Bildungsexport Ingenieurskunst für Kasachstan

Kasachstan mangelt es an gut ausgebildeten Technikern und Ingenieuren. An der Deutsch-Kasachischen Uni in Almaty baut Deutschland nun zwei neue Fakultäten auf

Außergewöhnlicher Besuch an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) in Almaty: In einem Seminarraum sitzen sich drei Dutzend handverlesener Studenten und der deutsche Bundespräsident Horst Köhler gegenüber, der auf dem Weg nach China auch Kasachstan besucht.

Köhler übt sich in diplomatischer Tiefstapelei: „Denken Sie nicht, wir im Westen wüssten alles besser. Wir sind hier, weil wir etwas von Ihnen lernen wollen.“ Die gut vorbereiteten Studenten kommen schneller zur Sache: „73 Prozent der Jugendlichen in Kasachstan wählen Jura oder BWL als Studienfach,“ klärt Studentin Vika den Präsidenten auf. „Das sind die prestigeträchtigsten Berufe in unserem Land.“

Die Studentin spricht an, was die erfolgsverwöhnte kasachische Wirtschaft bald ins Schlingern bringen könnte, und was die DKU, eine private Uni und mit 350 Studenten eine der kleinsten im Land, sich gezielt zunutze machen will: Es mangelt an gut ausgebildeten Ingenieuren und Technikern.

Kasachstan ist unter den zentralasiatischen Ländern wirtschaftlich das erfolgreichste. Dank bisher kaum erschlossener Ölreserven, die dem Land einen kaum vergleichbaren Wirtschaftsboom verschafften, haben Wachstumsraten von zehn Prozent in den vergangenen Jahren das Selbstbewusstsein der Kasachen verwöhnt.

Doch aufgrund umfassender Reformen im Finanz-, Steuer- und Justizsystem und weil ausländische Investoren in der Industrie gewöhnlich ihre eigenen Spezialisten einflogen, hat Kasachstan jahrelang die Ausbildung von Ingenieuren und Technikern verschlafen. Das rächt sich jetzt.

„Sowohl bei internationalen als auch bei einheimischen Unternehmen in Kasachstan besteht ein akuter Mangel an gut ausgebildeten Technikern, die zudem auch Englisch und weitere Fremdsprachen beherrschen,“ sagt Kay Zwingenberger, Geschäftsführer bei Siemens Kasachstan. „An manchen Universitäten, die Techniker mit Fremdsprachenkenntnissen ausbilden, gibt es bereits Wartelisten für die Absolventen.“

Die 1999 gegründete DKU gilt als Flaggschiff der deutsch-kasachischen Beziehungen, dümpelte aber bis vor einem Jahr noch eher als abgehalfterter Binnendampfer vor sich hin. Doch 2007 wurde im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft die Zentralasien-Strategie verabschiedet. Von europäischer Seite zielt diese vor allem auf die Diversifizierung von Rohstoffquellen. Kasachstan erwartet im Gegenzug Hilfe bei der Reform des eigenen Bildungswesens. Deutschland stellte daraufhin einen Drei-Millionen-Euro-Zuschuss zur Verfügung. Mit dem sollen jetzt an der DKU zwei neue ingenieurwissenschaftliche Fakultäten aufgebaut werden.

Matthias Kramer, seit Anfang des Jahres Rektor der DKU und langjähriger Dekan des Lehrstuhls für Betriebswirtschaft am Internationalen Hochschulinstitut Zittau, sieht gerade die Ingenieurwissenschaften als „ein Gebiet, bei dem Deutschland seine Stärken einbringen kann.“

Die ersten Studenten, die in diesem Semester an der neuen Fakultät für Wirtschaftsingenieurwesen immatrikuliert wurden, sollen nun mit der Hilfe deutscher Partner-Hochschulen ausgebildet werden. Sie studieren nach deutschen Bildungsstandards und bekommen die Möglichkeit, durch Auslandssemester gleichzeitig mit dem DKU-Abschluss auch den einer deutschen Hochschule zu erwerben. Dass sie dazu neben Deutsch auch Englisch als Fremdsprache lernen, soll ein weiterer Pluspunkt sein.

Doch noch ist die DKU weit von europäischen Standards entfernt, das gibt auch Rektor Kramer zu: „Wir sind an die kasachischen, teilweise sehr unflexiblen Curricula gebunden. Und die Studenten selbst haben das kritische Hinterfragen in der Schule nicht gelernt.“ Bisher überwog auch an der DKU Frontalunterricht, Praxisbezug fehlte nahezu völlig.

