Die Ärzte Tattoos und Tabus
Früher waren Die Ärzte böse, heute sind sie brav. Farin Urlaub und Bela B. über Provokationen und gute Ratschläge. Ein Interview anlässlich ihres neuen Albums.
ZEIT Campus: Die erste Single zu Ihrem Album hieß "Junge". Der Text bestand vor allem aus Elternfloskeln wie "Denk an deine Zukunft!" oder "Wie Du wieder aussiehst!". Haben Sie solche Sprüche früher selbst gehört?
Farin:
Nee, nur, dass meine Haare so furchtbar seien, das habe ich gehört. Ansonsten tatsächlich nicht. Aber ich habe diese Floskeln bei Freunden zu Hause oft genug mitgekriegt.
Bela:
Als wir Die Ärzte schon gegründet hatten, wurde mir Farin immer als Vorbild empfohlen. "Der Jan sieht doch so nett aus". Das war eine Phase, in der ich von Speed-Exzessen sehr ausgezerrt wirkte, Kajialstift im Gesicht trug und meine Eltern auch schon von meinen Tätowierungen wussten. Solange ich noch die Beine unter den Tisch meiner Mutter gestellt hatte, hatte ich sie ihnen nämlich nicht gezeigt.
ZEIT Campus: Und später?
Bela: Über so etwas blicken Eltern dann großzügig hinweg, sollte der Sohn erfolgreich sein. Lustiger war eher, dass meine Mutter, obwohl wir schon unser zweites Album aufgenommen hatten und mit Tourneen Geld verdienten, irgendwann sagte: Und willst Du dich nicht trotzdem noch mal nach einem Job umsehen? Die hat das irgendwie nicht ernst genommen.
ZEIT Campus: Sie haben ja nicht nur ihre Eltern provoziert. In den 80er Jahren waren Die Ärzte wegen anstößiger Texte Stammkunden bei der Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Schriften. Mittlerweile nicht mehr. Warum?
Farin: Das war doch nur eine ganz kurze Phase, in der zwei Alben indiziert wurden. Die allerdings gründlich. An Liedern wie "Geschwisterliebe" sollte ein Exempel statuiert werden, aber das ist schief gegangen, denn plötzlich hatten wir das Image von Robin Hood und "echten Rock-Märtyrern". In gewisser Weise haben wir der Bundesprüfstelle einiges zu verdanken.
ZEIT Campus: Ist es heute schwerer zu provozieren als vor 20 Jahren? Jetzt, da der Mainstream und die Mode selbst Punk vollständig aufgesogen haben?
Farin: Vielleicht. Ich weiß noch, als wir 17 waren und Bela mir seine erste Tätowierung gezeigt hat. Ich dachte: (legt die Hände an die Wangen und schaut entsetzt) Alter Schwede, der hat 'ne Tätowierung! Heute würdest Du eher sagen: Die neue Sekretärin, die ist komisch, oder? Die hat ja gar kein Arschgeweih. Abgesehen davon ist der Mensch heute so voyeuristisch geworden, dass man Dinge in einer Nachmittagstalkshow erzählen kann, für die wir früher auf dem Index gelandet wären. So etwas wie: Ich esse die Kacke meiner Frau. Da würde heute keiner abschalten. Da würden alle sagen: Ach, guck mal an!
ZEIT Campus: Hat vielleicht einfach die Lust an der Provokation nachgelassen?
Farin: Wir könnten natürlich in drei Minuten ein Lied zusammenschustern, das morgen auf dem Index steht. Wahrscheinlich sogar schneller. Aber das kennen wir ja schon, warum sollten wir dahin zurückkehren.
Bela: Man soll Tabubrüche ja nicht als Selbstzweck nehmen, das wäre langweilig. Man müsste ja einfach nur schauen, was alles indiziert ist, und aus genau dem gleich Material ein Lied machen. Aber darum geht es gar nicht. Wir machen Musik ja nicht, um Leute vor den Kopf zu stoßen. Der Haupttrieb ist, originell zu sein und ein gutes Lied zu schreiben. Wenn das dann noch provokativ ist, gut. Eine Band wie zum Beispiel KIZ aus Berlin, die knutschende Gangsterrapper in ihrem Video haben - das ist eine Provokation, die mir gefällt.
ZEIT Campus: Früher haben Sie für Ihr jugendliches Publikum das Establishment provoziert. Heute nehmen Sie für dieselbe Altersgruppe eher die Rolle des coolen Onkels ein, der auch mal einen guten Ratschlag hat.
