Das Licht der Neonröhren an der Decke ist hell und kalt. Die Regale stehen eng beieinander, sind auf ganzer Höhe und Breite mit Büchern gefüllt. Sortiert nach Fächern und nach Themen: Politikwissenschaft, Internationale Beziehungen, Bundesrepublik Deutschland. Zwischen den Regalen und einer vollverglasten Außenwand stehen breite Holztische, auf denen Studenten ihre Bücher stapeln, in Blöcke oder ihre Laptops schreiben. Die Bibliothek des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft, kurz OSI, an der FU Berlin ist eine Bibliothek, die es so oder so ähnlich in allen anderen deutschen Universitäten gibt. Auf den ersten Blick scheint hier alles in Ordnung zu sein. Doch seit sich im November vergangenen Jahres ein Plan des FU-Präsidiums unter Bibliotheksangestellten und Studenten herumgesprochen hat, befürchten diese, dass die Tage gut ausgestatteter Bibliotheken bald gezählt sein könnten.

Zumindest am Fachbereich für Politik- und Sozialwissenschaften. Denn der Plan sieht vor, Fachbibliotheken wie die des OSI zu schließen. Die Bücher sollen in die wenige hundert Meter entfernte Universitätsbibliothek übersiedeln. Zum einen, weil an den Instituten kaum noch Platz für alle Bücher ist. In der eigentlich für politikwissenschaftliche Literatur vorgesehene OSI-Bibliothek brachte die FU in den vergangenen Jahren provisorisch auch andere Fächer wie die Ethnologie unter. Zum anderen, weil die große Universitätsbibliothek ohnehin saniert werden muss. Bei dieser Gelegenheit will das FU-Präsidium das Gebäude auch gleich vergrößern. Wenn der knapp 15 Millionen Euro teure Umbau abgeschlossen ist, soll dort alles besser werden: Längere Öffnungszeiten, mehr Leseplätze für Studenten und ein schnelleres Ausleihsystem. Allerdings hat der Plan einen Haken. Denn in die renovierte und vergrößerte Universitätsbibliothek passen nur die Hälfte der rund 750.000 Bücher der Politik- und Sozialwissenschaften, über 300.000 Bände will die FU deshalb in den kommenden Jahren aussortieren. Besonders ältere Literatur, die nur selten jemand ausleiht, soll dann nur noch einmal an der gesamten Universität vorhanden sein. "Wir wollen das Profil der Bibliotheken schärfen", sagt Goran Krstin, Sprecher des Präsidiums der FU.

Einige Mitarbeiter der betroffenen Bibliotheken halten wenig von dieser Profilschärfung. "Diese Aktion ist Schwachsinn, wir geben freiwillig die Hälfte unseres Kapitals auf", sagt eine Angestellte. Wissenschaftliche Bibliotheken hätten schließlich auch eine Archivfunktion; die könne man aber nur noch eingeschränkt erfüllen, wenn man das Angebot für die Studenten verkleinert. "Die Bibliotheken werden stromlinienförmiger, das Wichtigste ist nicht mehr die Vielfalt, sondern der Mainstream", so die Angestellte weiter.

Auch die Studenten im Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) der FU protestieren gegen die Aktion. Sie befürchten, dass sich die Studienbedingungen weiter verschlechtern und die Studenten bald Schlange stehen müssten, um ein Standardwerk aus ihrem Fachbereich auszuleihen. Dass es bald einige hunderttausend Bücher weniger an ihrer Universität gibt, ist für sie nicht das einzige Problem. Aus ihrer Sicht zeige sich an dieser Aktion beispielhaft, dass demokratische Prinzipien für FU-Präsident Dieter Lenzen und die Universitätsleitung keine Rolle mehr spielten. In einem Flyer bezeichnen Studenten aus der "Fachschaftsinitiative Ethnologie" das Vorhaben als "autoritären Alleingang" der Uni-Leitung. Studenten am Otto-Suhr-Institut schrieben einen Protestbrief an die Universitätsleitung und forderten diese auf, die Entscheidung zurückzunehmen.

Jiri Kende ist stellvertretender Leiter der Universitätsbibliothek und versteht nicht, warum Studenten und Bibliotheksmitarbeiter protestieren. "Wir haben noch nie die 'Ein-Buch-Idee' vertreten. Manche häufig ausgeliehene Bücher gibt es sogar mehr als einhundert Mal in unserer Bibliothek. Das wird sich nach dem Umbau nicht ändern", sagt Kende. Zudem seien die Planungen noch gar nicht abgeschlossen.

Abgeschlossen nicht, aber anscheinend bereits weit fortgeschritten: Nachdem lokale Zeitungen über die Pläne des Präsidiums und den möglichen Verlust von bis zu einer halben Million Bücher berichteten, reagierte dieses mit einer Pressemitteilung . Die FU wolle die Europäische Humanistische Universität in Vilnius mit der Bücherspende unterstützen, heißt es darin. Die Spende werde möglich, weil man in den kommenden Jahren die Universitätsbibliothek aus- und umbaue und überzählige Bücher aussortiere.

Im Blog FUWatch , das regelmäßig über Vorgänge an der Freien Universität berichtet, fragt Autor Niklas: "Was konkret sollen die Kommilitonen in Litauen mit so vielen deutschsprachigen Büchern anfangen? Geht es nicht eher darum, einen vermeintlich passenden Grund zu (er)finden, um die Bücher loswerden zu können?"