Ehec und Infektionskrankheiten : "Die Mikroben haben das letzte Wort"

Wir leben in einer Welt voller Keime, sagt Deutschlands ehemaliger oberster Seuchenwächter, Jörg Hacker. Zu oft wiegen wir uns in einem falschen Gefühl der Sicherheit.
Mikroskopisch kleine Krankheitskeime wie das Ehec-Bakterium lauern überall. Hygiene kann sie im Zaum halten. © Manfred Rohde, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI)/Getty Images

Frage: Immer wieder sind wir mit neuen Infektionserregern konfrontiert. Man denke an den Atemwegskeim Sars , an die Vogel- und die Schweinegrippe – und jetzt Ehec .

Jörg Hacker: Wir leben nicht in einer keimfreien Welt. Mikroorganismen verändern sich, variieren ihr Genom, suchen sich neue Übertragungswege. Wir beobachten eine Zunahme der Zoonosen, der Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übergehen. Hinzu kommt die Globalisierung.

Jörg Hacker

Der Infektionsbiologe ist seit März 2010 Präsident der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Davor war er von 2008 bis 2010 als Chef des Robert Koch-Instituts Deutschlands oberster Seuchenwächter.

Frage: Unterschätzen wir die Gefahren aus der Natur?

Hacker: Wir wiegen uns in einem falschen Gefühl der Sicherheit, wenn wir auf Reisen sind. Man vergisst leicht, dass man in fremden Ländern mit Mikroben konfrontiert ist, gegen die man nicht so gut geschützt ist. Man sollte wichtige Hygieneregeln nicht außer Acht lassen und nicht vergessen, Impfungen aufzufrischen. Louis Pasteur, der Pionier der Infektionsforschung, hat gesagt: Die Mikroben haben das letzte Wort.

Frage: Kann der Ehec-Keim auch im Menschen entstanden sein?

Hacker: Darüber kann man nur spekulieren. Es hat einen genetischen Austausch zwischen Bakterien gegeben. Das kann auch im Rind geschehen sein.

Frage: Welchen Vorteil hat es für den Keim, einen Giftstoff wie das Shiga-Toxin zu bilden?

Hacker: Rindern kann das Gift nichts anhaben. Man nimmt an, dass die Bakterien es als Waffe gegen andere Mikroorganismen einsetzen, etwa Protozoen. Das sind Einzeller, die im Gegensatz zu Bakterien einen Zellkern besitzen. Anders als das Rind reagiert der Mensch empfindlich auf das Gift.

Frage: Vermutlich verbreitete sich der Keim über einen Bio-Gemüsehof. Ist "Bio" gefährlich?

Hacker: Lebensmittel müssen gut produziert und ihre Qualität kontrolliert werden, das gilt für "biologisch" ebenso wie konventionell erzeugte Produkte.

Erschienen im Tagesspiegel

Verlagsangebot

Lesen Sie weiter.

Noch mehr faszinierende Wissenschaftsthemen jetzt im digitalen ZEIT WISSEN-Abo.

Hier sichern

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Wieso im Rind und nicht im Schwein?

Der Keim ist kein EHEC, sondern laut der Genomentschlüsselung zu 93% ein EAEC mit einem Toxin des EHEC.
Rinder sind EHEC-Wirte, EAEC wachsen nicht in Rindern.
Schweine können EAEC verbreiten.
Niedersachsen hat die größte Schweinedichte Deutschlands.
Niedersachsen hat die größte Biogasdichte Deutschlands.
Schweinegülle ergibt pro Einheit mehr Methan als die Gülle anderer Tiere.
Die "EHEC"-Epidemie ging von Niedersachsen aus.

Ergänzung

http://vetline.de/facharc... "Demnach scheiden erkrankte Ferkel und Mastschweine in Deutschland häufig Stx2e-kodie-rende E.coli aus. Diese Isolate besitzen trotz ihrer großen Heterogenität in der Mehrzahl alle typischen Merkmale der Ödemkrankheit-f. coli (Stx2e, F18). Einer kleineren Anzahl an Stämmen fehlen aber bekannte schweinespezifische Adhäsi-ne, weshalb sie den von Menschen isolierten Stx2e-kodierenden Stämmen ähneln. Es kann gegenwärtig nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei diesen Stämmen um Zoonoseerreger handelt"

Interesse für blinde Flecke

Achtung, Herr Münzhardt, bisher waren meine Mutmaßungen reine Spekulation aufgrund einiger auffälliger Koinzidentien, getriggert allein durch die Tatsache, dass mir die öffentlichen Erklärungen und Schuldzuweisungen einerseits auffällig schnell, andererseits mit vielen blinden Flecken behaftet erschienen.

Nehmen Sie meine Mutmaßungen bitte nicht vorschnell 1:1 als Beweis für die Schädlichkeit der Massentierhaltung!
Meine postings waren eher als Hinweise auf blinde Flecken gedacht.

Es kursieren auch andere Spekulationen mit Hinweis auf Koinzidentien: Bienenbüttel und Munster sind ganze 40 km voneinander entfernt:
http://www.bund.de/DE/Beh...

