Aufklärung Gefährliches Halbwissen

In dem Projekt "Mit Sicherheit verliebt" engagieren sich Medizinstudenten als ehrenamtliche Sexualkundelehrer in Schulen. Dabei stoßen sie auf große Wissenslücken.

Zweimal klatscht die kleine Frau mit der runden Brille in die Hände. „Die Herrschaften sind jetzt da“, ruft sie in das Gemurmel der Sechstklässler. Einen kurzen Augenblick hält die Lehrerin inne. Sie weiß nicht recht weiter. „Um mit euch über das Thema zu reden“, fügt sie unsicher an und verlässt schnell das Klassenzimmer.

Sebastian Kruck, 27, und Anna Lins, 21, treten vor die 28 Hauptschüler. Ganz ruhig ist es geworden. Die beiden Medizinstudenten sind das gewohnt. Schließlich handelt es sich bei dem umständlich angekündigten Thema um Sex. Die beiden Studenten sind in die Schule gekommen, um die Jugendlichen aufzuklären.

Sebastian Kruck studiert im neunten Semester Medizin. Weil er gerade an seiner Doktorarbeit schreibt, verbringt er viel Zeit im Labor. Auch der Stundenplan von Anna Lins, sechstes Semester, ist vollgestopft mit Vorlesungen und Übungen. Diesen Vormittag haben sich die beiden freigehalten für ihr Hobby: In ihrer Freizeit engagieren sich die Studenten als ehrenamtliche Sexualkundelehrer in der Organisation „Mit Sicherheit Verliebt“ (MSV).

Der bundesweite Verein ist ein Präventionsprojekt der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V. An vielen Unis gibt es MSV-Lokalprojekte: Kleine Gruppen von Medizinstudenten, die sich zwischen Vorlesung, Labor und Klinikumspraktikum Zeit nehmen, um Jugendliche über Sexualität und Geschlechtskrankheiten zu informieren und ihnen einen unverkrampften Umgang mit dem eigenen Körper beizubringen.

Die Medizinstudenten behandeln in den Unterrichtsstunden dabei alles, was zur Aufklärung gehört: von Gefühlen und Pubertät über Beziehungen, Verhütung und Homosexualität. Die Aufklärungsstunden seien bitter notwendig, findet Isabel Schellinger, die sich in Erlangen an MSV beteiligt. „In jeder Schulklasse, in der ich bisher war, ist bereits ein Mädchen schwanger gewesen“, berichtet die 20-jährige Studentin. „Die Pille einmal die Woche reicht nicht“, muss die Medizinstudentin dann den 13- oder 14-jährigen Mädchen erklären, die eigentlich gedacht hatten, sich mit Verhütung auszukennen.

Auch Sebastian Kruck und Anna Lins geht es vor allem darum, dass die Schüler nach dem Unterricht ihren Körper besser kennen und sich schützen können. „Von ihren Eltern werden die Schüler meistens nicht aufgeklärt“, fasst Kruck seine Erfahrungen zusammen. Das liege oft daran, dass die Eltern nichts von den Bedürfnissen ihrer Kinder wissen, selbst nie aufgeklärt wurden oder aufgrund ihrer Herkunft oder Religion Aufklärung als unnötig ansehen.

Aus den lückenhaften Informationen, die sich die Jugendlichen dann von Freunden, aus Magazinen oder dem Fernsehen holen, entstehe ein gefährliches Halbwissen. Dass die Pille zwar vor ungewollten Schwangerschaften schützt, aber nicht vor Aids, hat der Medizinstudent schon in mehreren Schulen klarstellen müssen. „Am schlimmsten sind Informationen, die die Jugendlichen aus dem Internet haben“, sagt Kruck. Im Netz fänden die Schüler zwar jede Menge Pornos, aber wenig brauchbare und verlässliche Information.

Aufklärungsunterricht gibt es natürlich auch an den Schulen. Die Erfahrung von MSV zeigt aber, dass die Jugendlichen den Medizinstudenten viel aufmerksamer zuhören als ihren Lehrern. „Wir sind einfach glaubhafter“, schätzt Kruck. Das liegt zum einen am Alter. „Außerdem sind wir am nächsten Tag nicht wieder im Klassenzimmer und fragen nach der Mathe-Hausaufgabe“, grinst er. Manche Lehrer seien zudem heilfroh, wenn sie nicht vor der Klasse über Sex reden müssen.

Bei ihren Schulbesuchen vermitteln die angehenden Mediziner Kruck und Lins die Lerninhalte in kleinen Spielen. Im sogenannten Synonymspiel geht es darum, verschiedene Begriffe für Geschlechtsorgane zu finden. „Da fallen einige derbe Worte, die ich vorher noch gar nicht kannte“, sagt Anna Lins und lacht. „Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.“

Das Highlight jedes Klassenbesuchs ist die Fragestunde. Die Klasse wird in Jungs und Mädchen aufgeteilt. Erst dann tauen viele Schüler auf und stellen die Fragen, die sie ihre Lehrer oder ihre Eltern niemals fragen würden. Sogar den Jungs, die sich ansonsten durch laute Zwischenrufe vor den Schülerinnen profilieren wollten, vergeht in der Fragestunde die Lust am Krawallmachen. Ruhig und interessiert lauschen sie Sebastian Krucks Antworten auf die vielen Fragen.

Nur einmal ist es in seiner Aufklärungsstunde laut geworden. Ein Schüler hatte nach der durchschnittlichen Penislänge gefragt, da er dem Längenmaß seines Banknachbars nicht traute. Ehe Kruck sich versah, hatten die beiden Schüler schon die Jeans aufgeknöpft. „Ich konnte gerade noch dazwischengehen“, erzählt der Student und schüttelt lachend den Kopf, „sonst hätten die beiden wirklich verglichen.“

Sebastian Kruck redet mit einer großen Souveränität von seinen Schulbesuchen. Bei MSV engagiert er sich schon seit mehreren Semestern. Nicht jedem gelingt es aber, vor eine Klasse zu treten und ganz selbstverständlich über Sex zu reden. In Erlangen haben sich die Studenten in besonderen Kursen darauf vorbereitet. Auch um mit dem umgehen zu können, was sie in den Klassen erwartet. „Wir werden mit Lebenssituation konfrontiert, die für viele schwer vorstellbar sind“, erklärt Isabel Schellinger.

Auf die Frage, was die Schüler von einer Beziehung erwarten, hatte ein Mädchen geantwortet, dass sie vor allem wolle, dass ihr Freund sie nicht schlage. In solchen Fällen nimmt ein Schulbesuch Isabell Schellinger ganz schön mit. Trotzdem will Schellinger die Aufklärungsstunden fortsetzen: „Wenn sich zumindest ein paar Schüler am Ende was gemerkt haben, ist schon viel gewonnen.“

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Bildung | Schule
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service