Auswahlverfahren Bitte keine Spaßkandidaten!
Aufwendige Auswahlverfahren sorgen an staatlichen und privaten Hochschulen für geringere Abbrecherquoten und weniger Beratungsaufwand im Studium. Auch staatliche Hochschulen lassen sich diese Vorteile etwas kosten
Peter Paul Schnierer hat in diesen Tagen viel zu tun. Der Direktor des Anglistischen Seminars der Universität Heidelberg muss den Auswahltest vorbereiten, den Anfang August all jene schreiben müssen, die sich für das Anglistik-Studium beworben haben. Der einstündige Test prüft, wie fit die Abiturienten in den englischen Zeitformen sind, ob sie mit dem Gerundium umgehen können und wie groß ihr Verständnis von Sprachstrukturen ist. Mit Grammatik allein ist der Auswahltest für das Anglistik-Studium nicht zu schaffen. "Wir wollen auch wissen, wie es um die intellektuellen Fähigkeiten der Kandidaten bestellt ist“, sagt Schnierer.
Neben den Ergebnisse in diesem Auswahltest entscheiden auch die Schulnoten in Englisch, Deutsch und Mathematik sowie Auslandserfahrungen über die Zulassung zum Studium. Seit drei Semestern sucht Schnierer seine Studenten nun schon nach diesem Verfahren aus - mit erfreulichen Resultaten. „Die Abbrecherquote ist von fünfzig auf zehn Prozent gesunken und die Studienleistungen sind besser geworden.“ In seiner Erstsemestervorlesung Literaturwissenschaft fällt nur noch eine Handvoll Studenten durch, zuvor waren es 40 Prozent und mehr.
Die Siebte Novelle des Hochschulrahmengesetzes erlaubt, dass auch staatliche Hochschulen in zulassungsbeschränkten Fächern 60 Prozent ihrer Studenten selbst aussuchen. Die Uni Heidelberg war eine der ersten Hochschulen, die diese Möglichkeit nutzte.
Inzwischen gibt es für 80 Fächer ein Auswahlverfahren über den Numerus Clausus der Studienanwärter. In Chemie und Physik werden Kandidaten zusätzlich zu halbstündigen Auswahlgesprächen gebeten, in der Molekularbiologie müssen sie ein Motivationsschreiben verfassen. „Wir bekommen aus diesen Fächern sehr positive Rückmeldungen“, sagt Andreas Barz, Leiter des Zentrums für Studienberatung und Weiterbildung. „Die Hürden am Anfang sorgen dafür, dass sich die Bewerber sehr bewusst für ein Fach entscheiden.“
Während die staatlichen Hochschulen mit Auswahlverfahren noch experimentieren, bessern die privaten Universitäten höchstens noch nach. Sie arbeiten seit Jahren mit komplizierten Auswahlmechanismen. „An unserem Auswahlverfahren wird natürlich immer wieder herumgeschraubt“, sagt Ulrich Winkler, Vizedekan der European Business School (EBS) in Östrich-Winkel.
Um zum POAV, dem Persönlichkeitsorientierten Auswahlverfahren für die Bachelorstudiengänge, zugelassen zu werden, kommt es der EBS neben der Abiturnote auch auf Interessen und soziale Kompetenzen an. Während des halbtägigen Tests absolvieren die Kandidaten mehrere Auswahlgespräche mit Professoren, aber auch mit Personalvertretern aus verschiedenen Unternehmen. „Beim POAV wollen wir einen möglichst tiefen Einblick erlangen, ob Teamfähigkeit und Leadership-Potenzial gegeben sind“, sagt Winkler.
Die Abiturnote sei immer noch das Kriterium, an dem sich der spätere Studienerfolg am ehesten ablesen lässt, sagt Benedikt Hell. Hell ist Beauftragter für Auswahlverfahren an der Universität Konstanz und empfiehlt den Hochschulen, im Vorfeld ein klares Bewerberprofil zu definieren. „Wenn es nur auf den Studienerfolg ankommt, reicht die Abi-Note und ein Studierfähigkeitstest. Will die Hochschule dagegen auch einen bestimmten Persönlichkeitstyp aussuchen, sind Auswahlgespräche sinnvoll.“
Doch den Hochschulen geht es nicht nur darum, die besten Studenten zu erreichen, sondern auch um Imagepflege. „Eignungsfeststellungsverfahren und Auswahlgespräche erhöhen die Bindung der Studenten an ihre Hochschule. Sie bringen bessere Leistungen, wenn sie ausgewählt wurden“, sagt Heinz Schüpbach, Professor für Arbeits-und Organisationspsychologie in Freiburg. Und gute Absolventen bestimmen schließlich auch den Ruf ihrer Universität mit.
