US-Wahlkampf Direkt über den großen Teich

Werden zwei deutsche Studenten den Kampf ums Weiße Haus mitentscheiden? Sie versuchen es zumindest - mit ihrem Internet-Portal Straight2theCandidates.

Wahlkampf in Washington: Barack Obama , neben Hillary Clinton der Top-Kandidat der Demokraten, steht auf der Bühne und gibt alles. Er schmettert seine Sätze in den vollen Saal, er wirbt für sich und seine Positionen, er lässt keinen Zweifel an seinem Ziel: Er will ins Weiße Haus, Ende 2008, als der nächste Präsident der Vereinigten Staaten.

Die zwei jungen Männer dort direkt vor der Bühne könnten ihm dabei behilflich sein - davon sind Caveh Zonooz, 34, und Alex Puschkin, 23, überzeugt. Die beiden Studenten aus Berlin und Brandenburg wollen zusammen mit amerikanischen Kommilitonen den Kampf um das höchste Amt des Landes ein klein wenig revolutionieren: Dank ihrer Website Straight2theCandidates sollen die US-Bürger ihre Kandidaten sehr viel besser kennenlernen.

Das System der Plattform ist denkbar einfach. Jeder Kandidat ist auf der Startseite mit einem eigenen anklickbaren Button, der sein Antlitz ziert, vertreten. Jedem einzelnen von ihnen, darunter natürlich Obama und Clinton als auch die Republikaner Mitt Romney und Rudy Giuliani, können die Leser per Text, Video- oder Audiobotschaft eine Frage stellen. Die gesamte Straight-Community bewertet die Fragen und Beiträge, die besten werden dann an die Kandidaten mit der Bitte um eine Antwort weitergeleitet.

Vor kurzem haben die Studenten das erste Fragenbündel an die Kandidaten geschickt. Der Demokrat Joe Biden hätte bereits die erste Frage beantwortet. Auch Barack Obama, Dennis Kucinich und andere Kandidaten hätten bereits zugesagt, die Fragen, die ihnen über das Portal gestellt werden, zu beantworten, erklärt Zonooz. "Das Tolle an diesem System ist, dass es alles automatisch macht. Hinter jeder Frage stehen Hunderte oder Tausende Menschen. Durch dieses demokratische Filtersystem wird der Aufwand für uns reduziert. Dadurch ist alles öffentlich und transparent", beschreibt sein Kompagnon Puschkin diese Art der "many-to-one"-Kommunikation.

In den Genuss dieses Rede-antwort-Spiels kommen die Deutschen bereits seit dem 3. Oktober 2006. Da ging eine Plattform namens "Direkt zur Kanzlerin" online und wurde schnell bekannt: Deutschland ging auf Tuchfühlung mit seiner Regierungschefin. Pro Woche beantwortet das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, im Auftrag der Kanzlerin Angela Merkel, drei Fragen mit der höchsten Bewertung.

Laut Gründer verzeichnete die Internetseite im ersten Jahr bereits 30 Millionen Klicks und mehr als 10 Millionen Besucher. Gesponsert werden die umtriebigen und geschäftstüchtigen Studenten unter anderem von der Fachhochschule Brandenburg, der Freien Universität Berlin und der Europäischen Union.

Aus der studentischen Initiative wurde inzwischen das Unternehmen direktzu GmbH . Mittlerweile haben Bundestagspräsident Norbert Lammert und Ministerpräsident Matthias Platzeck ihr eigenes "direktzu"-Portal. Bahnreisende können sich ab sofort direkt an den Deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn wenden. Auch die bekannten Extrembergsteiger Thomas und Andreas Huber haben eine eigene Seite.

Nach diesem erfolgreichen Start in Deutschland führte die Studenten der nächste Schritt in die USA. "Wir sind selbst überrascht, dass es so etwas in den USA noch nicht gibt. Normalerweise ist es so, dass Medienprodukte in den USA starten und zwei Jahre später auch nach Deutschland kopiert werden. Jetzt probieren wir es eben einfach andersherum", erzählt Puschkin.

