Frankreich Wider die Ökonomisierung

Nicht nur Lokführer und Lehrer streiken, auch tausende Studenten protestieren gegen Sarkozy: Inzwischen sind 50 Prozent der Unis teilweise oder ganz geschlossen.

„Wir brauchen eine Uni, die kostenlos ist, offen für alle und frei“, ruft ein junger Mann von der Tribüne herunter. Seine langen, dunkelbraunen Rastalocken fallen ihm ins Gesicht, energisch streicht er sie zurück. Tosender Beifall erhebt sich, einen kurzen Moment bleibt er noch stehen, dann setzt er sich. Die Pariser Universität Sorbonne. Im „Amphi Richelieu“, dem größten Hörsaal der Traditionshochschule, findet die Generalversammlung der Sorbonne-Studenten statt, es ist brechend voll.

„Das Problem ist doch das Geld“, tönt es vom anderen Ende des Saales. Man scheint sich hier einig zu sein: Frankreichs chronisch unterfinanzierte Universitäten brauchen dringend mehr Geld. Aber nicht auf die Weise, die das im Sommer verabschiedete neue Hochschulgesetz, das "Loi relative aux liberté et responsabilités des universités" (Gesetz über die Freiheit und Verantwortung der Universitäten, LRU) vorsieht. Es soll den Universitäten mehr Autonomie geben und die Finanzierung über Drittmittel aus der Privatwirtschaft erleichtern.

Das Gesetz diene dem internationalen und interuniversitären Wettbewerb, sagen die Befürworter der Ökonomisierung der Hochschulen. Die Gegner befürchten einen zu großen Einfluss der Privatwirtschaft auf einzelne Fakultäten und dadurch eine Aufsplittung in Elite- und Billig-Universitäten. Mit der Hochschulreform soll nach dem Willen der Regierung auch der Einfluss der Studenten und Dozenten schrumpfen - zugunsten der Universitätspräsidenten und der Verwaltungsräte, in denen mehr externe Mitglieder als bisher Stimmrecht erhalten sollen.

Dabei sind sich die Kritiker der Reform nicht ganz einig. Nur wenige wollen die komplette Rücknahme des Gesetzes, der Großteil der Studenten fordert von Bildungsministerin Valéry Pécresse die Garantie, dass einzelne Fakultäten nicht benachteiligt werden und die Hochschulen für alle Schulabgänger zugänglich bleiben.

Gut drei Stunden wird im Hörsaal der Sorbonne diskutiert, dann kommt es zu den ersten Abstimmungen. Wer ist für den Streik? Rund 400 Hände gehen nach oben, begleitet von kampfeslustigen Zwischenrufen. Gezählt wird nicht, das Ergebnis ist deutlich. Und nicht überraschend, sind es doch ohnehin nur die politisch engagierten und kritischen Studenten, die die landesweit stattfindenden Generalversammlungen besuchen, zu denen linksgerichtete Studentenorganisationen aufgerufen hatten. Wer ist für die Blockade der Uni? Rund 100 Hände heben sich. Wer ist dagegen? Weniger. Die Mehrheit enthält sich, die Entscheidung ist gefallen, die Uni wird blockiert.

Tatsächlich sind am nächsten Morgen die Türen der Universität geschlossen, und nicht nur an diesem Tag, nicht nur an der Sorbonne.

Es hat ein wenig gedauert, bis es in das Bewusstsein der Studentenschaft drang, was das neue Gesetz bedeutet, denn es wurde während der Semesterferien im Eilverfahren beschlossen. Nun aber, so scheint es, sind die Studenten hellwach: 46 von 85 Universitäten sind ganz oder teilweise geschlossen, 40.000 Studenten gingen bisher auf die Straße. Zahlreiche Generalversammlungen haben den Streik beschlossen und einige Universitäten bleiben, wie Paris X/Nanterre, in diesen Tagen recht armselig bevölkert.

