Running Dinner

Kochend Freunde finden

Wenn "Rudi rockt", werden in Kölns Studenten-WGs die Herdplatten heiß. Studenten kochen für Studenten - die sie erst beim gemeinsamen Essen kennenlernen.

Ein gehetzter Blick auf die Uhr: Noch zehn Minuten, bis die Gäste kommen. Isa und Hendrik wirbeln in der Küche umher. Drei Töpfe stehen auf dem Herd. Eine Schüssel mit Wasser und darin aufweichende Brötchen daneben. „Wie soll ich den Salat anmachen? Ich hab das noch nie gemacht“, ruft Hendrik von der Spüle aus. „Ach, das schmeckst du schon irgendwie raus“, ist Isas Antwort, während sie die Brötchen aus dem Wasser nimmt und wie Teig mit der mehlartigen Substanz im Topf daneben verknetet. Die beiden Medienwissenschaftler bereiten die Vorspeise für sich und ihre vier Gäste vor. Es gibt Grünkernküchli – ein typisches Gericht aus Isas nordbadischer Heimat.

So weit nicht ungewöhnlich. Die Gastgeber kochen, sie erwarten Gäste. Ungewöhnlich aber ist, dass Isa und Hendrik ihre Gäste noch gar nicht kennen. Sie sehen sie zum ersten Mal, sobald es an der Tür klingelt. Das kulinarische Blind Date hat einen Namen, es heißt Rudi rockt . Rudi steht dabei für Running Dinner.

Jedes Team, bestehend aus zwei studentischen Hobbyköchen, kocht einmal in der eigenen WG-Küche für zwei fremde Teams, um in Anschluss in wiederum fremden Küchen weiter bekocht zu werden. In jeder Küche finden sich dabei also zwei Köche und vier Gäste für ein Gericht zusammen, bevor sie dann zu Hauptgang und Dessert in wiederum jeweils eine andere Küche eingeladen sind. Auf jedes Team warten also an einem Abend drei Gänge, drei Küchen und zwölf neue Bekanntschaften. Wer dabei Vorspeise, Hauptgang oder Nachtisch zaubern soll, wird ausgelost. Ein Computerprogramm ordnet dabei die Teilnehmer so zu, dass sie nur kurze Wege zurücklegen müssen und kein Team zweimal aufeinandertrifft.

Die Idee stammt von vier Studenten aus Aachen. „Wenn man wie ich Elektrotechnik studiert, dann trifft man nicht wirklich die allerspannendsten Leute an der Uni. Darum haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, neue Leute kennenzulernen“, sagt Mitbegründer Nicolas Mertens, der dort vor fünf Semestern das erste Mal das ungewöhnliche Running Dinner veranstaltet hat.

In Aachen haben beim letzten Event mehr als 1000 Studenten in ihren Küchen gebrutzelt, gebraten und gebacken. Mittlerweile wird in acht Studentenstädten einmal im Semester mit Rudi rockt gekocht. Um bei der Aktion mitzumachen, hat Isa sogar geschummelt und sich mit falscher Adresse angemeldet. „Meine WG liegt nicht im zulässigen Gebiet, da es möglichst nah an der Uni sein soll. Darum hab ich einfach irgendeine Adresse im Gebiet angegeben.“ Die Kölner Organisatoren haben ihr die kleine Schummelei nicht übel genommen und die Gäste noch rechtzeitig über die Adressänderung informiert.

Die beiden Jura-Studentinnen Steffi und Nadine sind die ersten Gäste des Teams Isa und Hendrik. Mit einer halben Stunde Verspätung stoßen noch zwei Wirtschaftsinformatiker dazu. „Krass, ihr habt sogar Servietten und `ne Tischdecke. Äh, wir nicht“, tönt einer beim Anblick des gedeckten Tischs. Kurzes Händeschütteln, Getränkewahl und Essen im Schnelldurchlauf. Nur eine Stunde Zeit bleibt fürs Kennenlernen und für Isas „Grünkernküchli“. Gerade genug für Smalltalk über Uni, Kochen, Rezepte und die Erwartungen an den Abend.

Steffi und Nadine wurde der Hauptgang zugelost und sie müssen vor Ankunft ihrer Gäste noch das Gemüse für ihre Wok-Chili-Chicken-Nudeln schnippeln. Die beiden Jungs haben es nicht so eilig. „Habt ihr vielleicht mal Internet? Wir wissen nicht mehr, wo wir jetzt hinmüssen.“ Also wird schnell noch der Computer angeschmissen, bevor sich die einzelnen Teams zum jeweiligen Hauptgang aufmachen.

„Wie lustig, der Hauptgang findet in meinem Haus statt“, stellt Hendrik unterwegs fest. In seinem Studentenwohnheim angekommen, drückt Isa auf die Klingel. „Was machst du denn hier? Was für ein Zufall. Wahnsinn, wer hier alles mitmacht.“ Isa und das blonde Mädchen im Türrahmen fallen sich um den Hals. Sie sind alte Bekannte. Zwei Sportstudenten erweitern die Runde, die Gastgeberinnen Nicole und Alex servieren ihre Gemüselasagne.

Beim Essen tauschen sie die ersten Geschichten über die Leute von der Vorspeise aus. „Einer hat erzählt, dass er beim letzten Mal eine Hauptspeise für Vegetarier, Lactose-Allergiker und jemanden, der weder Fisch noch Gemüse isst, zubereiten musste. Was bleibt da noch übrig?“, fragt Isa.

Schon wieder drängt die Zeit. Nachtisch und After-Dinner-Party stehen noch auf dem Programm und es ist bereits halb elf. Abschiedskuss links und rechts, Jacke an und auf zum Dessert. Das steht schon auf dem Tisch, als Isa und Hendrik bei ihren nächsten Gastgeberinnen eintrudeln. Mit Puderzucker bestreuter, warmer Apfelstrudel mit Vanilleeis und Zimtsternen. Hendrik möchte Nachschlag. Die Mädels bleiben beim Wein und tauschen die Erlebnisse des Abends aus. „Unsere Hauptspeise war der Knaller. Der eine Typ war gar nicht da und der andere war damit beschäftigt, Besteck und Gläser aufzutreiben“, erzählt die Studentin vom anderen Team.

„Hier trifft man teilweise schon auf lustige Leute“, stellt Isa fest und drängt zur Tür: Die After-Dinner-Party in einer Kneipe im Studentenviertel steht an. Dort sollen die studentischen Köche die Möglichkeit haben, die neuen Bekanntschaften zu vertiefen. Und vielleicht hängt der ein oder andere noch ein Gericht hinten dran: das Katerfrühstück.

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    • Von Anorte Linsmayer
    • Datum 27.12.2007 - 09:34 Uhr
    • Quelle ZEIT ONLINE
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