Syrien "South Park" im Schurkenstaat

Sprachstudenten aus der ganzen Welt lernen in Damaskus Arabisch. Für die syrische Jugend sind sie willkommene Importeure des westlichen Lebensstils.

Dichter Qualm wabert durch den Innenhof bis zur ersten Etage, vermischt mit dem beißenden Geruch von verbranntem Lamm und Rind. Die offene Dachterrasse ist komplett in grau-blaue Schwaden gehüllt, aus denen sich langsam ein stolzes Grinsen herausschält: „That´s a Barbecue, eh?! Syrian Way!“ Samad lacht laut auf und nimmt noch einen tiefen Schluck vom hochprozentigen Arrak, bevor er die halb leere Flasche weiterreicht. Es ist Freitagnachmittag in Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Auf der „Achse des Bösen“ bereitet sich die Jugend auf das Wochenende vor.

Doch je mehr sich der Rauch verzieht, desto klarer werden die Konturen eines Bildes, das nicht zu den gängigen Klischees über den Schurkenstaat passen will. Weder finster blickende Männer mit dunklem Schnauzbart noch verschleierte Frauen sind zu sehen - neben dem 24-jährigen Musikstudenten Samad sitzt Sylvia mit ihrem Freund Alex, beide aus Krakau.

Dahinter, an der Galerie, kreist syrisches Barada-Bier zwischen Federico, Alessandra und Julie, sie stammen aus Mailand und Paris. Später sollen auch noch Phillip und Jared kommen, der eine Berliner, der andere in Boston geboren. Sie alle sind Mitte 20, Samads Mitbewohner und Protagonisten einer internationalen Szene, die sich hinter den Kulissen Damaskus zusehends etabliert.

Der größte Teil von ihnen sind Sprachstudenten, die seit einiger Zeit verstärkt in das kulturelle Zentrum des Orients strömen. „Früher lernten die meisten Arabisch in Kairo“, sagt Phillip, 26, der im zweiten Semester Arabistik an der FU Berlin studiert. „Doch mittlerweile ist die Stadt einfach zu groß, zu dreckig und auch zu teuer.“ Im Vergleich zu dem 16-Millionen-Moloch ist Damaskus nicht nur überschaubarer, sondern bietet auch noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Hier kann man das klassische Hocharabisch Fus´ha lernen, die offizielle Sprache der Zeitungen, Fernsehnachrichten und vor allem des Korans von Marokko bis zum Oman.

Vor allem die vierwöchigen Fus´ha-Kurse der staatlichen Universität zu Damaskus in Mezzeh sind begehrt. Über 1000 Studenten besuchen pro Jahr das Higher Language Institute, das weit über Syrien hinaus den besten Ruf genießt. Zehn Kurse im Jahr, pro Klasse acht bis maximal 20 Teilnehmer.

„Gerade der Anfang ist hart“, erklärt Phillip. „Völlig ohne Vorkenntnisse versteht man erst einmal nur Bahnhof und muss sich richtig ranhalten.“ Kein Wunder, besteht das arabische Alphabet aus 28 dem Europäer unbekannten Buchstaben, geschrieben nicht nur von rechts nach links, sondern auch noch in unterschiedlichen Zeichenformen. „An meiner Heimatuni gibt es zwar auch vier Kurse pro Woche, sie dauern aber nur jeweils 90 Minuten. Hier dagegen lernst du von Sonntag bis Donnerstag, vier Stunden täglich, plus Hausaufgaben. Und die Sprache umgibt dich überall, so kann man kaum etwas vergessen.“

Für Neuankömmlinge wie die Französin Julie bildet Samads WG auf Zeit in den ersten Tagen ein willkommenes Refugium. Wie die meisten hat auch sie über Wohnungsbörsen im Internet schon vor der Ankunft ein Zimmer in einem der Häuser der Altstadt gemietet, problemlos und günstig. Um die 140 Euro pro Monat, im Voraus bezahlt, dazu eine Kopie des Reisepasses samt Visum - und schon kann man in eins der teilweise über 200 Jahre alten Damaszener Häusern einziehen. Mit Dachterrasse und Springbrunnen im Innenhof, umweht vom Duft der Orangen- oder Zitronenbäume - wenn nicht gerade Grilltag ist.