Um das zu ändern, sieht Kramer auch deutsche Firmen, die in Kasachstan vor Ort sind, in der Pflicht. „Wir wissen, dass gerade deutsche Unternehmen hier gut ausgebildete, einheimische, mehrsprachige Absolventen suchen – und die können wir bereitstellen.“ Allein durch die Studiengebühren, die Studenten der DKU zahlen etwa 2.500 Euro pro Jahr, sei das jedoch nicht zu finanzieren. Zwar fördern das deutsche Bundesumweltministerium, das Auswärtige Amt, der DAAD  und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt verschiedene Projekte in diesem Jahr mit 1,5 Millionen Euro. Die deutsche Wirtschaft in Kasachstan sei jedoch noch zurückhaltend. „Ich behaupte mal, wenn ein Unternehmen sich mit 100.000 Euro an der Ausbildung unserer Studenten beteiligt und dann einen oder zwei Absolventen akquiriert, dann hat sich das für das Unternehmen schon amortisiert", sagt Kramer.

Siemens-Chef Zwingenberger sieht das genauso. Sein Unternehmen ist das erste, das DKU-Studenten mit Stipendien unterstützt. Über die Finanzierung eines Labor-Arbeitsplatzes für Automatisierungstechnik verhandele man gerade. „Wir erhoffen uns zum einen, dass die Studenten praktische Erfahrung mit unserer Technik sammeln,“ erklärt Zwingenberger das Engagement. „Zum anderen würden wir natürlich gerne künftige DKU-Studenten für unser Unternehmen gewinnen, denn wir setzen fast ausschließlich auf hiesige Arbeitskräfte.“

Bisher mangelte es deutschen Unternehmen an Unterstützung durch Kasachstan. Allein die Nutzung des renovierungsbedürftigen Uni-Gebäudes in Almaty war fraglich. Am 3. September wurde nun ein deutsch-kasachischer Staatsvertrag zur DKU unterschrieben, Kasachstan überlässt das Gebäude der DKU kostenlos für die nächsten zehn Jahre.

Den nächsten Schritt müssen nun die deutschen Unternehmen machen. Möglichkeiten sieht Kramer viele. Sein nächstes Ziel: „Das Gebäude der DKU soll gemeinsam mit deutschen Firmen zum energieeffizientesten in ganz Kasachstan umgebaut werden.“  So könne die DKU nicht nur im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich ein Schaufenster für deutsche Ingenieurkunst in Kasachstan werden.

 
Leser-Kommentare
  1. Undda wird einem dauern erzaehlt, dass die Einwanderer aus Kasachstan alles hochqualifizierte Ingenieure sind.

    • Anonym
    • 06.09.2008 um 8:55 Uhr

    "Die Einwanderer aus Kasachstan" sind auch meist sehr gut qualifiziert - nur sind das überwiegend ethnische Deutsche, die größtenteils bereits in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen sind. Der Mangel, von dem hier die Rede ist, betrifft die 20- bis 30jährigen, die ihre Schul- und Uni-Laufbahn nach der Unabhängigkeit Kasachstans im Jahr 1991 absolviert, also keine "sowjetische" Ausbildung mehr bekommen haben, so wie die, die in der großen Auswanderungswelle als Spätaussiedler nach Deutschland kamen. Das im Artikel benannte Problem betrifft die jüngeren Generationen der Kasachstaner, die jetzt ins Berufsleben einsteigen. Und jetzt werden eben die Fehler beim Aufbau eines eigenen Bildungs- und Ausbildungssystems in Kasachstan offensichtlich. Aber man arbeitet ja daran.

  2. die vielen aus Russland und sonstigen Sowjetrepubliken stammenden Deutschen meist nur für ihren Fremdrentenantrag. Da gibt´s dann nämlich mehr Geld - ohne einen Cent in die deutsche Rentenkasse bezahlt zu haben. Ein mit mir befreundeter Russlanddeutscher versicherte mir, dass man sich nicht mal die Mühe machen müsste, russische Hochschuldiplome selbst zu fälschen - man geht einfach zur betreffenden Uni und kauft für ca. 1000 Dollar ein echtes falsches Diplom. Und dass die gesetzliche Rentenversicherung die angegebenen Qualifikationen der Fremdrentenantragsteller per Assessment Center prüft, wäre ja zuviel verlangt von diesem unseren Lande. Allerdings - wenn ein "wirklicher" Ingenieur, Mediziner oder Physiker der noch nicht im Rentenalter ist, in Deutschland arbeiten oder gar im öffentlichen Dienst tätig sein, kann er sein blaues Wunder erleben. Das "Zuwanderungsland" Deutschland erkennt schlicht die Diplome nicht an. Auch hier würde ein Assessment Center erhellend wirken. Aber lieber macht man Musikprofessoren, Mediziner und Physiker in Deutschland zu Altenpflegern oder HartzIV-Empfängern. Dass deren Kinder dann abdrehen und keinerlei Anreiz sehen, sich zu integrieren, kann ich dann sogar ein Stück weit nachvollziehen - wenn auch nicht gutheißen.Warum machen die Verantwortlichen in diesem Lande immer wieder die gleichen Fehler bei der Zuwanderung?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 3
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Hochschule | Student
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service