Dass die Studentenproteste mit den Eisenbahnstreiks parallel gehen und sich nun auch Beamte, Lehrer und Schüler den Streiks anschließen, ist kein Zufall. „Im Grunde geht es um dieselben Themen wie bei den Studentenprotesten im Frühjahr 2006, nämlich vor allem um die Frage nach sozialer Sicherheit“, ist Dozent Jean Salem überzeugt. Er lehrt Philosophie an der Sorbonne und sieht sich auf der Seite der Studenten. Ein guter Abschluss helfe auf dem französischen Arbeitsmarkt sehr wenig, erklärt er. "Die Geisteswissenschaften werden nur anerkannt, wenn sie sich in den Dienst der Wirtschaft stellten, wenn sie sich verkaufen."

Bei der bisher größten Demonstration gegen die Hochschulreform vergangene Woche in Paris sah man auch Lehrer und Schüler in den Reihen der Demonstranten. „Ich bin hier, um gegen die Hochschulreform und gegen Sarkozy zu demonstrieren“, sagt die 17-Jährige Mylène. Ob sie daran glaube, dass die Proteste erfolgreich sein werden? „Es wird lange dauern, aber wir müssen es versuchen“, antwortet die angehende Literaturstudentin. „Jetzt ist der Moment, in dem wir über unsere Zukunft entscheiden. Sarko bittet niemanden um seine Meinung. Wenn wir nicht auf die Straße gehen, und unsere Meinung herausschreien, wird er sie nicht hören.“

Im vergangenen Jahr waren die Proteste der Studenten erfolgreich . Die französische Regierung wollte den Kündigungsschutz für Berufsanfänger unter 26 Jahren praktisch abschaffen, und lenkte ein, nachdem über eine Million Franzosen wochenlang teils heftig gegen den geplanten Erstanstellungsvertrag (CPE) protestiert hatte.

 
Leser-Kommentare
  1. ... nämlich im Mai. Da wurde in Frankreich gewählt.Nicht falsch verstehen; ich bin der letzte Sarkozybefürworter und stehe politsch weder in der konservativen Ecken, noch rechts davon; eher in einem Lager viel weiter Links davon.Dennoch ist dieses Beispiel mal wieder klassisch.All die vielen "linken" Kräfte, die sich vor bzw. während der Wahlen aufgrund verschiedenster Prinzipien und Ideale nicht einigen können, gehen jetzt mal wieder auf die Straße.Genauso, wie in Italien (und das sage ich, mit italienischer und deutscher Staatsangehörigkeit), wo Prodi glücklicherweise immer noch regiert, aber mit allergrößten Divergenzen im Mitte-Links-Lager zu kämpfen hat, weil dort jeder die Weisheit mit Löffeln gefressen hat.
    Das Resultat immer das Gleiche: in Deutschland fangen die Konservativen an sich wieder breit zu machen und in die Sessel zu pupsen und das Mitte-Links-Lager splittet sich lieber auf (aber das hat ja mittlerweile in der BRD schon Tradition - Rot-Grün hatte nie eine langfristige Chance, denn die "Linken" sind ja angeblich nicht gut in Wirtschaftsfragen - obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass die derzeitigen "noch" positiven konjunkturellen Effekte eher auf die Schröder-Ära zurückzuführen sind), in Frankreich haben sie's viel zu deutlich geschafft und in Italien vergisst man mittlerweile wieder die 5 Jahre Murks unter Berlusconi und er hat, trotz Streitigkeiten im eigenen Lager (das ist übrigens das erste Mal, dass diese seit Langem so vehement auftreten) wieder eine Chance.
    Vielleicht sieht man sich ja lieber in der Rolle des "Opfers" und gefällt sich richtig darin im Nachhinein zu jammern und zu protestieren.Erfolgreich wird das meines Erachtens leider nicht mehr sein.Ja, es stimmt,  die Proteste letztes Jahr gegen ein französisches Regierungsprojekt waren erfolgreich, aber da handelte es sich auch um eine Regierung am Ende ihrer Amtszeit. Jetzt haben die Franzosen Sarkozy gewählt (und da sollten sich die ganzen "Protestler" lieber mal fragen, warum das geschehen ist) und müssen damit leben und dieser Herr ist ein anderes Kaliber!