Nun sitzt die Pariserin vor ihrem WG-Zimmer in der wärmenden Frühlingssonne, umgeben von der Kakophonie der Muezzine und ist erschlagen von den neuen Eindrücken. Erst einmal durchatmen. Hier geht das, denn ihre Mitbewohner sprechen nicht nur allesamt Englisch, sie teilen vor allem auch ihren kulturellen Hintergrund. Von South Park über Radiohead bis zu H&M und iPod - Gemeinsamkeiten sind unter den Westlern schnell gefunden. Allerdings prallt dabei die abendländische Jugendkultur keinesfalls auf die syrische - die größte Sammlung von South Park - oder Simpsons -Folgen findet sich eindeutig bei Samad. Und im europäischen Fußball kennt sich niemand besser aus als er.

Vielmehr zeigt sich hier eine Symbiose auf Zeit. Die wechselnden Mitbewohner sind für Samad die zuverlässigsten Importeure eines willkommenen Lebensstils - ihre Laptops sind stets voll mit neuester Musik, ihre Informationen aus dem Rest der Welt unzensiert. Und für die Mitbewohner bildet der gebürtige Damaszener nicht nur die ideale Brücke zum Leben in Damaskus, sondern ist vor allem ein wandelndes Arabisch-Wörterbuch.

Ein großer Vorteil, denn irgendwann muss der Sprachnovize hinaus in die Altstadt. Doch gerade zu Anfang gleicht das Unesco-Weltkulturerbe einem Labyrinth. Eng, grau und staubig bieten hier weder Hausnummern noch Straßenschilder Orientierung. Die gelernten Brocken Arabisch wirken nun Wunder, und nicht selten begleiten einen die hilfsbereiten Damaszener bis an die nächste größere Straßenecke, wo das einzig wahre Verkehrsmittel wartet: das Taxi. Nicht nur sicher und zuverlässig, sondern vor allem unschlagbar günstig schlägt eine Fahrt durch die Stadt eine Schneise ins Chaos.

So präsentiert Damaskus seine Aufteilung in Altstadt und Neustadt, und flitzt man entlang des Ummayaden-Platzes zum Qassiun im Antilibanon-Gebirge, der nördlichsten Begrenzung der Stadt, vergrößert sich der Überblick.

Entlang der einzigen Straße des 1200 Meter hohen Bergs klebt Restaurant an Restaurant, stets bis auf den letzten Platz mit Familien und Touristen gefüllt, die bei libanesischem Rotwein und Kabap das Panorama-Standbild der Stadt genießen. Ab Beginn der warmen Jahreszeit herrscht großes Kino: Hier lassen frisch Vermählte ihre Hochzeitsfotos schießen, dort hallen Geburtstagsständchen durch die Luft und vermengen sich mit dem Arab-Pop der vorbeifahrenden Autos.

Es gilt: sehen und gesehen werden. Am Ende der Straße kreisen, zu vorgerückter Stunde, bis zum Sonnenaufgang Joints oder treffen sich die gerade frisch Verliebten zu einer unbequemen Schäferstunde auf dem Rücksitz ihres Kleinwagens.

Trotz dieser feinen Risse in den Klischees ist die Mehrzahl der Syrer immer noch systemkonform. Von Kindesbeinen an trimmen verschiedene Parteiorganisationen sie auf Linie, eine Indoktrinierung, die im Militärdienst ihren Höhepunkt findet.

Und dennoch: Die Zahl der Enttäuschten steigt stetig. Mittlerweile droht der Regierungsclique um Präsident Baschar al-Assad die größte Gefahr keinesfalls von außen, sondern durch die eigene Jugend. Sie stellt die größte gesellschaftliche Gruppe dar und ist am schwersten zu kontrollieren.

Dabei geht es weniger um das Materielle – an Flachbildschirmen und Jeans wird das Regime wohl nicht scheitern. Vielmehr will die Jugend die propagierte kulturelle Liberalisierung des Landes für reale Zwecke nutzen - zum Beispiel als Rapper oder Heavy-Metal-Sänger. Doch gerade die aufkeimenden Subkulturen in Musik, Kunst und Literatur werden vom autoritären Überwachungsstaat äußerst kritisch beäugt und verfolgt. Nicht zuletzt in puncto Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung wirken daher die westlichen Sprachstudenten wie Katalysatoren für die Wünsche der syrischen Jugend.

 
Leser-Kommentare
  1. Es ist sicher sehr schwer, die arabische Sprache zu erlernen, aber auch eine sehr interessante Aufgabe. Das große Angebot an Websites kann hier aber helfen und unterstützen, z. B. um sich auf einen Studienaufenthalt entsprechend vorzubereiten.Dazu gibt es seit gestern auch eine entsprechende Linksammlung: www.fremdsprachenweb.netViel Erfolg!

