Auslandssemester Ahnenforschung inklusive
Hauptsache Sonne und viele Partys? Für manche Austauschstudenten zählt das wenig. Im Auslandssemester begeben sie sich auf die Suche nach ihren eigenen Wurzeln.
Magdalena hat es sich ganz fest vorgenommen. Spätestens im Herbst des kommenden Jahres will die 28-Jährige, die in Berlin aufwuchs und Wirtschaft an der Viadrina Universität in Frankfurt/Oder studiert, für ein Auslandssemester nach Chile gehen. In das Land, aus dem ihr Vater 1973 vor der Diktatur des General Pinochet floh und in dem immer noch viele ihrer Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins leben. In das Land, das für sie allgegenwärtig ist. „Mein Name hört sich spanisch an, und wegen meiner dunkleren Hautfarbe und den schwarzen Haaren falle ich in Deutschland einfach auf. Hier fühle ich mich immer als Chilenin.“
Als Magdalena jedoch im vergangenen Jahr zu Besuch bei ihrer Familie in Chile war, sah sie das plötzlich ganz anders. „Anfangs habe ich mich noch gefreut, weil ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, richtig dazuzugehören - zumindest von meinem Äußeren her. Aber dann haben alle gesagt, ich spräche Spanisch mit deutschem Akzent, und irgendwie war ich dann doch wieder keine Chilenin. Das tat weh und hat mir deutlich gemacht, dass ich eine richtige Identitätslücke habe.“ Diese Lücke soll das Auslandssemester schließen. Magdalena will ihr Spanisch perfektionieren und ihre Familie besser kennenlernen. „Ich habe gemerkt, dass ich das machen muss.“
Ganz ähnlich ging es Maria*. Die 25-jährige Architekturstudentin ist Tochter einer Koreanerin und eines Griechen. Sie besitzt die griechische Staatsbürgerschaft, hat ihr ganzes Leben aber in Deutschland verbracht. „Ich zerbreche mir immer den Kopf, wer oder was ich bin, wo meine Heimat ist und zu welchem Teil ich deutsch, koreanisch und griechisch bin.“
Im Urlaub war Maria jedes Jahr in Griechenland, und Griechisch spricht sie fließend. Aber das reichte ihr nicht, und so macht sie seit einigen Wochen ein Auslandssemester in Athen. „Ich will meine Sprachkenntnisse perfektionieren und einen Einblick in die Uni und das Berufsleben bekommen. Das klappt nicht, wenn man immer nur im Urlaub hier ist. Außerdem möchte ich viel Zeit mit meiner Familie verbringen und sie besser kennenlernen. Ich interessiere mich sehr für die Geschichte meiner griechischen Familie. Ich glaube, das hilft mir, meine eigene Herkunft und Zugehörigkeit besser zu verstehen.“
Ihre griechischen Kommilitonen wunderten sich erst einmal. „Dann waren aber alle ganz begeistert, dass ich so gut Griechisch spreche. Ich bin irgendwie eine andere Art Austauschstudentin, und meine Kommilitonen behandeln mich wegen meiner Sprachkenntnisse auch ganz anders.“
Magdalena und Maria sind keine Einzelfälle, aber sie gehören zu einer Gruppe, die sich nur schwer eingrenzen lässt. Bei manchen dieser Austauschstudenten ist ein Elternteil deutsch, der andere stammt aus dem Ausland. Bei anderen stammen beide Eltern aus dem Ausland. Oder die Großeltern sind ausländischer Herkunft. Manche besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, andere nicht. Studenten wie Maria, die mit dem Erasmus-Programm in das Land ihrer Staatszugehörigkeit gehen, werden an deutschen Universitäten unter dem bürokratischen Label „Return to Home Country“ geführt.
Ihre Zahl ist gering. An der Berliner Humboldt-Universität beispielsweise sind es nur bis zu drei Studenten pro Semester, bei insgesamt um die 700, die ins Ausland gehen. Die Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität verzeichnete im vergangenen Semester zwei, in diesem Semester fünf. An der Universität Köln handele es sich ebenfalls „eher um eine kleine Anzahl“, sagt die dortige Erasmus-Koordinatorin Christine Biehl. Andere Hochschulen wie die in Dresden und Leipzig zählen ihre „Return to Home Country“-Studenten gar nicht erst. Insgesamt lässt sich schätzen, dass ungefähr ein halbes Prozent aller Austauschstudenten in diese Kategorie fällt.
Gingen im Hochschuljahr 2006/2007 nach Informationen des Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) rund 24.000 Deutsche mit dem Erasmus-Programm ins Ausland, so waren darunter also wahrscheinlich um die 120 „Return to Home Country“-Studenten. Da diese Kategorie so eng gefasst ist, dürfte die Gesamtzahl der Studenten, die auf der Suche nach ihren Wurzeln in das Ursprungsland ihrer Familien gehen, allerdings weitaus höher liegen.