In der Entwicklung von Auswahlverfahren arbeiten viele Universitäten mit darauf spezialisierten Unternehmen zusammen, wie der Bonner ITB Consulting. Die Firma berät unter anderen die Otto Beisheim School of Management und die Hochschulen Augsburg, Pforzheim und Heilbronn. Auch den landesweiten Mediziner-Test in Baden-Württemberg hat ITB entwickelt.
„Aufwendige Selektionsprozesse haben eine wichtige Marketingfunktion“, sagt Hans-Jörg Didi, Berater bei ITB. An staatlichen Hochschulen scheiterten Auswahlverfahren leider oftmals an rechtlichen Problemen. Pro Student kostet das ITB-Verfahren 50 Euro, die vom Bewerber zu zahlen sind. Aber nicht alle Landeshochschulgesetze erlauben solche Gebühren. In Berlin ist beispielsweise eine Obergrenze von 25 Euro festgelegt.
Die Heidelberger Anglistik-Bewerber zahlen 50 Euro Bearbeitungsgebühr. Das deckt jedoch nicht alle Kosten, die durch den Eingangstest entstehen. "Dadurch, dass die Zahl der Wiederholer in vielen Klausuren sinkt, rechnet sich diese Investition aber", sagt Schnierer.
Im Gegenzug muss die Uni jeden Bewerber annehmen, der den Test besteht. Manchmal sind das 500 von 1700 Bewerbern, zu vergeben sind aber nur 284 Plätze. Weil sich viele Studenten aber an mehreren Hochschulen gleichzeitig bewerben, kommen nie alle Zugelassenen, um den Studienplatz auch wirklich anzutreten. Die, die im Test am besten abgeschnitten haben, ruft Schnierer deshalb noch am Abend des Prüfungstages an und bittet sie, zum Studium nach Heidelberg zu kommen. „Ich will ja die besten Studenten haben“, sagt er und lacht. Der Bitte des Professors kommen bisher die meisten gerne nach.
- Datum 31.07.2008 - 15:35 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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aus dem Artikel geht nicht klar hervor, ob auch an den staatlichen Hochschulen etwas anderes als die fachliche Kompetenz zählt.Die privaten Unis können ja meinetwegen auch die Zungenfähigkeiten des Bewerbers auf gewissen Körperteilen der Wirtschaftsbosse testen.Aber die staatlichen Unis sollten natürlich nur das fachliche testen und bewerten. Auch ein Vorstellungsgespräch halte ich für absolut nicht annehmbar. Bald müssen sich die Stundenten wohl auch noch die Haare schneiden und Anzug und Krawatte tragen...
dort gab es auch gelegentlich Aufnahmetests. Den ersten absolvierte ich für die Spezial-EOS in Kleinmachnow für das Abitur. Und den zweiten für das Studium.Insbesondere von Kleinmachnow profitiere ich selbst noch heute, da das Niveau (auch der Anforderungen) deutlich über Durchschnitt lag und ich eine fundiertes Abitur erwarb was mir bei Studium und Beruf immer von Vorteil ist. Es ist heute ein profiliertes, gewichtiges und beliebtes Gymnasium.
Solche Test sind nur dann wissenschaftlich fundiert wenn sie die Gütekriterien der klassischen Testtheorie (Objektivität, Reliabilität, Validität) erfüllen. Der einzige an öffentlichen Hochschulen durchgeführte Test, der diese Gütekriterien erfüllt ist der Medizinertest. Sebstgestrickte Eingangsklausuren oder gar "Vorstellungsgespräche" wie sie zur Zeit überwiegend durchgeführt werden, erfüllen in keiner Hinsicht den wissenschaftlichen Gütekriterien. Der Medizinertest hat eine lanjährige und aufwendige Entwicklungs und Validierungsphase hinter sich. Das auf andere Fächer zu übertragen wäre sehr kostenintensiv und würde das Grundproblem des Studienabbruchs und des Beratungsbedarfs nicht lösen. Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Tests, die die Gütekriterien der klassischen Testtheorie nicht erfüllen können auch nicht die an sie gestellten Erwartungen erfüllen. Die Auswahl der Studenten ist somit rein zufällig! Studienanfängern fehlt meist die grundlegende Orientierung an der Universität und die Kernkompetenzen der Arbeit an einer Universität. Diese Kompetenzen werden am psychologischen Institut in Heidelberg durch ein zweiwöchiges, ganztägiges Einführungseminar vermittelt. Bei demnächst sinkenden Studentenzahlen wird diese unsinnige Praxis der Studentenauswahl sowieso bald zu Ende sein und auch andere Fachbereiche müssen zu einer sinnvollen Förderung von Studienanfängern übergehen.
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