Journalismus Futter für die Presse

Ein gefeuerter Chefredakteur, Artikel, die aus den Zeitungen verbannt werden - die französischen Medien sind vorsichtig, wenn es um Berichte über den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy geht. Frankreichs zukünftige Journalisten haben Angst um die Pressefreiheit.

Es vergeht kein Tag, ohne eine Nachricht über Nicolas Sarkozy. Mal wird Frankreichs Präsident mit einem ominösen Liebesbrief gesichtet, mal wurden ihm auf einem Foto mit nacktem Oberkörper Fettpölsterchen wegretuschiert. Schon als Innenminister hat Sarkozy seine Macht über die Medien ausgetestet: vor zwei Jahren wurde der Chefredakteur der Glamourzeitung Paris Match gefeuert, weil er ein Bild von Sarkozys Frau Cécilia mit einem Liebhaber veröffentlichte.

Das Staatsoberhaupt ist in den Medien so allgegenwärtig, dass sich nun sogar eine Initiative gegründet hat, die einen Sarkozy-freien Tag fordert. Zusammenschluss für Demokratie im Fernsehen (RDT) heißt sie und will "den Kern des Beeinflussungssystems" in der französischen Presse aufdecken. Ob ihre Forderung sinnvoll ist, darüber lässt sich streiten, doch dass der Präsident die Journalisten tatsächlich beeinflusst, sogar manipuliert, macht auch vielen Journalismusstudenten in Frankreich Sorgen.

Tassilo von Droste zu Hülshoff ist einer von ihnen. Er findet, dass das Verhältnis zwischen Macht und Medien zu eng ist. Er hat gerade den Masterstudiengang Journalismus am Istitut d'Études Politiques in Paris beendet. "Sarkozy hat die Möglichkeit durch seine Freunde in Redaktionen einzugreifen, und tut es nicht nur, um Speckfalten wegradieren zu lassen", sagt der 24jährige. "Viele Journalisten beschweren sich darüber, doch eins muss man Sarkozy lassen: er weiß, was die Medien wollen.

So soll er in Redaktionen anrufen, wenn er joggen geht oder wenn er einen Strandspaziergang mit seiner Frau plant. Er gibt der Presse das Futter, dass sie gerne frisst. "Sarkozy ist ein guter Kommunikationsmanager", findet auch Journalismusstudentin Morgane Tual und meint das nicht als Kompliment. "Zwar haben alle Politiker Beziehungen zu bestimmten Journalisten, und viele Zeitungen folgen einer politischen Richtung, aber Sarkozy pflegt mit fast allen großen Medienbossen enge Beziehungen. Das ist extrem gefährlich für die Pressefreiheit."

Für Tassilo sind Abhängigkeitsverhältnisse nach dem Motto Ich gebe dir Interviews und du schreibst etwas Nettes über mich nicht akzeptabel. "Ich war Praktikant in der Politikredaktion einer Zeitung. Da hatte jeder die Telefonnummer von bestimmten Politikern in der Tasche. Die möchten ein gutes Bild abgeben, die Journalisten ein paar exklusive Worte ergattern." Tassilo wollte deswegen nicht weiter in der Redaktion arbeiten und beendete sein Praktikum vorzeitig.

Doch nicht alle Journalismusstudenten sind so skeptisch wie er. Vor allem nicht, wenn es um Sarkozy geht. "Viele meiner Kommilitonen, sprechen nicht über sein enges Verhältnis zu den Medienmachern", sagt Morgane, die an der Sorbonne studiert. "Viele haben Sarkozy gewählt und bewundern ihn. Sie würden ihn nicht ohne weiteres kritisieren. Meine Ansichten werden eher als unreflektiert abgetan."

Tassilo und Morgane wissen, dass Politiker immer versuchen, so medienwirksam wie möglich aufzutreten. Auch dass sich eine Homestory von Sarkozys Patchwork-Familie besser verkauft als ein Bericht über die Schwierigkeiten einer Arbeiterfamilie, ist ihnen klar. In den Medien geht es auch immer um Quoten und Verkaufszahlen. Doch das erkläre nicht, warum die Journalisten ruhig mit ansehen, dass kritische Berichte oder unschöne Fotos des Präsidenten aus den Zeitungen oder dem Fernsehen verbannt werden.

Die Gründe dafür sehen die beiden auch in der schwierigen Arbeitslage für Journalisten. Die Jobs sind rar. "Deshalb ist es schon so weit, dass die Journalisten gar keine Anweisungen mehr von oben brauchen, sondern sich selbst zensieren", glaubt Morgane. "Sie wollen ihren Chefs gefallen und diese wiederum Sarkozy. Das ist eine sehr subtile Manipulation. So kann die Presse einer ihrer wichtigsten Aufgaben nicht mehr gerecht werden: nämlich Kritik und Kontrolle."

Weder Tassilo noch Morgane wollen unser solchen Umständen arbeiten, "aber vielleicht sind wir zu idealistisch", sagt Tassilo. Beide glauben, dass sich an Sarkozys Medieneinfluss und der Selbstzensur der Journalisten erst einmal nichts ändern wird. "In der kleinen Welt der Presse wird es weiterhin die Sarkozy-Kritiker geben Aber eben auch die Sarkozy-Anhänger, die allerdings weit mehr Bedeutung haben. Sarkozy ist gerne von reichen und erfolgreichen Menschen umgeben. Und die sitzen in den Medienunternehmen nun mal meist ganz oben."

 
Leser-Kommentare
    • ttob
    • 03.11.2007 um 9:15 Uhr

    Es ist eine bekannte Tatsache, dass die französichen Präsidenten eine Machtfülle und einen Einfluß haben, der schwer mit dem Verständnis  einer modernen Demokratie vereinbar ist.Auch frühere Präsidenten haben sich Sachen rausgenommen, die uns Deutschen skandalös erscheinen, ohne dafür bestraft worden zu sein. Leider kenne ich zu wenige Franzosen, um einzuschätzen, ob sie mit der Situation eher kokettieren oder frustriert darüber sind. Immerhin unterscheidet sie eines von den Deutschen: wenn sie demonstrieren, dann mit enormer Durchsetzungskraft. Eine Art basisdemokratische Sicherung gegen gar zu böse Ausrutscher ihres Führers (eine Sicherung die in D, aufgrund der Mentalität, nicht so richtig funktioniert).

    • Akakor
    • 04.11.2007 um 16:08 Uhr

    Wo habe ich das letztemal kritisches über die Ex-Sekretärin der FDJ für Agitation gelesen? Außer Hurra zum Afghanistan-Besuch, Spalierstehen beim Fälschen der Arbeitslosenzahlen, Aufschwungmärchen und einem angeblichen Hoch bei den Umfragewerten nach dem anderen ist sonst nichts zu lesen. Wir sind Frankreich in der Gleichschaltung der Presse bereits weit voraus...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 2
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Bildung
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service