    • Anonym
    • 27.11.2007 um 14:28 Uhr

    sind Frankreichs Bürger aufgeklärt, solidarisch und entschlossen genug, ihr Schicksal selber in die Hände zu nehmen, statt schafsköpfig Opfer hartleibiger Klassenpolitik zu werden, mit der falschen Leier von der "Unvermeidlichkeit der Globalisierung" im Ohr. Vive la France! 

  2. Das Hochschulgesetz, dass Präs. Sarkozy jetzt initiert hat, ist schon länger in Teilen Deutschlands Realität. Bestes Beispiel ist vermutlich die TU München. Die Professoren gehören zu den Spitzenreitern im Drittmitteln einsammeln, Studiengebühren werden seit gut einem Jahr erhoben. Im Hochschulrat ( siehe unter http://portal.mytum.de/tu... ) sitzen jetzt auch einige Vertreter von Politik (E. Stoiber), Wissentschaft (ein Direktor der ESA) und Wirtschaft (Susanne Klatten von Altana, N. Reithofer von BMW und OttoWiesheu von der Deutschen Bahn AG). Die Universität sieht sich als "unternehmerische Universtität", also geht also schon mal in die Richtung einer Ökonomisierung.Wir sollten eine Bestandsaufnahme machen und sehen, was sich seit der "Ökonomisierung der Universität" bei uns getan hat; was Gut war und was Schlecht war. In diesem Punkt können wir die Franzosen einen Ausblick darauf geben, was die Konsequenzen dieser Maßnahmen sind.

    • ttob
    • 27.11.2007 um 21:42 Uhr

    "wo Prodi glücklicherweise immer noch regiert, aber mit allergrößten Divergenzen im Mitte-Links-Lager zu kämpfen hat, weil dort jeder die Weisheit mit Löffeln gefressen hat."Die Linken denken halt nach, bei den Rechten herrscht "Werte-Konsens" und ein rechter Wert ist die Aktzeptanz und Unterwerfung unter eine Autoritätsperson :-)

  3. 5. @ttob

    Nein, das ist der Punkt. Die Linken denken nicht nach. Alles ist emotional, auf Personen und Prinzipen ausgerichtet. Generell ist das alles ganz nett, nur blöd, wenn man deshalb auf Jahre dazu verdammt ist im Nichts zu versinken oder in der Opposition die Klappe zu halten.Siehe SPD in Deutschland (die sind zwar noch nicht in der Opposition, dürfen aber bestimmt, wenn sie so schwach weitermachen die Linke auf den Oppositionssitzen begrüßen), bei der es noch Jahre dauern wird, bis sie sich wieder aufrappelt (Kohl dagegen hat 16 Jahre alles ausgesessen) oder Prodi, der vor seiner jetzigen Amtszeit gegen Berlusconi verloren hat, der dann wiederum sarkastischerweise der erste Ministerpräsident in der italienischen Nachkriegsgeschichte wurde.Letzenendes führt das immer dazu, dass die Konservativen wieder dran kommen, ihre großbürgerliche Klientel bedienen und sich auf den Lorbeeren ausruhen, die die "Linken" zuvor geschaffen haben, indem sie versucht haben durch Reformen und mutige Projekte alte Fehler auszumerzen:siehe Italien, wo Prodi zuvor das Wahlrecht so geändert hat, dass Berlusconi in der Folge fünf Jahre regieren konnte (der wiederum hatt es, als klar war, dass er verlieren wird, so verändern, dass Prodi jetzt eine labile Mehrheit hat) ...

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