Auch an jenem Abend in Washington - Straight2theCandidates war gerade einmal zwei Tage im Netz - versuchten die beiden Wirtschaftsstudenten, die Werbetrommel in eigener Sache zu rühren. "Nun, ja, ich habe ihm wenigstens meine Visitenkarte geben können", sagt Zonooz. Dafür aber habe er mit dem Bürgermeister von Washington gesprochen - "er will sich demnächst mit uns treffen!" Und auch der deutschen Botschaft haben sie bereits einen Besuch abgestattet, wo ihr Internetprojekt großen Anklang fand.

Kein Wunder, wie amerikanische Internetexperten meinen. "Viele Politiker in den USA suchen nach neuen Wegen mit den Wählern zu kommunizieren. Straight2theCandidates.com bietet eine Möglichkeit, ohne großen Aufwand mit den Bürgern in Verbindung zu treten", sagt Julie Germany, Direktorin des Instituts für Politik, Demokratie und Internet an der George Washington Universität.

Auf ihrer Tour durch Washington klopften die beiden jedoch nicht nur an die Türen der Präsidentschaftskandidaten und anderen Vertretern der amerikanischen Öffentlichkeit. Sie rekrutierten auch Studenten, die "Straight2theCandidates" während ihrer Abwesenheit in Schuss halten und für die Seite werben. Alissa Wallace ist eine von ihnen. "Was mich an diesem Projekt so fasziniert, ist, dass es Demokratie erlebbar macht. Die Fragen, die an die Kandidaten gerichtet sind, sind von den Bürgern selbst und nicht von irgendwelchen hochoffiziellen Regierungsmitgliedern. Das ist für mich die wahre Definition von Demokratie", erklärt sie ihr Engagement für die deutsche Internetseite.

Dem demokratischen Kandidat Barack Obama stellten die Bürger bisher die meisten Fragen. 37 Nachrichten sind auf seiner Seite zu lesen - Todesstrafe, Homosexuellen-Ehe, Krankenversicherung und der Irakkrieg sind die Topthemen. Die Frage nach einer Krankenversicherung für jeden Amerikaner wurde dabei mit 232 Stimmen am besten bewertet. Dicht darauf folgt Hillary Clinton mit 29 Nachrichten. Demokrat Joe Biden und Republikaner Mike Huckabee liegen mit je 21 Fragen gleich auf. Vom Studenten über den Vietnamveteranen bis hin zum Geschäftsmann - alle verleihen ihren Fragen und Sorgen hier Ausdruck.

Das System scheint zu funktionieren, die Resonanz der Amerikaner hält sich allerdings nach zwei Monaten Laufzeit noch in Grenzen. Das soll sich ändern, wenn die Antworten der Kandidaten online gehen. Und die Studenten bleiben zuversichtlich. "In so einer kurzen Zeit haben wir so eine positive Resonanz bekommen. Viele haben uns gesagt, wenn die Seite bei den Leuten gut ankommt, könnten wir den Wahlkampf 2008 revolutionieren", sagt Zonooz.

Bis Straight2theCandidates allerdings genauso bekannt ist wie das deutsche Gegenstück DirektzurKanzlerin.de ist noch Einiges zu tun. Die amerikanischen Studenten bemühen sich momentan den deutschen Export auch im Fernsehen unterzubringen. Im Sommer stellten sich die Kandidaten auf CNN erstmals den Fragen, die die Bürger via YouTube-Clip an sie richteten. Bei der nächsten Debatte soll der Moderator dann auch Fragen von Straight2theCandidates entgegen nehmen.

 
Leser-Kommentare
  1. Schade, dass nicht auf www.abgeordnetenwatch.de eingegangen wird. Gerade diese seit längerem aktive Seite arbeitet ja nach ähnlichem Prinzip, nur, dass sie auf die einzelnen Parlamentarier eingeht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, 5.12.2007
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Wahl | Wahlkampf | US Wahlkampf
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service