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass allein die jetzt vermehrt angewandten Hygienemaßnahmen der Bevölkerung sowie der Verzicht auf frisches Gemüse den Rückgang der Erkrankungen bewirkt hat.

Nach der Aufhebung der Warnung für Gemüse befinden wir uns im Moment im Re-Expositionsversuch.
Man darf also auf die weitere Entwicklung gespannt sein.

Probleme in einer neuen Phase massiv

@johanna redlich

Mir ging es ganz genau so.
Diese gezielte Einseitigkeit der Suche ist mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Zufall.

Wenn man die schrecklichen Bilder aus der Massentierhaltung sieht
und sich näher damit befasst, ist es nur logisch und begründet,
hier die Ursache zu suchen.

Den Übertragungsweg zu ermitteln, ist nur die halbe Arbeit.

Aber die Übertragungswege werden künftig mit Sicherheit
vielfältiger und breiter, da gigantische Konzentrationen geplant sind,
es ist alles nur eine Frage der Zeit, bis die Probleme in einer neuen
Phase massiv werden.

Und Nierenschäden für immer mehr Menschen sollten mit ein Grund sein,
diesen Irrsinn zu beenden.

VG

Ergänzung durch Artikel im Ärzteblatt ......

".....Wo ist unklar, doch der breite Einsatz von Antibiotika in der Viehmast könnte eine Erklärung sein. Iatrogene Einflüsse dürften ebenfalls nicht auszuschließen sein. Denn eine weitere Besonderheit des Erregers ist der Besitz verschiedener Antibiotika-Resistenz-Gene.Darunter sind Resistenzen gegen Aminoglykoside, Makrolide und Betalaktam-Antibiotika. Das spielt für die Therapie derzeit eine untergeordnete Rolle. Antibiotika werden vermieden, um eine Schädigung durch die Freisetzung von Toxinen aus abgetöteten Bakterien zu vermeiden, die für die Komplikationen verantworlich sind.Geradezu mysteriös ist eine Resistenz gegen Tellurdioxid (TeO2). Tellur ist ein seltenes chemisches Element. TeO2 wurde vor der Entwicklung der Antibiotika zeitweise gegen Lepra und Tuberkulose eingesetzt. Heute wird es in elektronischen Bauteilen verwendet. Laut einem Newsbericht in Nature könnte das Reservoir des Erregers im Erdreich oder im Wasser zu suchen sein.
Eine weitere Eigenschaft des neuen Erregers ist das Fehlen des eae-Gens. Es kodiert das Protein Intimin, mit dem Coli-Bakterien sich an den Darmzellan anheften. Eae-negative E. coli infizieren bevorzugt Erwachsene. Diese Eigenschaft von HUSEC041 könnte erklären, warum in der gegenwärtigen Epidemie Kinder ausgespart blieben. " [www.aerzteblatt.de]

Wir würden Sie bitten, zu der Diskussion eigene Meinungsäußerungen beizutragen oder angeführte Zitate zu kommentieren. Danke. Die Redaktion/vn

Späte Erkenntnis?

Herr Hacker zur Frage: Kann der Ehec-Keim auch im Menschen entstanden sein?

„Das kann auch im Rind geschehen sein“

Bleibt die Frage, warum dann nur im Gemüse gesucht wurde.
Aber vielleicht ändert sich jetzt etwas an der Strategie!

Sie können aber selbst etwas ändern!

Machen Sie sich selbst ein Bild zu einer Brutstätte für Erreger, wie EHEC
http://www.youtube.com/wa...

Hier können Sie Ihre Gesundheit und die Ihrer Kinder, Enkel schützen
https://epetitionen.bunde...

sowie hier unter Beteiligung von inzwischen 500 deutsche Professoren
www.gegen-massentierhaltu...

Ist "Bio" gefährlich?

Natürlich ist Biologie immer gefährlich.

Wenn das Gesundheitsamt Proben aus der Sichtauslage beim Konditor nimmt, werden fast immer auch Fäkalkeime gefunden. Das sind Escherichia Coli-Bakterien. Mal sind es mehr mal sind es weniger. Das Pech bei diesen war jetzt nur, dass sie so enorm gut im Darm haften blieben und unverträglich viel Gift bildeten.

Das ungleich größere Problem mit jährlich rund 40.000 Toten in Deutschland sind jedoch multiresistente Staphylokokken-Keime, mit denen in Deutschland jährlich etwa 500.000 Patienten in Krankenhäusern infiziert werden. Durch die Multiresistenz sind die Infektionen enorm schwer zu behandeln, die Wunden eitern lange, heilen nicht zu, oft kommt es zu Amputationen und wie gesagt 40.000 Menschen sterben jährlich.

Wer sich um unnötig Erkrankte und Tote Sorgen machen möchte, könnte sich bei den MRSA-Keimen lange aufhalten. Wenn unsere Krankenhäuser mehr auf Hygiene geben würden, könnten tausende Menschen jährlich vor dem Tode gerettet werden, und noch viel mehr Menschen könnten vor langwierigen und teuren Erkrankungen gerettet werden.

Bei wirkungsloser werdenden Antibiotika und vernachlässigter Hygiene - besonders in Krankenhäusern - wird Biologie auch wieder gefährlicher. Das ist leider so.