Web 2.0 Jobsuche um sechs Ecken

Karrierenetzwerke und Businessplattformen locken Studenten mit Kontakten und bieten Raum zur Selbstdarstellung. Doch die Jobsuche im Netz führt nicht immer zum Erfolg

Sieben Jobangebote in einem halben Jahr: Martin Siebert* hatte scheinbar alles richtig gemacht: Die Schwerpunktsetzung auf Energietechnik, die guten Leistungen in den Seminaren – sie zahlen sich für den frischgebackenen Diplom-Elektrotechniker aus. Doch die Stellenangebote erhielt der Erlanger Student nicht über seinen Professor oder von dem Unternehmen, für das er neben dem Studium arbeitete. Die Offerten kamen über das Karriereportal XING. „Und das, obwohl eigentlich nicht viel über mich in meinem Profil steht“, erinnert sich der 25-Jährige.

Anderen Studienabgängern mit gefragter Spezialisierung oder außergewöhnlichem Lebenslauf geht es ähnlich: Netzwerke im WorldWideWeb spielen eine immer größere Rolle bei der Suche nach dem Arbeitsplatz.

Um sechs Ecken ist jeder mit jedem bekannt – so die These des US-amerikanischen Soziologen Stanley Milgram. Mitte der sechziger Jahre, als Milgram die Ergebnisse seiner Forschung zur sozialen Vernetzung vorstellte, verdrehte noch mancher ungläubig die Augen. Heute löst Milgrams These keine Verwunderung mehr aus: Seit sich die Nutzer weltweit in sogenannten Social Networks virtuelle Profile anlegen, emsig Freunde und Kontakte sammeln und digitalen Diskussionsrunden beitreten, ist es einfach, die bestehenden Verknüpfungen offenzulegen und sie gewinnbringend zu verwerten.

Karrierenetzwerke wie Monster, XING oder BusinessLive wollen diese Vielzahl sozialer Kontakte für ihre Mitglieder nutzbar aufbereiten. Vitamin B hilft. Besonders bei einer Neuanstellung zahlen sich persönliche Kontakte aus. Deshalb laden die Nutzer der Job-Plattformen viele Megabytes an Daten ins Netz: Foto, Lebenslauf und Hobbys. Sie suchen nach vielversprechenden Kontakten und basteln sich ein Netz aus virtuellen Freunden.

2007 wuchs XING um etwa drei Millionen Mitglieder. Mehr als 140.000 zahlten für eine Premiummitgliedschaft, die ihnen zusätzlichen Raum zur Darstellung bietet. Für das börsennotierte Unternehmen ein lukratives Geschäft: Im vergangenen Jahr erzielte XING ein Ergebnis von 6,8 Millionen Euro und will noch weiter wachsen.

Seit Kurzem wendet sich das Karriereportal auch gezielt an Studenten und frische Uni-Absolventen, die "Student" oder "Absolvent" nun als offiziellen Status angeben können. Sie können nun Unistandort, Auslandssemester und Hochschulabschluss in die Profile einfügen, der Standort der Uni gilt nun als reguläre Business-Adresse. Doch versteckt sich der neue Arbeitsplatz wirklich in einem der Businessportale?

„Über die Karrierenetzwerke findet man keine neue Stelle“, sagt Gerhard Laga, Leiter des E-Centers der Wirtschaftskammer Österreich. „Auf den Plattformen sieht man nicht, wenn eine Stelle neu ausgeschrieben oder ein Arbeitsplatz frei wird.“ Diese Information holen sich Bewerber immer noch aus den herkömmlichen Quellen – der Zeitung oder dem Internetauftritt eines Unternehmens. „Sobald man aber von einer freien Stelle weiß“, erklärt Laga, „beginnt man, gezielt die Netzwerk-Kontakte zu durchforsten, um möglichst konkrete Informationen über den Arbeitsplatz, die Firma und vielleicht sogar die Personalabteilung zu erhalten.“

