Debattierklubs Argument für Argument

Zum ersten Mal waren die besten Redner Harvards Debattier-Gäste bei einer der ältesten Student Societys der Welt am Trinity College in Dublin. Geboten wurde ein wortgewaltiger Wettbewerb, geführt nach altmodischen Regeln.

Noch ein paar Sekunden, dann geht die Tür zur altehrwürdigen Debating Chamber auf. Josephine Curry ist aufgeregt. Die 22-jährige Jurastudentin aus Irland tritt heute mit zwei Kommilitonen für die 238 Jahre alte Historical Society (Hist) des Trinity Colleges Dublin an. Die Gegner in diesem Debattierclub, der jede Woche prominente Gäste aus Politik und Wirtschaft versammelt, sind dieses Mal drei der besten studentischen Redner von der Harvard University. Josephine ist in ihrem vierten und letzten Studienjahr, früher hatte sie schon in landesweiten Rednerwettbewerben der irischen Schulen reüssiert. Doch gegen Studenten aus der Ivy League anzutreten, ist auch für sie neues Fahrwasser.

Den Vorsitz übernimmt heute der amerikanische Botschafter in Irland, Thomas C. Foley. Von einem Stuhl mit geschnitzten Holzverzierungen und rotem Leder - einen Thron nicht ganz unähnlich - verkündet er das Thema des Abends: „That This House Believes That Mass Migration Is Beneficial For Labour Markets.“ Das Trinity College verteidigt die These, Harvard hält dagegen. Duelle der Dubliner Historical Society gegen Oxford oder Cambridge haben schon Tradition, nun geht es zum ersten Mal gegen die amerikanische Elite-Uni.

1747 gründete der irische Philosoph Edmund Burke einen Debattierclub, der 23 Jahre später zur Historical Society wurde. Der Rahmen der Debatten zeugt bis heute von diesem historischen Geist: Der Vorsitzende hämmert laut an die Tür, die Zuschauer des randvollen Saales erheben sich und Josephine Curry betritt mit den anderen Rednern und den Gastgebern der Society die Debating Chamber. Deren Wände zieren riesige Ölgemälde von Persönlichkeiten der Stadt, die einlaufende Schar ist in Anzug und Abendkleid gewandet, um an einer alten Holztafel in der Mitte des Saales auf Bänken und opulenten Ledersesseln Platz zu nehmen.

Der amerikanische Botschafter bittet alle Anwesenden höflich, sich zu setzen. Ein Mitglied der Society verliest aus einem riesigen, alten Buch, das die Dokumentation aller je abgehalten Veranstaltungen enthält, die humorige Zusammenfassung der letzten Debatte. Der Saal lacht schallend, die drei Jungs aus Harvard machen sich letzte Notizen, dann geht es los, nach alten Regeln.

Die Proposition des Trinity legt vor, der bärtige Geschichtsstudent Christopher Kissane, der letztes Jahr im Gewinnerteam gegen Yale war, klagt mit klaren Worten die Mentalität der entwickelten Staaten an, die sich mit falschen Ängsten und Ressentiments gegen Massen-Einwanderung wehren. Der gewichtige Zach Cafritz aus Harvard, selbst Gewinner zahlreicher renommierter Debatten in den Vereinigten Staaten, hält dagegen. Der „Brain Drain“ schade den Ländern, aus denen ausgewandert wird, auch in den Ländern, die viele Emigranten aufnehmen, gebe es Verlierer dieses Systems.

Dann kommt Josephines Auftritt. Nach einem Witz über Ökonomen, der die Zuschauer auf ihre Seite bringen soll, geht die schmale Irin auf die Vorredner ein und hält dann ein flammendes Plädoyer: „Die erste Welt kann sich nicht länger isolieren!“, ruft sie in den Saal. Wo Migration hinkäme, folgten die Arbeitsplätze, sagt sie. „Einwanderer konsumieren und schaffen sich selbst ihre Beschäftigung!“

Thomas C. Foley hat die Beine übereinandergeschlagen und mustert die Redner über seine Brille hinweg. Er macht sich Notizen für die Abschlussrede, hinter ihm beobachtet die fünfköpfige Fachjury kritisch die debattierenden Studenten. Es ist alles offen. Auch der Chef der Hist, Timothy Smyth, beobachtet aufmerksam den Verlauf des Abends. Seit knapp drei Jahren sitzt der 23-Jährige im Komitee, in dem rhetorischen Schlagabtausch sieht er auch eine tolle Chance der besonderen Berufsvorbereitung: „Das Debattieren gibt den Studenten eine Menge Selbstvertrauen, weil sie lernen, sich klar und selbstsicher auszudrücken. Viele Berufe verlangen später eine klare Analyse von komplizierten Sachverhalten“, sagt Timothy. Er reiht sich als Chef der Society in eine lange Reihe großer Namen ein, welche den Debattierclub geleitet haben, von bedeutenden irischen Politikern und späteren Präsidenten bis zu Bram Stoker, dem Autor von Dracula .

