Elite-Unis Der Proporz hat gesiegt

Der Süden Deutschlands ist auch diesmal der Exzellenzgewinner. Doch einige Details der Entscheidung überraschen. Ein Kommentar.

Was haben sie dem heutigen Tag entgegengefiebert, die acht Kandidaten aus ganz Deutschland , die um den Titel der Elite-Universität gewetteifert haben. Dazu kamen all die Prognosen von selbst ernannten oder tatsächlichen Wissenschaftsexperten, die alle genau zu wissen glaubten, welche Universitäten am Ende den Sieg davontragen würden. Nun ist die Entscheidung in der zweiten Runde der Exzellenzinitiative gefallen, und das Votum der Gemeinsamen Kommission von Wissenschaftsrat und Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) überrascht dann doch, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht.

Das fängt schon bei der Zahl der Gewinner an. Sechs von acht Kandidaten dürfen sich von heute an zum illustren Kreis der Besten zählen und schließen damit zu den drei süddeutschen Universitäten auf, die bereits vergangenes Jahr den Sieg davongetragen haben. Damit hat Deutschland von heute an neun Elite-Universitäten ­- das ist mehr, als von den meisten Experten erwartet wurde, und nahe an der Höchstzahl von zehn Hochschulen, die die Jury insgesamt überhaupt hätte küren können.

Die hohe Zahl spricht nicht so sehr für die überragende Qualität aller siegreichen Anträge, auch wenn die Mitglieder der Kommission anderes behaupten werden. Sie spricht eher für den mangelnden Mut der Verantwortlichen . Die Zahl der Elite-Unis weiter einzuschränken, hätte bedeutet, mehr Enttäuschung bei den Unterlegenen hervorzurufen und die Kritik der im Proporzdenken Verhafteten aushalten zu müssen. Wie heftig diese Kritik ausfallen kann, wurde im ersten Durchgang deutlich, als nur die TU und LMU München sowie die Universität Karlsruhe gekürt worden waren.

Dieses Mal hat die Entscheidung von Wissenschaftsrat und DFG dafür gesorgt, dass alle Regionen in Deutschland gleichermaßen bedacht worden waren: Der Norden (Göttingen) ebenso wie der Westen (Aachen), der Osten (FU Berlin) wie der Süden (Konstanz, Freiburg, Heidelberg). Dabei war der Sieg Göttingens wohl vor allem eine politische Entscheidung, der Aachens hingegen hochverdient. Es wird heute also im ganzen Land viele glückliche Gesichter geben.

Natürlich mussten dennoch auch Verlierer bestimmt werden, ansonsten hätten sich die Entscheider dem Vorwurf der Beliebigkeit preisgegeben. Dass die Ruhr-Universität Bochum (RUB) nicht zu den Siegern zählt, war erwartet worden, sie hatte ohnehin nur Außenseiterchancen.

Dass allerdings die Humboldt-Universität (HU) neben der RUB die einzige weitere Verlierer-Hochschule im Wettbewerb ist, kommt doch einer weiteren Überraschung gleich ­- ebenso wie umgekehrt der Erfolg der Universität Konstanz, der sich allerdings in den vergangenen Wochen in den Aussagen einiger Kommissionsmitglieder schon angekündigt hatte. Gegen die traditionsreichen Universitäten Göttingen, Heidelberg oder Aachen zu unterliegen ist für die HU sicher noch erträglich, aber gegen Konstanz, eine vermeintliche Provinzhochschule? Das tut dann doch weh. Ebenso wie die Tatsache, dass der ewige Wettstreit der zwei Berliner Hochschulen HU und FU jetzt vorerst entschieden ist.

Der große Sieger der Exzellenzinitiative bleibt aber der Süden und, hier ganz besonders, Baden-Württemberg. Mit Karlsruhe, Heidelberg, Freiburg und Konstanz kann sich das Land jetzt mit gleich vier der neun Elite-Unis brüsten. Das ist ein enormer Erfolg für die Wissenschaftspolitik im Südwesten.

Die Devise für die Humboldt-Universität und die Bochumer Ruhr-Uni kann nur lauten: aufstehen und weitermachen. Besonders die RUB hat einen enormen Wandel hinter sich, von der linken Kaderschmiede zu einer der besten Lehruniversitäten. Von ihr ist auch in der Forschung eine Menge zu erwarten ­- vielleicht ja bereits in der nächsten Runde der Exzellenzinitiative. Die ist zwar noch nicht beschlossen, aber wird doch von fast allen erhofft und erwartet. Sie wäre auch wichtig, damit Sieger und Verlierer jetzt nicht in Lethargie verfallen. Denn Exzellenz muss immer wieder neu verdient werden.