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    die von lingus angegebene website hat einen virus. sobald ich den link ins browserfenster eingebe warnt mich mein antivir folgendermaßen : "'HTML/Infected.WebPage.Gen' [virus] "finger weg!!

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  2. Liebe Redaktion: Die beschriebene Website Route66.com ist "out of service"[Anmerkung: Vielen Dank für den Hinweis - wir haben den Text korrigiert. Die Redaktion/jk]Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

  3. die von lingus angegebene website hat einen virus. sobald ich den link ins browserfenster eingebe warnt mich mein antivir folgendermaßen : "'HTML/Infected.WebPage.Gen' [virus] "finger weg!!

    Antwort auf "Arabisch lernen"
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    Es war ein Schadcode enthalten, das ist richtig. Das Problem ist jedoch schon längst gelöst. Kennt noch jemand einen Link, der es wert wäre, aufgenommen zu werden? Danke.

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  4. Meine Website enthält interessante, nützlich und weiterführende Informationen zum Arabischstudium in Damaskus.Link: http://arabischindamaskus...[ohne Virus]

  5. So viel zu Ihrer Ueberschrift!(Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Die Redaktion/jk)

  6. Ist es keine "Pauschalisierung" Ihrerseits Syrien als "Schurkenstaat" zu bezeichnen?
     

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    Beides sind keine Pauschalisierungen, sondern unterschiedliche beleidigende Bewertungen, über deren Wahrheitsgehalt sich streiten läßt. Man müßte erst mal klären, was der Begriff "Schurkenstaat" bedeutet (ist es ein Staat, in dem überwiegend Schurken leben – Pauschalisierung –, oder einer mit einer schurkischen Regierung) und wer ihn mit welcher Absicht in die geregelte politische Sprache eingebracht hat. In seriösem Journalismus erwarte ich mindestens Anführungszeichen, wenn ein solcher Begriff verwendet wird. Wenn man die Politik der USA unter Berücksichtigung dessen betrachtet, was verschiedene amerikanische Regierungen und Geheimdienste in der Vergangenheit veranstaltet haben, ist es durchaus überlegenswert, eine solche Bezeichnung auch auf die USA anzuwenden. Aber natürlich auch auf einige andere. ___________________
    Lyriost – Madentiraden

    Beides sind keine Pauschalisierungen, sondern unterschiedliche beleidigende Bewertungen, über deren Wahrheitsgehalt sich streiten läßt. Man müßte erst mal klären, was der Begriff "Schurkenstaat" bedeutet (ist es ein Staat, in dem überwiegend Schurken leben – Pauschalisierung –, oder einer mit einer schurkischen Regierung) und wer ihn mit welcher Absicht in die geregelte politische Sprache eingebracht hat. In seriösem Journalismus erwarte ich mindestens Anführungszeichen, wenn ein solcher Begriff verwendet wird. Wenn man die Politik der USA unter Berücksichtigung dessen betrachtet, was verschiedene amerikanische Regierungen und Geheimdienste in der Vergangenheit veranstaltet haben, ist es durchaus überlegenswert, eine solche Bezeichnung auch auf die USA anzuwenden. Aber natürlich auch auf einige andere. ___________________
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  7. Beides sind keine Pauschalisierungen, sondern unterschiedliche beleidigende Bewertungen, über deren Wahrheitsgehalt sich streiten läßt. Man müßte erst mal klären, was der Begriff "Schurkenstaat" bedeutet (ist es ein Staat, in dem überwiegend Schurken leben – Pauschalisierung –, oder einer mit einer schurkischen Regierung) und wer ihn mit welcher Absicht in die geregelte politische Sprache eingebracht hat. In seriösem Journalismus erwarte ich mindestens Anführungszeichen, wenn ein solcher Begriff verwendet wird. Wenn man die Politik der USA unter Berücksichtigung dessen betrachtet, was verschiedene amerikanische Regierungen und Geheimdienste in der Vergangenheit veranstaltet haben, ist es durchaus überlegenswert, eine solche Bezeichnung auch auf die USA anzuwenden. Aber natürlich auch auf einige andere. ___________________
    Lyriost – Madentiraden

    Antwort auf "@Redaktion"
  8. Es war ein Schadcode enthalten, das ist richtig. Das Problem ist jedoch schon längst gelöst. Kennt noch jemand einen Link, der es wert wäre, aufgenommen zu werden? Danke.

    Antwort auf "vorsicht virus"

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