Nach dem Abi die perfekte Entscheidung für ein Studium zu treffen, ist nicht schwer. Es ist unmöglich, sagt ein Psychologe. Er verrät, was dabei hilft und was nicht.

Frage: Herr Hirschi, Sie sind Psychologe und Karriereforscher. Warum ist die Entscheidung für das richtige Studium so schwierig?

Andreas Hirschi: Weil es extrem viele Möglichkeiten gibt, die man als Schüler gar nicht richtig einschätzen kann. Außerdem fällt man derart große Entscheidungen im Leben nur ein paar Mal. Wir haben also kaum Erfahrungen, auf die wir zurückgreifen können.

Frage: Es ist also normal, dass man unsicher ist?

Hirschi: Richtig. Umso wichtiger ist es, sich Zeit für den Entscheidungsprozess zu nehmen und sich so detailliert wie möglich zu informieren, um zu einer zufriedenstellenden Lösung zu kommen.

Frage: Reicht zufriedenstellend aus? Sollte man nicht nach einer perfekten Lösung suchen?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2017/18.

Hirschi: Eine perfekte Entscheidung gibt es nicht, von diesem Gedanken sollte man sich verabschieden. Der hemmt einen nur. Die Forschung zeigt, dass Menschen mit einem perfektionistischen Anspruch an die Berufswahl mehr Entscheidungsprobleme haben und tendenziell unzufriedener mit ihrer Wahl sind. Trotzdem sollte man sich mit dem Entscheiden Mühe geben. Ich stelle immer wieder fest, dass viele Studienanfänger nur eine vage Vorstellung davon haben, was sie in ihrem Fach erwartet, und auch nicht viel dafür tun, das zu ändern.

Frage: Kann man sich mit einer falschen Studienwahl die Zukunft verbauen?

Hirschi: Diese Sorge beschäftigt viele. Aber eine Karriere entwickelt man sein Leben lang. Da stecken zahlreiche Entscheidungen dahinter, nicht nur die eine am Anfang. Das Studienfach legt einen gar nicht so sehr fest, wie viele glauben. Meist erwirbt man Fähigkeiten, die man in unterschiedlichen Bereichen anwenden kann, zum Beispiel im Team zusammenzuarbeiten oder Ergebnisse kritisch bewerten und präsentieren zu können.

Frage: Braucht man nach dem Abi einen Lebensplan?

Hirschi: Nein, ein Leben ist nicht planbar. Die Berufswelt verändert sich, auch der Zufall spielt immer mit. Zum Beispiel, wenn man während eines Praktikums einen neuen, spannenden Bereich kennenlernt. Oder wenn man sich auf eine Stelle bewirbt, vom Unternehmen dann aber eine andere angeboten bekommt. Hinzu kommt: Man selbst verändert sich, in dem Alter, in dem man studiert, sogar besonders stark. Man erweitert seinen Horizont, lernt sich und seine Wünsche besser kennen. Mit diesen Veränderungen können sich aber auch unsere Ziele ändern. Deswegen muss man offen bleiben und seinen Weg gegebenenfalls anpassen.

Frage: Dann ist es falsch, sich früh ein Berufsziel zu setzen?

Hirschi: Nein. Ziele sind ein großer Motivationsfaktor. Sie geben uns eine Richtung vor und helfen uns, entsprechende Erfahrungen zu sammeln. Es ist wichtig, sie zu haben, aber es ist auch in Ordnung, wenn sie sich mit wachsender Erfahrung ändern.

Frage: Und wenn man noch gar nicht weiß, wo man eigentlich hinwill?

Hirschi: Je weiter Sie im Studium vorankommen, desto mehr werden Sie feststellen, was Sie wirklich interessiert und wo Ihre Stärken liegen. Bauen Sie das aus. Wählen Sie Schwerpunkte, die Ihnen Spaß machen, schreiben Sie Hausarbeiten zu Themen, die Sie besonders interessieren. Reden Sie mit Kommilitonen in höheren Semestern, mit Professoren und ehemaligen Studenten, die bereits im Berufsleben stehen. So ergibt sich ein konkretes Bild, wie und wo Sie später arbeiten wollen. Und darauf steuern Sie dann zu.

Frage: Was tun, wenn man merkt, dass man in der falschen Richtung unterwegs ist?

Hirschi: Egal, ob als Student oder Berufstätiger – man muss sein Leben selber in die Hand nehmen, sonst tut das keiner. Man sollte nicht aufhören, zu prüfen, ob man seinen Zielen, seinen Vorstellungen von einem guten Leben, noch näher kommt. Dazu kann auch gehören, dass man seinen Job – oder sein Studium – wechselt, wenn man dabei unglücklich ist. Das ist nicht leicht. Aber manchmal ist ein klarer Schnitt besser als dauerhafte Unzufriedenheit. Und ein, zwei Jahre Studium sind verglichen mit den 40 Jahren, die man im Berufsleben stehen wird, keine Zeit.