 
Leser-Kommentare
    • wowman
    • 19.10.2007 um 18:10 Uhr

    Elite und Proporz sind zwei Begriffe, die nicht in einem Satz vorkommen dürfen. Der eine (Proporz) schliesst den anderen (Elite) nicht nur aus; sollte der Autor mit seiner These, in der jüngsten Entscheidung sei Elite nach Proporz definiert worden, recht haben, wären Unis zur Elite hinzugenommen worden, die eben keine "Elite" sind. Und das würde die Exzellenzinitiative, hinter der sich weniger die Suche nach Elitärem, sondern eher ein Auswahlverfahren für die Zuweisung von Geldern verbirgt, lächerlich machen.
    Zwei kleine Anmerkungen seien noch erlaubt:
    + ist die Auswahl von Universitäten nicht zu grob? Zeigt sich "Elite" nicht eher an der Leistung, am Talent Einzelner, wenigstens an einzelnen Instituten?
    + ist es nicht unsinnig, den Leistungsträgern zusätzliche Gelder zukommen zu lassen, während jene, die besonders schlecht arbeiten, keinerlei Nachteil haben? Den Guten geben ist ok, aber der Koalition der Unwilligen sollte auch genommen werden!

  1. ist das Ganze nur eine Showveranstaltung: Wieviele Unis gibt es in Deutschland? Und wieviele sind jetzt "Elite"??? Da klafft jetzt schon ein Mißverhältnis.

    • salius
    • 19.10.2007 um 19:02 Uhr

    Merkwürdig, dass der Kommentator vom Konstanzer Erfolg so überrascht scheint. Jeder, der ein bisschen Einblick hat, weiß, dass diese Uni zu den besten gehört. Schon von sehr weitreichender Ahnungslosigkeit zeugend dann der Ausdruck "Provinzhochschule" (wenn auch mit "vermeintlich"). Spielt natürlich keine Rolle, wo eine Schule steht, auch Harvard, Yale, Princeton usw. sind nicht in Großstädten.
    Nein, dass Konstanz, Heidelberg und Aachen durchkommen - wie es ja offenbar die Wissenschaftler wollten -, ist völlig in Ordnung. Die Probleme sind Göttingen: eine Uni mit beachtlicher Tradition, aber wissenschaftlich schon länger auf dem absteigenden Ast. Und natürlich die FU: eine Massenuni schönster Ausprägung, strukturell niemals in der Lage, echte Elite zu werden. Da hat dann sicher die Politik entschieden (insofern ist der Kommentar natürlich richtig). Es musste halt eine Berliner Uni sein.

  2. Schon traurig, Herr Wiarda, wie unkritisch Sie diesen
    Zirkus mitspielen. Oder dürfen Sie sich gar nicht anders
    äußern, so verbandelt wie die ZEIT mit den Güterslohern ist?

    • tzeuch
    • 19.10.2007 um 23:08 Uhr

    Oberflächlicher geht es wohl nicht ??

    Proporz hat gesiegt ? Was wäre denn, wenn nur Aachen, Konstanz und Heidelberg als Eliteunis auserkoren worden wären ? Die Brain-Up Casting Show wäre für die Zukunft politisch toter als tot ! Da könnte die Bertelsmann Stiftung noch so trommeln !
    Oder würden die 16 Kultus- und Wissenschaftsminister es ein ein weiters Mal zulassen, dass der Bund 2-3 Ländern Milliarden zuschustert und die übrigen dabei (fast)leer ausgehen ? Es haben hier eben auch Politiker in einer durch und durch politischen Veranstaltung mitentschieden. Zur Erinnerung: Schröder hat in einer Weihnachtsansprache die Elite entdeckt und die Föderung selbiger in der Wissenschaft als Kontrast zu Harz I-IV aus dem Hut gezaubert, Brain-Up Bulle, seine Wissenschaftsministerin, hat dann mit Hilfe von ein paar Beratern und einer Werbeagentur die Casting Show angestoßen. Wie lange wurde dann zwischen Bund und den Ländern darüber verhandelt ? Wie oft wurde verkündet, der Wettbewerb steht, um die Zusage des Kultusministers dann wieder von den Ministerpräsidenten kassieren zu lassen ? Wer bei dieser hochpolitischen, von der Zeit intensiv medial beobachteten Entstehungsgeschichte glaubt, es würde schlußendlich über die Milliarden des Bundes allein von Wissenschaftlern entschieden, der lebt im Wolkenkuckucksheim und hat die elementare demokratisch-politische Grundordnung der Bunderepublik Deutschland, insbesondere den Föderalismus nicht ansatzweise verstanden.
    Unter diesen Rahmenbedingen ist das Erreichte erstaunlich viel und ein ziemlich einmaliger Vorgang: Die Länder haben geschlossen zugestimmt freiwillig Bundesmittel letztlich erstaunlich unproportional verteilen zu lassen.
    Ein weiterer Punkt: Viele deutsche Universitäten haben eine kritische Masse an forschungstarken Fakultäten und etablierten Kooperationen mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wer will da sagen, dass die z.B. in Göttingen oder Bochum es nicht schaffen, sinnvoll die 20 Millionen zu investieren, aber andere z.B. in München problemlos das Geld zur Steigerung der Forschungsleistung einsetzen werden? Vielleicht ist in München die Luft raus, da vieles schon mit Landesmitteln angestoßen wurde ? Diese Simulation auf Papier zukünftiger Exzellenz in der Forschung fair zu beurteilen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wer nur ein bisschen Ahnung von der wissenschaftlichen Praxis bei uns hat, weiß das.
    Hier geht es hingegen ganz wesentlich darum, den Wissenschaftsstandort Deutschland besser zu vermarkten und das mag z.T. auch gelingen. Auf jeden Fall hat die heutige Entscheidung die Chancen auf eine Fortsetzung der Initiative (durch die Politik !!!) enorm gesteigert. Das sollte man bei aller Enttäuschung darüber, dass es nicht nur die Unis mit der nach subjektiver Wahrnehmung geilsten Selbstdarstellung zur Spitzenuni geschafft haben.

