Belgien Knutschen für die Einheit
Flämische und wallonische Studenten demonstrieren küssend und kuschelnd für den Zusammenhalt ihres Landes.
„Een – twee – drie … Un – deux – trois – Knuffelen!“ Als die Lautsprecherstimme über den großen Platz vor der Universitätsbibliothek im belgischen Löwen dröhnt, gibt es kein Halten mehr. Über 400 junge Menschen stürmen aufeinander zu, fallen sich um den Hals, kuscheln und knutschen. Doch hier handelt es sich nicht etwa um eine öffentliche Orgie oder die Nachahmung einer Szene aus Patrick Süskinds Das Parfum . Was sich an diesem Novembernachmittag auf dem Ladeuzeplatz abspielt, ist ein rein patriotischer Akt. Die Studenten demonstrieren für den Erhalt ihres Vaterlandes Belgien. „België knuffelt – Les belges s’embrassent“ („Belgien knuffelt“) heißt die Aktion, die Studenten der Universität Löwen ins Leben gerufen haben und die zeigen soll, dass Flamen und Wallonen sich besser verstehen, als manche Politiker und europäische Nachbarn wahrhaben wollen.
Auch die flämische Studentin Blandine Jaet rennt auf Kommando los. Sie landet in den Armen von Simon Guns aus Dinant in der Wallonie. Beide sprechen sowohl Französisch als auch Flämisch, beide verstehen sich auf Anhieb. „Ich bin flämisch und die meisten Menschen, die ich kenne, sind dafür, dass Belgien in seiner jetzigen Form fortbesteht, und wollen keine Trennung. Beide Seiten sind wichtig für dieses Land und darum ist es wichtig, gegen eine Teilung zu kämpfen", sagt die 20-Jährige und strahlt ihren fünf Jahre älteren Landsmann an, der sich in eine belgische Flagge gewickelt hat. „Ich sehe das genauso“, sagt Simon. „Es ist völlig egal, ob jemand Flame oder Wallone ist, wir sind alle Belgier. Ich habe eine Zeit lang in Südafrika gelebt und immer, wenn ich einen Belgier getroffen habe, habe ich mich gefreut, einen Landsmann zu sehen. Dabei hat es mich überhaupt nicht interessiert, ob er Französisch oder Flämisch gesprochen hat.“
Genau diese Sprachunterschiede sind es aber, die das kleine Benelux-Land derzeit erstarren lassen und eine Regierungskrise heraufbeschworen haben. Seit den Parlamentswahlen am 10. Juni geht nichts mehr in Belgien. Seit Monaten versucht das Land vergeblich, eine Regierung zu bilden. Der flämische Wahlsieger, Yves Leterme von der Partei Christen Democratisch en Vlaams (CD&V), gab den Auftrag zur Regierungsbildung am 23. August an König Albert II. zurück, der frühere Ministerpräsident Guy Verhofstadt von der liberalen Partei Vlaamse Liberalen en Democraten (VLD) führt seitdem kommissarisch die Regierungsgeschäfte. Neue Gesetze darf er nicht auf den Weg bringen, nur alte verwalten.
Die
Koalitionsverhandlungen
zwischen Christdemokraten und Liberalen aus Flandern und der Wallonie waren vor allem daran gescheitert, dass die Parteien aus den unterschiedlichen Landesteilen sich nicht auf eine Föderalismus- und Wahlkreisreform einigen konnten. Die Flamen fordern eine größere Autonomie der einzelnen Landesteile, die Wallonen haben Angst, dass dann flämische Zahlungen in Milliardenhöhe für den wirtschaftlich schwächeren Süden Belgiens ausbleiben könnten.
Zur handfesten Staatskrise entwickelte sich die Auseinandersetzung am 7. November, als alle flämischen Abgeordneten im parlamentarischen Innenausschuss zum Ärger ihrer frankophonen Kollegen für getrennte Wahlkreise in Brüssel und dem Umland stimmten. Bislang hatten die Frankofonen das Recht, auch im flämischen Brüsseler Umland für frankofone Wahllisten zu stimmen. Die Frage nach der Zukunft des Landes wird immer lauter, eine Aufteilung in die beiden großen Landesteile ist zu einem realistischen Szenario geworden.
Auf dem Ladeuzeplatz finden sich aber auch einige, denen eine Teilung Belgiens gut passen würde. „Das wäre gut so“, sagt der 21-jährige Nick Mols. „Die Regierungskrise hat gezeigt, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Wir sind für eine enge Freundschaft zwischen Flandern und der Wallonie, aber gegen ein institutionalisiertes Belgien. Eine gute Nachbarschaft ist besser als eine schlechte Ehe – wir sind also die Separatisten“, sagt er und lacht. Wir, das sind neben Nick noch weitere Politikstudenten und Mitglieder der Jugendorganisation der Partei CD&V, die die Umarmaktion aus sicherer Entfernung beobachten und gelbe Flyer verteilen. Auf denen steht „Liebe ist … einander Freiraum zu geben“. „Es geht einfach alles viel zu langsam“, schimpft CD&V-Mitglied Kim Geybels, „eine Trennung wäre für alle das Beste.“
Die große Mehrheit auf dem Laudeuzeplatz scheint das allerdings anders zu sehen. Die Demonstranten haben einen großen Kreis gebildet und halten sich gegenseitig fest. Einer stimmt die Nationalhymne an, die belgische, alle singen mit. Dann reißen sie die Arme in die Luft, jubeln und wedeln mit ihren Fahnen. „So happy together“ tönt jetzt aus den Lautsprechern, in der Mitte des großen Kreises tanzen zwei als Hahn und Löwe verkleidete Studenten, die Wappentiere der Wallonen und Flamen, Tango.
Bram Dewil hat seinen Arm um Marie Mathei gelegt und sagt: „Ich würde es schrecklich vermissen, sagen zu können, dass ich Belgier bin. Ich bin flämisch, habe aber viele wallonische Freunde, mit denen ich mich genauso verbunden fühle.“ „Belgien ist mein Land. Ich liebe den Norden ebenso wie den Süden, wo ich herkomme. Gerade die kulturelle Vielfalt ist es, die unser Land zu etwas ganz Besonderem macht“, sagt die 21-jährige Marie und drückt Bram einen Kuss auf die Wange.
„Es ist Zeit, dass wir Studenten sagen, was wir wollen. Schließlich geht es um unsere Zukunft“, sagt Sander Herijgers, 22. Er hat die Knutsch-Aktion zusammen mit drei Freunden organisiert. Für die Vorbereitungen hat der Biologiestudent zwei Wochen lang die Uni geschwänzt und jede Menge belgisches Freibier besorgt. Wie viele Leute er heute schon umarmt hat, weiß er nicht mehr. „Ich denke, dass die Separatisten in der Minderheit sind“, sagt Sander und wirft den Politikstudenten mit den gelben Flyern am anderen Ende des Platzes einen fast mitleidigen Blick zu. „Mein Eindruck ist, dass der Großteil der Gesellschaft sich als Belgier fühlt. Ich bin Flame, Belgier und Europäer und möchte nichts davon aufgeben.“
Für Sander und die anderen Demonstranten bleibt also nur zu hoffen, dass das Land nicht dem Beispiel seiner Universität folgt. Die fiel schon vor fast 40 Jahren dem flämisch-wallonischen Konflikt zum Opfer und wurde geteilt in die Katholieke Universiteit Leuven und die Université catholique in Louvain-la-Neuve.
- Datum 26.11.2007 - 04:19 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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