil, doch viele, die einmal kamen, kommen immer wieder. Auch Jochen, ein 25-jähriger Student der evangelischen Theologie ist schon seit mehreren Semestern dabei und scheut sich nicht vor Kritik am eigenen Fach: „Die protestantische Theologie ist zu trocken, zu theorielastig. Zen und Mystik weisen da in eine andere Richtung.“

Ins Leben gerufen wurde die Vorlesungsreihe von Malte Faber, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre und Privatdozent Reiner Manstetten. Was bewegt nun ausgerechnet zwei Wirtschaftsprofessoren dazu, eine Vorlesung über Meditation und Mystik zu halten? Faber, ein Mann mit den Lachfalten einer Buddhafigur und aufmerksamem Blick, sagt: „Nicht wenige Menschen erleben die Welt als einen Bereich von Konkurrenz, Gier und Aggression. Wissenschaften wie die Volkswirtschaftslehre geben dafür sogar eine Art Rechtfertigung, indem sie ihre Modelle für eine Welt konzipieren, in der die Menschen sich als egoistische, rationale Nutzenmaximierer verhalten. Unser Anliegen ist es, daran zu erinnern, dass es noch etwas anderes gibt und dass wir Menschen darauf angelegt sind, dieses andere zu suchen.“

Manstetten, der im Fach Philosophie über Meister Eckhart promovierte und erst später zur Ökonomie kam, geht es auch darum, „die Wege der Mystik als eine Übungspraxis vorzustellen, die Menschen ermöglicht, sich jenseits der unterschiedlichen Konzepte des Verstandes für das Eine zu öffnen, auf dass diese Konzepte verweisen.“

Nun könnte man fragen, was ein solches Vorhaben an einer Universität zu suchen hat. Manstetten verweist auf die wissenschaftliche Schulung von abendländischen Mystikern wie eben Eckhart oder auch Johannes vom Kreuz hin, die beide berühmte Theologen ihrer Zeit waren. Die Wissenschaft sei auch „der Versuch, über beliebige Gegenstände in einer verantwortungsvollen Weise zu sprechen, und zwar so, dass andere den Weg des Gedankens nachvollziehen können.“ Er senkt seinen Blick kurz in Richtung Boden, als läge dort sein nächster Gedanke: „Zur Wissenschaft gehört es allerdings auch, so wie Kant es in der Kritik der reinen Vernunft gezeigt hat, die Grenzen des Sprechens und Denkens auszuloten. Das alles passt gut zur Mystik, insbesondere heute, wo es eine gewisse Tendenz gibt, dass sich Menschen mit einer besonderen Ausstrahlung auf mystische Erfahrungen aller Art berufen, ohne sich die Mühe zu machen, klar und zusammenhängend zu argumentieren.“