Wie ticken Professoren?

ZEIT Campus: Frau Steinsdorff, Sie sind Professorin. Was unterscheidet Sie von einer Lehrerin?

Silvia von Steinsdorff: Anders als eine Lehrerin sage ich niemandem, was genau er als Nächstes zu tun hat. Die Studenten sind schließlich freiwillig an der Uni, weil sie das Thema interessiert. Ich sehe mich als Spezialistin, die ihr Wissen mit ihnen teilt.

ZEIT Campus: Wie viele Studenten betreuen Sie?

von Steinsdorff: Kommt darauf an. Pro Semester habe ich vier bis fünf Veranstaltungen. Im Projekt-Seminar zur Ukraine-Krise waren es nur 18 Teilnehmer, in meiner Einführungsvorlesung "Politisches System der BRD" sitzen rund 300 Studenten.

ZEIT Campus: Die kennen Sie nicht alle mit Namen ...

von Steinsdorff: Nein, natürlich nicht. Aber zur Vorlesung gibt es begleitende Grundkurse. Einen dieser Kurse mit 20 bis 30 Studenten gebe ich selbst. Ich bitte darum, dass alle Namensschilder aufstellen. Und am Ende eines Semesters kenne ich die meisten.

ZEIT Campus: Wissen Sie, wie gut Ihre Studenten sind?

von Steinsdorff: Ja, in meinem Grundkurs schon. Da merke ich schnell, wer die Texte gelesen und sich Gedanken gemacht hat. Es gibt drei Gruppen: die Aktiven, die Stilleren, die aber bei der Sache sind – und ein paar, die so desinteressiert sind, dass ich mich frage: Warum sind sie hier?

ZEIT Campus: Welche Fragen nerven Sie?

von Steinsdorff: Fragen nerven mich eigentlich nie. Gerade wenn die Leute ganz am Anfang sind, bemühe ich mich um Geduld. Wenn jemand etwas nicht verstanden oder mal was überlesen hat, ist das kein Problem. Genervt bin ich, wenn Studenten kurz vor Ablauf einer Frist oder sogar danach kommen, um etwa das Thema der Hausarbeit zu besprechen, und dann ganz schnell eine Antwort wollen. Das geht nicht. Ich bin nicht nur für die Studenten da.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2017/18.

ZEIT Campus: Was machen Sie außerdem?

von Steinsdorff: Als Grundlage für die Lehre brauche ich meine Forschung. Dafür führe ich Interviews, analysiere Texte, schreibe Aufsätze und reise in der vorlesungsfreien Zeit. Außerdem bin ich Mitglied von wissenschaftlichen Beiräten, Kommissionen und Fachgesellschaften. Ich bespreche als Herausgeberin von Zeitschriften Manuskripte und gehe auf Konferenzen und Kongresse.

ZEIT Campus: Wann haben Sie Zeit für die Studenten?

von Steinsdorff: In jedem Fall in der wöchentlichen Sprechstunde und meistens auch vor und nach den Veranstaltungen. Außer mir kann man meine Mitarbeiter ansprechen, dazu gehören zum Beispiel die Doktoranden. Über das Sekretariat lässt sich eigentlich immer herausfinden, wann man mit jemanden reden kann. Ansonsten können Studenten natürlich per E-Mail bei mir anfragen.

ZEIT Campus: Wie sollte eine E-Mail an eine Professorin formuliert sein?

von Steinsdorff:  Jedenfalls nicht so: fehlende Anrede, fehlender Absendername und eine völlig abstruse E-Mail-Adresse. Dann landet die Mail im Spamfilter, oder ich muss rätseln, wer da eigentlich was von mir will. Das sehe ich nicht ein. Man sollte außerdem in ausformulierten Sätzen und ohne Abkürzungen schreiben. Am besten orientiert man sich einfach an einem Brief statt an einer Facebook-Konversation.