Kontrolle, darum geht es. Bloß nicht eines von diesen Scheißspielen. Wenn die Spieler voreinander stehen, schnaubend, die Nasen aneinander, die Brust wie von einem Ballon aufgebläht, gockelnd, fluchend, dann muss sie da sein. Ihr Spiel, ihre Regeln. Heute erst recht.

Dreißig Minuten vor dem großen Match sitzt Sabrina Frischmuth, 23, in einer grauen Kabine irgendwo in Wilmersdorf und versucht, wieder Ordnung in ihr Leben zu bringen. Was für ein verdammter Tag! Sie kramt in ihrer Tasche: Gelbe Karte, Rote Karte, Spielberichtsbogen, Banane, Taschentücher – alles da. Immerhin. Sie schiebt ihren rechten Fuß in einen schwarzen Fußballschuh, Adidas, Größe 36. Quietschen auf dem Linoleumboden. "Ich darf jetzt einfach nicht mehr daran denken", sagt die kleine blonde Frau. "Jetzt zählt nur noch das Spiel."

Heute Morgen saß Sabrina noch in einer Kapelle in Marienfelde. Ein Freund der Familie ist gestorben. Alle waren da: Mama, Papa, Oma, Opa. Sabrina hatte der Predigt zugehört, sich hilflos und ohnmächtig gefühlt, das Spiel schien in diesem Moment unendlich weit weg.

Aber nun, ein paar Stunden später, ist sie hier, in einem Raum, der aussieht wie aus dem Film Das Leben der anderen, und redet über Kontrolle. Sabrina ist Schiedsrichterin. Sie wird heute dafür sorgen, dass sich 22 Männer in der Bezirksligabegegnung zwischen Eintracht Pankow und BSV 92 nicht an die Gurgel gehen. Es geht um ihre Karriere.

Der Kunstrasenplatz vom BSV 92 liegt im Flutlicht, drumherum ein hoher Zaun. Wären da nicht die Strafraumlinien und die Tore, es könnte sich auch um einen riesigen Hundezwinger handeln. Es ist ein saukalter Mittwochabend. Um das Spielfeld herum stehen nur ein paar Verrückte – frierende Vereinsveteranen und Ersatzspieler, die sich für die Mannschaft eine Lungenentzündung holen würden. Aus ihren Hälsen qualmt es wie aus kleinen Schornsteinen.

Präzision, Autorität und Ausstrahlung

Eigentlich ist es wie in der Champions League. Nur ohne Hymne. Die Spieler traben aufs Feld: zwei Reihen, ernste Blicke, Sabrina vorneweg, dann die Kapitäne. Aufstellung einnehmen, winken, Platzwahl. Sabrina hat sich am Mittelkreis aufgestellt. Kurz bevor sie die Lippen um die Pfeife schließt, kurz bevor es losgeht, schaut sie Richtung Zuschauer. Irgendwo hier muss er sein, der Beobachter vom Verband. Es gibt pro Saison knapp drei solcher Beobachtungsspiele. In ihnen entscheidet sich, was aus der Schiedsrichterkarriere von Sabrina wird. Sie ist ehrgeizig, will es schaffen. Anpfiff! Der Ball fliegt durch die Luft.

Wer sich unter Fußballern umhört, wie der perfekte Schiedsrichter sein muss, hört Worte wie "Präsenz", "Autorität" und "Ausstrahlung". Man muss dann immer an einen Typen wie Clint Eastwood denken: einen Sheriff mit Trillerpfeife, einen Mann wie das Gesetz. Aber ganz sicher denkt man nicht an eine wie Sabrina. Ziemlich zierlich, ziemlich hübsch und ziemlich blond. Eine, die auf den Bolzplätzen zwischen Hennigsdorf und Köpenick viele Namen hat: Püppi, Blondie, Kleine oder Süße. Sabrina sagt: "Im Prinzip stören mich die Namen gar nicht so sehr, solange ich ernst genommen werde."

Knapp 1.100 Schiedsrichter gibt es im Berliner Fußballverband, 50 davon sind Frauen. Aber kaum eine darf höher pfeifen als sie. Sie stand schon in der 2. Frauenbundesliga an der Linie, ist im Schiedsrichterleistungskader des DFB. Seit sie 18 Jahre alt ist, tanzen ihre Wochenenden jetzt schon nach der Pfeife. Alles unter Kontrolle. Jeden Sonntag.

Sprüche gehören dazu

"Det war 'n Foul", brüllt Jens Rehmisch. Der Torwarttrainer vom BSV 92, 48 Jahre, springt an der Seitenlinie auf und ab. Mit seinem blonden Vokuhila sieht Rehmisch aus wie ein riesiger Andy Brehme. Aber so, als hätte Brehme nach dem WM-Finale 1990 etwas zugelegt. Rehmischs Trainingsanzug spannt. Frauen als Schiedsrichter? "Früher hätt ick jesacht, jeht jar nich. Aber wat willste machen? Is ja immerhin ne janz Ansehnliche", sagt er.

Rehmisch ist ein gutmütiger Typ, er meint das nicht böse. Aber wer ihn reden hört, der bekommt einen Eindruck, wie breitbeinig der Amateurfußball immer noch durch die Gegend stakst. Vor dem Spiel standen Rehmisch und Sabrina kurz zusammen. Als Rehmisch hörte, dass sie in kurzer Hose auflaufen würde, schlug er ihr vor, vielleicht lieber einen Minirock anzuziehen, davon hätten alle was. Sabrina grinste nur. Sie trägt dieses Grinsen wie ein Trikot. Es soll sagen: Ich gehöre dazu. Ich kann was vertragen.