Mitmachen und Job finden? So einfach ist die Rechnung in den Karrierenetzwerken nicht. Ein erfolgreicher Netzwerker benötigt Zeit. „Von selbst schreibt einen kein Personaler an“, erklärt Patrick Weber*, der bis vor Kurzem in verschiedenen Karriereportalen auf Stellensuche war. Mit offensivem Auftreten hat der Informatiker dagegen gute Erfahrungen im Netz gesammelt. Über die Hälfte der angeschriebenen Personen antwortete dem 26-Jährigen und wollte ihn persönlich kennenlernen.

Auch Harald Schwefel nutzt die Portale zur Kontaktpflege. Loggt sich der promovierte Physiker ins Netzwerk ein, fahndet er jedoch nicht nach offenen Stellen. „Ich suche nach ehemaligen Klassenkameraden, zu denen ich schon lange keinen Kontakt mehr habe“, erklärt Schwefel. Mit Erfolg: Viele seiner Jugendfreunde haben sich registriert und aufwendige Online-Profile angelegt.

Von den einfach zugänglichen Informationen profitieren jedoch nicht nur Privatleute wie Schwefel, sondern zunehmend auch kommerzielle Karrieredienste, sogenannte Headhunter, die Ausschau nach geeigneten Mitarbeitern halten. „Personaldienste kommen über Karrierenetzwerke an wertvolle Informationen“, erläutert Laga von der Wirtschaftskammer Österreich, „ohne selbst einen großen Aufwand betreiben zu müssen.“ Da die Nutzer der Karriereplattformen Lebensläufe, Sprachfertigkeiten und Berufsziele selbst einstellen, sei Headhunting viel einfacher und schneller geworden. Zugeben will das aber niemand – dann müssten die Karrieredienste ihre Preise senken.

Martin Siebert hat sich keine Gedanken gemacht, wer ihm die Stellenangebote über das Karrierenetzwerk geschickt hat. Der Elektrotechniker nutzte das Absolventenbuch seiner Universität, in dem Studenten ein Profil von Studienverlauf und Studienschwerpunkt über Diplomarbeit und Abschlussnoten bis hin zu Berufszielen anlegen können. Für Siebert hat es sich gelohnt: Seit Mai arbeitet er in der Marktentwicklung eines großen Technologiekonzerns.

* Name geändert

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 11.08.2008 um 18:33 Uhr

    Ja, nur eine der sechs Ecken geht immer über einen Personalleiter oder Chef, also die Hierarchie nach oben. So können sich Menschen sicher nicht wirklich direkt über Bekannte gegenseitig kennenlernen. Der Flaschenhals ist stets die Spitze.Erwähnenswert ist bei Xing, daß die Plattform eher den Chefs  nützt. Kein Angestellter wird es dort wagen, die Kundenkontakte seines Arbeitgebers einzutragen. So können auch nicht wirklich fachbezogene Kreise entstehen. Auch verhalten sich die Menschen in einem "offenen" Netzwerk ganz anders. Die Profile wirken überzogen, so wie traditionelle Lebensläufe eben. Wer also die Nase gestrichen voll von seinem Job hat, wird dort seinen aktuellen Arbeitgeber geradezu bestens präsentieren.Man darf sich diese Netzwerke nicht flach vorstellen, sondern mit einzelnen Spitzen rund um die Chefs. Eine echte Revolution, bei der etwa selbst die Angestellten die Option hätten, sich zusammenzuschließen, ist dies daher nicht. Ich denke, wahrscheinlich ist Xing deshalb so populär, weil die Chefs dank der Transparenz keinen Aufstand ihrer Angestellten befürchten müssen, die dann etwa gemeinsam eine eigene Firma gründen könnten, dazu sind die echten Kontakte unter Angestellten  eben nicht transparent genug, da sie niemals eingetragen werden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Student | Hochschule
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service