Vatikan-BankGeheimdossier setzt Vatikan unter Druck

Der Vatikan muss weitere Ermittlungen der Justiz fürchten. Denn in einem umfassenden Dossier hat der gefeuerte Chef der Vatikan-Bank seinem Frust Luft gemacht. von Paul Kreiner

Der frühere Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi

Der frühere Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi  |  © Tiziana Fabi/AFP/GettyImages

Keine Schnüffeleien! Mit einer ebenso knappen wie entschiedenen Erklärung will der Vatikan verhindern, dass italienische Staatsanwälte vertieft gegen die päpstliche Hausbank, das "Institut für Religiöse Werke" (IOR), ermitteln. Man sei ein souveräner Staat, dessen international garantierte Rechte eingehalten werden müssten, stellt der Vatikan fest.

Die Angst des Vatikans kommt nicht von ungefähr. Denn den italienischen Ermittlern hat sich eine einzigartige Informationsquelle aufgetan: Bei der Durchsuchung von Haus und Büro des gefeuerten IOR-Chefs Ettore Gotti Tedeschi sind den Staatsanwälten 47 Ordner mit Material in die Hände gefallen, unter anderem ein etwa 200-seitiges Dossier, in dem der frustrierte Banker sein Wissen aus dem Inneren der Vatikanbank zusammenfasst. Mit diesem Papier wollte Gotti Tedeschi sich gegen seine Entlassung vor drei Wochen wehren; es sollte an den Papst und – "für den Fall, dass mir etwas zustößt" – an einen Journalisten gehen. Der aus externen Bankfachleuten bestehende Aufsichtsrat des IOR hatte Gotti Tedeschi am 24. Mai wegen unzureichender Erfüllung seiner Amtsgeschäfte das Misstrauen ausgesprochen. Der übergeordnete Kardinalsrat hatte ihm daraufhin seine Entlassung mitgeteilt.

Anzeige

Die Staatsanwaltschaft Rom hofft nun, dank Gotti Tedeschis Aufzeichnungen einige Schwarzgeldaffären klären zu können. Im Zug der Ermittlungen hat sie bereits einmal 23 Millionen Euro des IOR beschlagnahmt: Herkunft und Zweck dieser Gelder seien nach den internationalen Regeln gegen Geldwäsche nicht hinreichend belegt, hieß es damals im September 2010.

Mit Ermittlern kooperiert

Um größeren Imageschaden abzuwenden, eilte deshalb der damalige IOR-Präsident Gotti Tedeschi seinerzeit zur römischen Staatsanwaltschaft; er wollte Transparenz schaffen und eventuell auch über geheimnisumwitterte anonyme Konten beim IOR reden. Genützt hat es nicht viel: Die Millionen blieben zehn Monate gesperrt; Italien gab sie erst frei, als der Vatikan sich selbst ein strenges Gesetz gegen Geldwäsche auferlegt hatte.

Gotti Tedeschi aber begann damals in Ungnade zu fallen. Die Chefpolitiker im Vatikanstaat nahmen es ihm übel, dass er so freimütig mit den Ermittlern eines anderen Staates zusammengearbeitet hatte. Der Vatikan konnte damals aber auch nicht so tun, als sei nichts. Und so feuerte er Angelo Balducci, der den honorigen Titel eines "Ehrenmanns Seiner Heiligkeit" trug. Balducci, oberster Berater des Vatikans in Immobilien- und Anlagefragen sowie gleichzeitig Chef der italienischen Behörde für alle staatlichen Aufträge, hatte mit römischen Bauunternehmern gekungelt und – den Ermittlungen nach – etliche Millionen vor den italienischen Steuerfahndern beim vatikanischen IOR versteckt.

Leserkommentare
  1. was da endlich so alles an's Licht der Wahrheit tritt, was so lange fein säuberlich "unter Verschlussakte" unterm Teppich gekehrt blieb.

    Wie sagte Jesus doch bereits so schön:
    Die Wahrheit wird euch frei machen.

    Und da es die "die Hure Babylon" ja nun nicht gerade mit Jesus hält, ist es auch an der Zeit, dass der Heilige Geist, der weht wo er will,
    endlich Mal ein paar kräftige Windstöße durch den Vatikan jagt, damit das unterste nach oben gekehrt wird und die Vertuschungen endlich auffliegen.

    Unser Dank dafür sollte Männern wie Ettore Gotti Tedeschi gelten!

    10 Leserempfehlungen
    • Moika
    • 12. Juni 2012 10:34 Uhr

    Das Institut IOR ist seit Jahrzehnten ein Hort übelster Korruption. Bischof Marcinkus, seit 1971 fast 20 Jahre Chef der Bank, hatte u.A. mit einem anderen Banker namens Calvi, der angeblich in London Selbstmord begangen haben soll - ebenso wie seine Sekretärin, die am Tage darauf "freiwillig" aus dem Fenster der Mailänder Bank gesprungen ist, dutzende Scheinfirmen (Banken) gegründet, in denen Drogengelder gewaschen und betrügerische Wertpapiergeschäfte durchgeführt wurden usw.

    Der Vatikan mußte aus diesen Gründen schon einmal bereits knapp 250 Millionen Dollar an Entschädigungen bezahlen.

    Gelernt haben die scheinbar aus alledem nichts. Geld scheint dem Vatikan nicht zu stinken, egal, aus welcher Ecke es kommt. Ich kann nur hoffen, daß die Behörden noch einmal richtig in der Bank aufräumen werden.

