Kim Söhl ist barfuß durch den Wald in Neuseeland gewandert, und jeder kann lesen, was er da erlebt hat. Von Stein zu Stein ist er gehüpft, um einen Fluss zu überqueren, unter reißenden Wasserfällen hindurch. Der 20-Jährige ist 19.000 Kilometer von seiner Heimatstadt Paderborn entfernt, und trotzdem erfahren Familie und Freunde in seinem Blog fast in Echtzeit von seinem sechsmonatigen Trip durch Neuseeland.

"Ich kann Texte und Bilder ganz schnell online stellen", erzählt Kim, der nach seiner Tour Tiermedizin studieren wird. Seine Reise begann er in Auckland im Norden von Neuseeland, danach ging es südlich Richtung Taupo. Zeit für einen Abstecher nach Samoa blieb auch noch. Diesen Weg hat Kim, der mit seiner Freundin reist, im Blog nachgezeichnet, Eindrücke aufgeschrieben oder besondere Erlebnisse geschildert: wie zum Beispiel einen Fallschirmsprung ganz zu Anfang seiner Reise. Massenmails spart er sich lieber.

Wie Kim setzen viele Studenten im Ausland auf den Blog als Schnittstelle mit der Heimat. Bei der Blogsuchmaschine technorati.com finden sich Zehntausende Treffer zum Thema "Auslandsaufenthalt" oder "Auslandsstudium". Brief und Postkarte sind schon lange Vergangenheit, und auch die Sammelmail an einen großen Verteiler ist nicht mehr so angesagt.

"Ich bin schon seit vier Monaten in New York und habe bislang noch keine einzige Postkarte in die Heimat geschickt", sagt Wolfgang Kerler, 22, Student aus Nürnberg, der gerade ein Praktikum bei den Vereinten Nationen macht. Dafür hat er umso mehr gebloggt: Seit er sein digitales Tagebuch führt, habe sich die Art und Weise, wie er mit Freunden und Familie in Kontakt bleibt, grundsätzlich geändert. "Ich muss gar nicht mehr erklären, was ich gemacht habe, weil das ja alle schon aus meinem Blog erfahren haben." Die Neugier in der Heimat sei darum gar nicht mehr so groß. "Im Gegenzug kann ich dann öfter mal nachfragen, was in Deutschland so los ist."

Aber ein Blog kann auch anstrengend sein. Der Erwartungsdruck sei hoch. "Wenn ich zwei oder drei Tage nicht gebloggt habe, fühle ich mich schon ein wenig schlecht", sagt Wolfgang schmunzelnd. Doch böse E-Mails von Freunden, die sich über Stillstand im Blog beschweren, habe er bislang noch nicht erhalten. Digitale Verschnaufpausen versucht er multimedial wieder wettzumachen. Videos von der Wahlnacht am Times Square und ein Foto mit Bill Clinton finden sich in dem Blog. So seien Freunde und Familie nah dran an seinem Leben, sagt Wolfgang.

Massenemails in die Heimat mag auch Julia Nagel aus Löhne nicht. Die 22-Jährige bloggt aus Chile über ihr einjähriges Auslandsstudium an der Universität Talca, eine Stadt, die drei Busstunden südlich von Santiago de Chile liegt. Der Blog sei ideal, um Freunde und Verwandte auf dem Laufenden zu halten, ohne gleich aufdringlich zu werden. Aber für die Geografie-Studentin von der TU Dresden hat ein Blog auch Grenzen: "Jeder kann den Blog lesen." Allzu Persönliches möchte sie über ihre Rundreisen in Südamerika und Alltagskuriositäten nicht schreiben. Sie blogge nicht über alles, "vor allem nichts Privates". Schließlich müsse sie sich noch Gesprächsstoff für das Telefon aufheben.

Über Pierre-Christian Finks Leben an der Elite-Universität Yale informieren sich täglich rund 40 Leser. Der Austausch-Student von der Uni Tübingen berichtet nicht nur über seinen Alltag als VWL-Student, sondern auch über die beiden wichtigsten Gesprächsthemen auf dem Campus, die Finanzkrise und die US-Präsidentschaftswahl. Am Tag der Wahl bloggte er nonstop: Per Liveticker hat er die Heimat über den Verlauf der Wahl informiert.

Auch bei Pierre hat sich die Kommunikation mit der Heimat verändert. Dass er einen Blog schreiben will, hatte er sich noch in Deutschland überlegt, viele seiner Freunde machen das auch. In seinem Web-Tagebuch hat er viele Verknüpfungen zu bloggenden Freunden gesetzt.  Aber bei aller Begeisterung für sein digitales Tagebuch freut sich Pierre dennoch über Briefe und Postkarten. "Wenn ich ein Brief erhalte, signalisiert das Bedeutung, weil es inzwischen ungewöhnlich ist."