Leicht gemacht wird es ihnen jedoch nicht. Der DAAD gibt vor, dass „Return to Home Country“-Studenten mit der niedrigsten Priorität zu behandeln sind. Auch Maria hat diese Erfahrung gemacht. „Der Professor, der an meiner Uni über die Erasmus-Vergabe entscheidet, hätte mich fast nicht zugelassen, weil ich die griechische Staatsbürgerschaft besitze und Griechisch spreche.“ Und auch Dorothée, die mit deutschen Eltern in Südfrankreich aufwuchs und zum Auslandssemester nach Bochum ging, stieß auf Widerstand. „Als ich mich in Bochum immatrikulieren wollte, hat mich der Typ am Schalter erst mal ausgelacht. Er hat allen seinen Kollegen meinen deutschen Pass gezeigt und gesagt: ‚Hey Leute, schaut mal, was mir das Auslandsamt schickt’. Und dann hat er mich ironisch gefragt, wozu ich denn am Erasmus-Programm teilnehmen würde.“
Dass den Studenten solche Steine in den Weg gelegt werden, ist ein Unding, findet Cornelia Spohn, Bundesgeschäftsführerin des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften. „Kinder aus binationalen Familien suchen oft nach einer Balance. Sie haben dann den dringenden Wunsch, in das Land zu fahren, in dem ihre Wurzeln liegen, und das müssen sie auch erleben dürfen. Es ist ja auch ein sehr großer Unterschied, ob man als Kind dort die Oma besucht oder ob man alleine als Student dort ist.“
Als gewöhnliche Austauschstudenten fühlen sich die meisten nicht, so wie auch der 21-jährige Patrick. Er wurde in Deutschland geboren, ein halbes Jahr später wanderten seine Eltern mit ihm nach Irland aus. Zum Auslandssemester ging der BWL-Student Anfang des Jahres nach München. „Klar gehe ich genauso wie die anderen Austauschstudenten auf Partys, aber es ist einfach anders. Ich fühle mich nicht wie an einem fremden Ort. Ich habe keinen Kulturschock erlebt und hatte gleich einen guten Draht zu den deutschen Studenten.“
Häufig kommt es auch zu kuriosen Situationen. Zum Beispiel bei Pablo. Die Eltern des 22-jährigen Studenten zogen noch vor seiner Geburt aus Chile ins norwegische Bergen, wo Pablo aufwuchs und heute Wirtschaft studiert. Sein Austauschsemester führte ihn 2006 nach Santiago de Chile. Wegen seiner schwarzen Haare und den dunklen Augen wollte ihm dort allerdings niemand recht abnehmen, dass er aus Norwegen kommt. „Weil ich schon so gut Spanisch sprach, wollten mir viele Professoren einfach nicht glauben, dass ich Austauschstudent war, und auch viele Kommilitonen fanden es sehr exotisch, dass jemand wie ein Chilene aussieht und sich dann als norwegischer Austauschstudent entpuppt.“
Ähnlich erging es Bartosz. Der 26-jährige Architekturstudent, der die ersten acht Jahre seines Lebens in Polen verbrachte, dann in Deutschland mit seiner Familie eine neue Heimat fand und zum Auslandssemester nach Krakau zurückging, wurde wegen seiner guten Polnischkenntnisse in seinem Studentenwohnheim zum Übersetzer für an die 30 Austauschstudenten aus aller Welt – nicht gerade eine alltägliche Beschäftigung für einen Erasmus-Studenten. „Ich habe den Kommilitonen bei allen täglichen Problemen zur Seite gestanden und es hat mir sehr viel Spaß gemacht“, sagt Bartosz über seine Erfahrung.
Bei vielen bleibt es nicht bei diesem einen Semester. So wie bei der 26-jährigen Elda aus Buenos Aires. Sie wuchs in Argentinien auf, hat aber deutsche Großeltern. 1994 kam sie zum ersten Mal nach Deutschland – damals noch als junge Touristin. „Meine Mutter erinnert sich noch gut, dass ich schon auf dieser Reise immer gesagt habe, dass ich auch mal hier leben will.“ Vor zwei Jahren kam Elda, die Chemieingenieurwesen studiert, noch einmal nach Deutschland, diesmal für ein Austauschsemester an der Universität Karlsruhe. „Nach einigen Monaten habe ich mich gefragt, wie es wäre, in Deutschland zu bleiben. Und dann bin ich einfach geblieben.“ Zwar sei die deutsche Kultur ganz anders als die argentinische, mittlerweile aber habe sie sich gut eingewöhnt. "Ich mag die Deutschen, so wie sie sind."
*Name von der Redaktion geändert
- Datum 28.04.2008 - 11:38 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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