Bela: Wo das denn?
ZEIT Campus: Zum Beispiel in "Lass die Leute reden". Da geht es darum, sich nicht allzu viel um Anderleuts Geschwätz zu kümmern.
Farin: Aber das ist doch eigentlich nur eine soziologische Beobachtung.
ZEIT Campus: Aber der Text ist ein Imperativ. Es heißt: Lass die mal reden, Du kommst trotzdem zurecht.
Farin: Naja. Der Hintergrund zu dem Lied ist: Ich bin aus Berlin in ein kleines Dorf gezogen, raus aus der absoluten Anonymität. In Berlin kannst du dich benehmen wie die Sau, interessiert keinen. Ich kannte das nicht, wie sich Nachbarn plötzlich für dein Privatleben interessieren. Ich habe von meinen Nachbarn Sachen über mich gehört, die die wiederum von anderen über mich gehört hatten - unvorstellbar! Dagegen ist die Bildzeitung ein katholisches Mädchenblatt. Unfassbare Fantasien!
ZEIT Campus: Um auf den Onkel zurückzukommen...
Bela: Der "Onkel" ist vielleicht falsch. Aber die Texte haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten schon gewandelt. Am Anfang gab es viele fiktive Geschichten, viele Bilder und puren Quatsch. Mittlerweile steckt da wohl mehr Reflexion hinter. Aber ich würde mir nie anmaßen, einem 16-Jährigen zu sagen, was er zu tun hat.
Farin:
Eine gewisse Verantwortung können wir nicht abstreiten. "Schrei nach Liebe" ist aus dem Gefühl entstanden, dass wir dazu nicht schweigen können. Damals hat es den Wandel gegeben zu einer Band, die politisch Position bezieht und äußert. Aus der gleichen Verantwortung heraus sagen wir auch in Interviews, dass die Leute wählen gehen sollen.
Bela: Natürlich gibt es so Leute wie Bono, die die Verantwortung der Welt auf ihren Schultern spüren, aber das ist eine Position, die wir alle drei ziemlich eklig finden.
ZEIT Campus: So ein Song wie "Breit" über Alkoholmissbrauch bezieht auch Position.
Bela: Aber es ist nicht so eine simple Botschaft wie: Kinder, lasst da bloß die Finger von! Sondern der Typ im Song sagt: Geil! Ich sitze hier, total breit, und guck die Tapete an. Das ist das Beste was mir je passiert ist. Bedröhnt zu sein hat auch gute Seiten, das ist eigentlich die Quintessenz des Songs.
ZEIT Campus: Ist aber trotzdem etwas anderes als ein Lied wie "Zehn kleine Jägermeister" von den Toten Hosen.
Bela: Ich habe mit 15 oder 16 in einer Band gespielt, da hatten wir einen Song, in dem es um eine typische Drogenkarriere ging, erst kiffen, dann LSD, dann Kokain, Speed, Heroin. Und am Ende fanden sie dich tot auf dem Klo. Das war ein Thema für uns damals. Wir dachten, das wäre verantwortungsvoll und wir damit andere 15-Jährige erreichen. "Breit" ist deshalb so gut, weil die ersten zwei Minuten absolut drogenverherrlichend sind. Botschaften dürfen nie so ganz stumpf dahergebracht werden.
ZEIT Campus: Sie, Farin, haben in Ihrem Leben noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken, von anderen Drogen ganz zu schweigen. War das nie eine Versuchung für Sie?
Farin: Nein, auch schon mit 15, 16 nicht. Ich bin starrsinnig, was manche Dinge angeht. Stell Dir vor, ich würde jetzt ein schönes Tellerchen dampfender Kacke hinstellen und sagen: Guck mal, das ist wirklich cool, echt lecker. Da würdest Du nicht sagen: Na, wenn der das sagt! Und so ist es für mich mit Drogen. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Ich finde den Gedanken so widerlich, eine Substanz in meinen Körper zu packen, die mich verändert. Nein! No fucking way!
ZEIT Campus: Wieso können Sie so gut Texte über das Thema schreiben?
Farin: Weil ich extrem empathisch bin. Ich sehe schließlich die Jungs, wie sie im Tourbus sitzen.
ZEIT Campus: Sie, Bela, gehen jetzt auf die 40 zu. Schon mal gedacht: Jetzt reicht es auch mit Sauferei und Drogen?