    Tipp schon Schluss: Kommentar von Tanjev Schultz in der Süddeutschen lesen, da gibt es noch kritischen, tiefschürfenden Wissenschaftsjournalismus !!!!
    http://www.sueddeutsche.d...

  3. allein das wort "exzellenz-initiative" verursacht bei mir sodbrennen. wer sich mit seinem schulwesen in ganz europa blamiert, dem bringe ich auch im hochschulwesen eine gesunde skepsis entgegen.
    vor allem geht es doch wohl um knete und die wahrung von besitzständen. proporz ? okay, göttingen und fu berlin sind auch mir unverständlich. als ostdeutscher tu-absolvent kann ich in freilich in ganz ostdeutschland nur einen weißen fleck erkennen.
    nach abwicklungen, evaluierungen, umstrukturierungen und importen zweitklassiger west-professoren sind wir da wo wir sind und müssen wohl auf längere sicht unter dem tisch platz nehmen und von den krümeln leben, die noch runterfallen.

  4. >"...während jene, die besonders schlecht arbeiten, keinerlei Nachteil haben? Den Guten geben ist ok, aber der Koalition der Unwilligen sollte auch genommen werden!" Koalition der Unwilligen? Achse des Bösen? Um Himmels willen, wissen Sie eigentlich, mit was Sie da um sich werfen? Haben Sie die Kompetenz, die "Verlierer" dieses Wettbewerbs als unwillig zu charakterisieren und bestrafen zu lassen? Bleiben Sie mal auf'm Teppich. INHO wäre es eher interessant, in wie weit man einen Teil der Gelder nicht besser investieren könnte, um die "Verlierer" auf ein annäherndes Niveau der Sieger anzuheben. Dann wäre für Deutschlands Uni-Niveau und Bildungs-/Forschungssystem wesentlich mehr erreicht.

  5. Die Exzellenzinitiative passt in meinen Augen sehr wohl in die aktuelle deutsche Bildungslandschaft. Um deren Sinn zu erkennen sollten wir uns zwei grundlegende Gegebenheiten anschauen: 1) die Länder sind seit per Verfassung für die Hochschulen zuständig und nach Förderalismusreform II soll sich der Bund auch hier im Zuge der Finanzentflechtung zurückziehen. Nun verspürte aber die Bundesregierung vor ein Jahren ein dringendes Bedürfnis, den Unis eine Geldspritze zu verpassen. Es passte, wie ein Vorposter bereits erwähnte, gut ins Konzept "fördern & fordern". 2) Die deutsche Uni-Landschaft war schon vorher eine Klassengesellschaft. Die einen betrachteten sich als eine Art Fachhochschule für Nichttechniker und decken den lokalen Bedarf an Lehrern, Juristen, Buchhaltern und Priestern. Beispiele dafür sind Provinzunis wie Augsburg oder auch Massenunis wie Frankfurt. Sie sind sehr wohl von regionaler Bedeutung, allerdings nicht relevant über die Grenzen des Bundeslandes hinaus, maximal in Deutschland bekannt. Und dann gibt es noch die sogenannten "Elite-Unis", die meistens aufgrund von Tradition schon immer eine gewisse Stärke aufwiesen. Ein Anheben der ersten Kategorie auf die zweite Kategorie macht keinen Sinn. Aus diesen beiden Punkten wurde die Exzellenzinitiative geboren um den "Tradition-Unis" einen Geldbonus zu verschaffen, damit sie ihre Stärken verbessern können.

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