Auf der Agenda standen stets kontroverse Diskussionen. Nach einer brisanten Debatte mit dem Titel „War es zu rechtfertigen, dass Brutus Julius Cäsar umbrachte?“ wurde die Society 1815 für mehrere Jahre vom College verbannt. Bald kehrte sie jedoch zurück, unter der Auflage, dass keine Fragen der modernen Politik debattiert werden durften. Seitdem hatte sie prominent Redner wie Al Pacino, Bill Clinton oder Naomi Campbell zu Gast. Und während der Krise in Burma lud die Society kurzerhand den Präsidenten im Exil, Sein Win, zu einem öffentlichen Interview ein. Nicht nur zu solchen Gelegenheiten sind die Zuhörer aufgefordert, mitzudiskutieren. Nach den Debatten kann man dann beim Empfang bei Bier und Häppchen ungezwungen mit den Rednern plaudern.

Doch so weit ist es heute Abend noch nicht, das Harvard-Team schickt ihren nächsten Redner ans Pult. Nach einer Minute Redezeit ertönt eine Glocke, nun kann jeder durch Aufstehen und Ausstrecken des Arms in Richtung Redner signalisieren, dass er etwas sagen will. Harvard-Student Michael Birnbaum nimmt ihn dran oder lässt zwischen seine Wortsalven ein höfliches „No, thank you“ einfließen. Eine Minute vor Ende der strikt einzuhaltenden Redezeit klingelt das Komitee wieder die Glocke, nun darf niemand mehr den Redner stören.

„Wir sind stolz auf unsere Traditionen, es ist wichtig, bestimmte Bräuche beizubehalten“, sagt Timothy Smyth. Dies garantiere auch ein gewisses Maß an Höflichkeit. Ein kontroverses Statement wird dann auch mal gern mit einem schallenden „Hear, hear!“-Zwischenruf aus dem Publikum bedacht.

Die Heim-Mannschaft aus Dublin hat inzwischen den Polterer ins Rennen geschickt. Séin Ó Muineacháin gewann letztes Jahr den Preis des besten Redners bei der renommierten Debatte in Oxford. Der Doktorand in Politikwissenschaften setzt sein lautes Organ und seine bullige Statur zielgerichtet ein. Mit hochrotem Kopf und großen Gesten bringt er das Publikum zum Johlen. „Yahoo, Google, eBay, alles Firmen, die in den Vereinigten Staaten von Einwanderern mitgegründet wurden“, bellt er den Harvard-Studenten entgegen. Die stecken die Köpfe zusammen und schicken ihren letzten Kandidaten nach vorne, der am Ende den Preis für den besten Redner des Abends bekommen soll. Cormac Early startet mit einem Seitenhieb: „Mein Vorredner schrie so laut, dass wir keine Argumente hätten, um davon abzulenken, dass er selbst wohl auch keine hat.“ Der Botschafter lacht herzlich, auch im Saal kommt der Witz gegen die eigene Mannschaft an. Wütende Meldungen des Vorredners werden abgewiegelt, die Glocke bimmelt, Schluss, Applaus.

Die Jury zieht sich zurück, Studenten aus dem Publikum, die sich während der Debatte per Zettel angemeldet haben, dürfen ans Pult. Nach einer halben Stunde und Abschlussworten des Botschafters, der selbst in Harvard Ökonomie studiert hat, verkündet Hauptrichter und Wirtschaftsjournalist Shane Ross das knappe Urteil. Harvard hat mit Cormac Early den besten Redner des Abends, die Debatte selbst gewinnt das Trinity College. Der Saal jubelt, man schüttelt sich sportlich die Hände.

„Es war schwierig gegen die Jungs aus Harvard“, resümiert Josephine Curry beim anschließenden Empfang. Sie habe nicht alles sagen können, was sie wollte, aber für die Wertung sei es auch wichtig, auf die anderen Redner einzugehen. Sie ist froh über den knappen Sieg, das Debattieren helfe ihr außerdem, ihre Rhetorik für ihren Job als Anwältin zu trainieren.

Bei deutschen Erasmus-Studenten am Trinity College hinterlässt die Debatte einen bleibenden Eindruck: „Mich hat besonders die exzellente Rhetorik der jungen Studenten überrascht“, sagt Eduardo Sauer, Ökonomie-Student aus Maastricht. Die interessanten und berühmten Gäste an der Historical-Society böten eine tolle Möglichkeit, sich über das Studium hinaus weiterzubilden. „Es gibt nur wenige Debattierclubs auf der Welt, die in dieser Liga mitspielen können“, sagt der gebürtige Kölner. Auch in Deutschland haben viele Unis einen Debattierclub. In Köln hat sich die Tilbury House Debating Society ganz den Regeln der britischen Debattier-Tradition verschrieben und ist in internationalen Wettbewerben sehr erfolgreich.

In Dublin sind die letzten Flaschen geleert, auf dem Empfang im Trinity College bleiben nur die stummen Persönlichkeiten auf den Gemälden zurück. Bis zur nächsten Woche, da kommt Neil Hannon von der Indie-Band The Divine Comedy . Vielfalt ist das das Credo des Debattierklubs, auch im 238. Jahr.

 
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