LeuphanaWider die Plastikworte

Entlarvende PR-Offensive oder gelungene Satire? Wie eine Internetseite und ein Video auf dem Campus in Lüneburg große Verwirrung stiftete. von Florian Zinnecker

Film ab: Ein Student fährt auf den Campus, im Audi. An einer Schranke wird er angehalten, ein Wachmann scannt seine ID-Card, erst dann darf er passieren. Eine Stimme aus dem Off: "Modernste Sicherheitsanlagen gewähren unabdingbare strukturelle Voraussetzungen auf dem gesamten Universitätsgelände." Der Student parkt und eilt, wie jeder hier im Business-Anzug und mit dem Notebook in der Hand, in den Hörsaal. Am Eingang passiert er einen Tisch, an dem Warenproben von Coca-Cola verteilt werden. Dazu der Off-Kommentar: "Mit Blick auf die Zukunft wird bei uns unternehmerisches Denken und Handeln groß geschrieben. Darum arbeiten wir mit starken Partnern aus der Wirtschaft zusammen."

Schließlich nimmt der Edel-Student Platz, die Vorlesung beginnt, nicht jedoch, bevor diese "starken Partner aus der Wirtschaft" Werbetrailer geschaltet haben. "Wir garantieren den Absolventen", so die Stimme zum Schluss, "Führungsqualitäten und Kompetenzen, die sie später in den Chefetagen weltweiter Spitzenunternehmen einbringen können." Und: "In einem dynamischen Umfeld fällt zurück, wer nicht flexibel ist." Herzlich Willkommen an der Leuphana Universität Lüneburg!

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Sarah, BWL-Studentin im fünften Semester*, ist verdattert. Was ist das? Eine neue Imagekampagne ihrer Uni? Sie ist sich da sicher - zumindest für einen Moment. Gefunden hat sie das Video im Internet unter www.leuphana.de.vu . Dort sah sie auch das Logo der Leuphana, ihre Schifttype, das weinrot-weiße Corporate-Design und auch die markig-dynamischen Losungen der Uni-Führung. "Bleiben Sie Ihr Studium lang, bleiben Sie Ihr Leben lang neugierig" - diese Worte spricht Präsident Sascha Spoun gar persönlich in die Kamera.

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Heute wissen Sarah und ihre Kommilitonen: Dieses Video und dieser Internetauftritt wurde nicht vom Präsidium initiiert, dies ist keine Imagekampagne, sondern - je nach Blickwinkel - geniale Satire, ein schlechter Witz oder ernst zu nehmende Kritik an der grundständigen Ausrichtung der Hochschule.

Unbeeindruckt ließ dieser Film allerdings niemanden. "Absolutely well done, Mr. Spoun", schrieben begeisterte Gratulanten per E-Mail. "Was soll denn das jetzt, werden dafür unsere Studiengebühren verwendet?", war an allen Ecken des Campus zu hören. Genauso wie viele Gerüchte, wer sich hinter dieser Aktion verbirgt. Auch Matthias Fabian, der Sprecher des Lüneburger AStA, hat so seine Vermutungen. "Ganz sicher weiß ich aber nur, dass der AStA die Seite nicht gemacht hat." Was nicht bedeutet, dass er das Projekt generell ablehne: Der Film und die Homepage tragen zur Diskussion über die aktuellen Vorgänge an der Uni bei. Eine Diskussion, die, so Matthias, "noch viel breiter und umfangreicher geführt werden müsste".

Leserkommentare
  1. in der "ZEIT Campus Community" unter http://uni.zeit.de/article/2007/11/15/hochschulen-als-unternehmen Sowas, zwei Kommentarorte. Und ich wundere mich schon, das hier nichts auftaucht von der lebhaften Debatte.

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