Bela: Kommt das wirklich so rüber, dass Rod und ich ständig mit Nadeln im Arm und weißen Spuren in der Nase rumlaufen?
ZEIT Campus: An dem Image haben Sie in den 80ern ja ordentlich gefeilt.
Bela: Das machte natürlich auch Spaß und für mich war es Teil meiner musikalischen Entwicklung: eine zelebrierte Selbstzerstörung. Nur irgendwann wird's schwierig. Als Die Ärzte sich 1988 aufgelöst haben, bin ich noch ein Jahr schön rumgerudert im großen Meer der Selbstzerstörung - und dann musste ich irgendwie auch mal Verantwortung für mein Leben übernehmen. Ich wollte weiter Musik machen, und das ging aus diesem selbstgefälligen Rumsumpfen in einem verschwitzten Bett eben nicht. Ein selbstzerstörerischer Zwanzigjähriger kann ja durchaus interessant sein, ein selbstzerstörerischer Sechzigjähriger nicht. Außer, wenn er Charles Bukowski heißt.
ZEIT Campus: Und heute?
Bela: Da muss ich mal der Realität die Dreadlocks ziehen, oder wie man das sagt. Beim Frequency-Festival vor einigen Wochen war das so grauenvoll: Bis um halb zwei saßen wir da rum mit unserer Bionade in der Hand und haben gewartet, dass wir spielen können. Ich war in den ganzen Jahren, glaube ich, nur zweimal breit auf der Bühne. Die Leute haben Eintritt bezahlt, um eine gute Show zu sehen. Auf LSD ein Konzert zu spielen, wäre sicher nicht ganz so geil für die Zuschauer.
ZEIT Campus: Ein ganz anderes Thema. Farin, Sie sind der einzige der Ärzte, der studiert hat. Allerdings nur einige Tage. Warum?
Farin: Ich habe in meinem ganzen Leben eine VWL-Vorlesung besucht und fand die furchtbar. Dann habe ich noch etwas in Ägyptologie oder Vor- und Frühgeschichte gehört, und das war auch furchtbar. Ich habe ein Autoritätsproblem. Die Schule habe ich schon gehasst, dachte aber, wenn man an die Uni kommt, ist alles viel cooler, weil es auf ganz hohem Niveau stattfindet. Dann stand aber vorne ein Typ, der war quasi Gott. Mit Lehrern konnte man ja noch diskutieren, aber mit einem Professor kannst Du nicht diskutieren. Der ist ja der Professor, der weiß alles und garantiert alles besser als Du. Ich war entsetzt. Das jetzt noch einmal vier oder fünf Jahre lang? Um Himmels willen - ohne mich!
Bela: In die Mensa sind wir trotzdem gegangen.
ZEIT Campus: Freiwillig?
Farin:
Ja, oft, in der TU am Ernst-Reuter-Platz! Wir hatten keine Kohle, und mit einem Studentenausweis ging alles! Stammessen Eins und Salat! Ich war einer der wenigen, die das immer super-lecker fanden.
Bela: Ich war auf einer Gesamtschule, da gab es auch immer Mittagessen. Ich fand die Mensa deshalb nicht so schlimm.
ZEIT Campus: Gab es etwas, das Sie gerne studiert hätten?
Bela: Da ich nicht mal Abitur habe, hat sich die Frage nicht gestellt. Meine Mutter hat allein zwei Kinder erzogen und hatte nicht das Geld, mich länger auf der Schule zu lassen. Da musste ich sofort eine Lehre machen. Ich wäre gerne Grafiker geworden, vielleicht hätte ich auch irgendwas mit Kunst studiert.
ZEIT Campus: Wäre nicht dumm gewesen. Mit guter Kunst aus Berlin kann man gerade ein Vermögen verdienen.
Bela: Auch mit schlechter Kunst aus Berlin. Hauptsache aus Berlin!
Das Interview führte Philipp Schwenke .
Die Ärzte, Jazz ist anders, Hot Action Records (Universal).
- Datum 10.12.2007 - 06:00 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 3
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... und interessant, hat Spaß gemacht!
...BelaFarin Rod
Also Herr Felsenheimer ist mit Jahrgagang ´62 bereits 45, und nicht 35 - das Star-Dasein scheint den körperlichen Verfallsprozeß auf wundersame Weise zu verlangsamen...
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