Jura Neue Wege zum Examen
Das Jura-Examen ist für die meisten Studenten teuer, private Repetitoren beherrschen seit Jahrzehnten den Markt. Doch jetzt formiert sich an einigen Fakultäten Widerstand
Beinahe ein ganzes Jahr lang musste sich Karina Becker rechtfertigen. „Wie kannst du nur?“, fragten die einen. „Ist dir dein Examen nicht mehr wert?“, zweifelten die anderen. Doch Karina blieb standhaft. Ohne auch nur einen Cent für einen kommerziellen Repetitor ausgegeben zu haben, schaffte sie im Oktober 2007 ihr Jura-Examen.
Karina Becker ist die Ausnahme. Die meisten Jura-Studenten besuchen vor dem Examen einen kommerziellen Repetitor, zumeist einen Rechtsanwalt, der sie für das Staatsexamen fit macht. Was originäre Aufgabe der Universitäten ist, übernimmt in Deutschland seit Jahrzehnten überwiegend ein gewerblicher Sektor. Und die Anwälte verdienen nicht schlecht daran.
Das System der deutschen Juristenausbildung ist ein idealer Nährboden für die Repetitoren. In fast keinem anderen Studienfach zählen die Studienleistungen so wenig wie in der Rechtswissenschaft. Insgesamt sieben Tage – sechs Klausuren und eine mündliche Prüfung – entscheiden am Ende des Studiums maßgeblich darüber, ob sich die Karrierekurve nach oben oder unten neigt. Der Prüfungsstoff ist umfangreich, die Durchfallerquote liegt bei 30 Prozent. Ist man im Examen nicht auf den Punkt vorbereitet, steht man am Ende schnell mit leeren Händen da. Der Respekt vieler Jura-Studenten vor dem Examen ist riesengroß.
Viele Universitäten haben dieses Problem jahrelang verschlafen. Der relevante Stoff wurde zwar gelehrt, aber eine gezielte Vorbereitung auf die hohen Anforderungen des Examens blieb oft aus. Die Repetitoren nutzen dieses Defizit. In Jahreskursen bieten sie nach eigenen Angaben eine „systematische Stoffvermittlung“. Das Paket umfasst dabei meist rund zehn Wochenstunden Unterricht, Klausurentraining, Übersichten, Skripten und Wiederholungskurse. In Großgruppen mit bis zu 80 Teilnehmern kostet der Kurs knapp 150 Euro im Monat. Wer lieber in Kleingruppen lernt, bezahlt bis zu 200 Euro.
Karina Becker hat das Geld gespart und das „Unirep“ in Münster besucht, ein von der Universität angebotenes Repetitorium. „Dort hatte ich eine größere Auswahl an Dozenten. Außerdem waren mir die Skripten des privaten Reps nicht umfangreich genug, viele Hintergrundinformationen haben mir gefehlt“, sagt die 25-Jährige. Mit dieser Einstellung stand sie in ihrem juristischen Freundeskreis jedoch ziemlich allein. Kein Wunder. Nach Angaben des Repetitoriums Hemmer besuchen derzeit rund 90 Prozent eines Jahrgangs einen kommerziellen Repetitor.
„Das wollen wir jetzt ändern.“ Thomas Lobinger ist Professor in Heidelberg und koordiniert dort das Unirep. „Es hat sich in den vergangenen zwei Jahren gewaltig viel getan.“ Dank der Studiengebühren wurden in Heidelberg neue Stellen für die Koordination geschaffen, und die Uni bietet nun ebenfalls einen durchgängigen Jahreskurs an. Die Honorare für Korrekturassistenten wurden verdoppelt, was insbesondere die Qualität der Klausurenkurse steigern soll. Es gibt mehr spezialisierte Tutorien und wer will, der kann sogar sein Examen unter realen Bedingungen simulieren, und das alles kostenlos. „Wir sind hoch motiviert, die Studenten an der Uni zu halten“, sagt Lobinger.
Ähnliche Angebote bieten inzwischen auch andere renommierte Jura-Fakultäten wie Münster, Freiburg oder München. In Freiburg wurde zum Beispiel eine Psychologin engagiert, die mit den Studenten optimale Lernstrategien ausarbeitet. Und in München kann man inzwischen sogar aus dem Ausland am Klausurenkurs teilnehmen. „Noch leiden wir an den Versäumnissen der Vergangenheit“, sagt Dozent Wolfgang Kaiser aus Freiburg, ebenfalls ein engagierter Kämpfer für das „Unirep“. „Aber unser Angebot wird immer besser, und die Studenten merken das. Die private Examensvorbereitung hingegen ist vor allem ein Geschäft mit der Angst.“
In den Zentralen der beiden großen Anbieter von juristischen Repetitorien blickt man dem neuen Ehrgeiz der Universitäten gelassen entgegen. „Unser Erfolg spricht für sich“, sagt Karl-Edmund Hemmer aus Würzburg. „Wir bieten eine sehr gute Ausbildung und haben über 30 Jahre Erfahrung. Und wenn die Studenten mit unserer Hilfe ein besseres Examen machen, dann handelt es sich um eine gute Investition.“
Und Till Veltmann, Repetitor bei Alpmann Schmidt in Münster, will auch das Argument mit der Angst nicht gelten lassen. „Angst verbreiten höchstens die Universitäten mit ihrer zum Teil schlechten Ausbildung. Bei uns sitzen im Examenskurs Studenten, die können eine Grundschuld nicht von einer Hypothek unterscheiden. Da ist unsere Nachhilfe offensichtlich dringend nötig.“
Thomas Lobinger bleibt bei seiner Meinung: „Studenten brauchen den kommerziellen Repetitor nicht.“ Dennoch strebt er eine friedliche Koexistenz an, freilich mit einem stärkeren Gewicht beim Unirep. „Das private Rep wird vorerst weiter bestehen, denn gegen psychologische Faktoren sind wir oft machtlos.“ So würden Studenten schnell unsicher, wenn sie in ihrer Examensvorbereitung nicht all das machen, was ihre Studienkollegen auch machen. „Wir müssen deshalb die Sicherheit vermitteln, dass man das Examen auch mit dem Unirep gut schaffen kann.“
Karina Becker jedenfalls hat ihr Examen tatsächlich „gut“ geschafft und damit eins der seltenen Prädikatsexamen errungen. Sie ist sich heute sicher: „Ich würde es jederzeit wieder so machen.“
- Datum 13.10.2008 - 10:23 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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