    All das ist auch Ratzinger längst bekannt. Hat er versucht, die Dinge positiv zu verändern? Mitnichten. Wenn ich dann seine moralischen Ansprüche an den Rest der Welt anhören muß und sehe, wird mir vor soviel Zynismus nur noch schlecht.

    15 Leserempfehlungen
  2. und worauf die Welt wohl noch lange warten kann, ist eine wirkliche Reform der katholischen Kirche. In Zeiten, in denen das Vertrauen der Menschen in den Glauben immer mehr schwindet, zugunsten irgendwelcher weltlichen Macht- oder Gewinnabsichten ist das was da so lakonisch als Imageschaden bezeichnet wird eine einzige Katastrophe. Die katholische Kirche missbraucht ihre Schäfchen. Und zwar nicht nur in dem Sinne, wie das in Irland oder auf irgendwelchen elitären Internaten geschehen ist, sondern auch als menschliche Schutzschilde für ihre schmutzigen Bankgeschäfte. Mir tun die Menschen leid, die darauf angewiesen sind, an den Papst als Vertreter des Herrn auf der Erde zu glauben.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Moika
    • 12. Juni 2012 12:17 Uhr

    Genau das wollte Johannes Paul I., besser bekannt als der 30 Tage Papst, 1978 ja bewirken. Er wollte die Ziele des letzten Konzils umsetzen - und vor allem Bischof Marcinkus als Chef des IOR seiner vielen dubiosen Geschäfte und Verbindungen wegen, feuern.

    Ich will mich hier nicht an Verschwörungstheorien beteiligen. Aber bekannt war, daß Marcinkus kurz vor dem Rausschmiß stand. Und nicht nur für ihn stand zu viel auf dem Spiel. Da wurden mit gefälschten Bonds über fast eine Milliarde Dollar "Sicherheiten" für weitere dubiose Geschäfte hinterlegt - ein Rattenschwanz an Kriminalität.

    Roberto Calvi, Chef der Banco Ambrosiano, der mit Marcinkus eng zusammenarbeitete, mußte sterben, weil er kalte Füße bekam und auspacken wollte. Man kam ihm wohl zuvor, denn den grotesken "Selbstmord" in London mit Ziegelsteinen in der Anzugjacke, hat niemand geglaubt.

    Sie müssen einmal nachlesen, welche verbindungen da bestanden: Mafia, CIA, die Loge P2 usw. usw.

    Das gesamte Konglomerat war nichts anderes als eine einzige kriminelle Vereinigung. Lesen Sie mal, das ist sehr spannend und es gibt eine Menge seriöser Literatur dazu.

  3. Das sind die Herren, die millionen Menschen Anstand, Gottvertrauen und anderes predigen.

    Ich finde das alles einfach nur widerlich.

    Nicht Religionen sind das Übel, sondern deren "Stadthalter" und diejenigen die Religionen nur im eigenen Interesse auslegen. Das ist allerdings nicht erst seit gestern so und gilt für alle Religionen.

    Ich sag nur mit Jesu Wort: Wasser predigen und Wein trinken.

    Und über allem schwebt der Papst und weiß von nichts. Nein, ist klar.

    3 Leserempfehlungen
  4. 5. Zitat:

    .
    "...
    Man sei ein souveräner Staat, dessen international garantierte Rechte eingehalten werden müssten, stellt der Vatikan fest.
    ..."

    Für den Umgang mit Schurkenstaaten hat die freie Welt doch eine ganze Reihe durchaus wirksamer diplomatischer Foltermethoden, bis hin zu Kontoerfrierungen und Reiseverbote, nicht wahr?

    7 Leserempfehlungen
    • angste
    • 12. Juni 2012 10:55 Uhr

    Markus 11,17

    Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um 16 und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug. 17 Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.

    8 Leserempfehlungen
  5. vom Vatikan verursacht? Kann das sein?
    In einem Land das von Mafia und Vetternwirtschaft, Korruption und usw. durchsetzt ist, wird es auf der "Insel Vatikan" zumindest Infektionserscheinungen geben.
    Nach dem Motto: Sag mir wo du lebst, und ich sag dir wie du bist.

  6. In regelmaessigen Abstaenden liefert uns der Vatikan einen Skandal nach dem andern. Erst vor kurzem ist bekannt geworden, dass Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, auch und vor allem in den Raeumlichkeiten des Vatikans selbst, zu einer Dogma geworden ist, paepstliche Paedophilie also. Jetzt soll der vatikanische Angriff auch noch die Taschen derer, die irgendwie mit dieser Bank geschaeftlich verkehrten, gilten.
    Der Vatikan, ein souveraener Staat mit Beobachterstatus in den Vereinten-Nationen beruft sich auf die Rechte, die ihm ein solcher Status verleiht und will daher den Ermittlern Italiens daran hindern ihrer Pflicht, Licht in den dubiosen Geschaeften der Vatikan-Bank zu bringen, nachzugehen. An sich ein weiterer Skandal.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn Sie nun von 'vatikanischem Missbrauch' schreiben würden, wollte ich ja nichts sagen. Nicht, daß es da einen bekannten Fall gäbe, aber immerhin, es ist denkbar.

    Aber "paepstliche Paedophilie" ? Das ist ein vollkommen unhaltbarer Vorwurf.

    Sagt Ihnen der Name Groehr, Kardinal Groehr aus Oesterreich, etwas?
    Nur ein Kardinal kann auch Papst werden, so will es die Hierarchie des Vatikans.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Vatikan | Entlassung | Ermittlung | Geldwäsche | Schmuggel | Brief
Service