Stadion MaracanãDie Arena des brasilianischen Schicksals

Das Maracanã ist ein Ort brasilianischer Gemeinschaft und Fußballgeschichte. Nach dem Umbau für die WM erkennt das Volk seine Stätte nicht wieder. von Philipp Lichterbeck

Das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro, Brasilien

Das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro, Brasilien  |  © Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Als Francisco Moraes das neue Maracanã betritt, ist er nervös. Er hat das Stadion seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Es war im September 2010 geschlossen worden, um es für die Fußball-WM 2014 umzubauen. Für Moraes war die Zeit wie ein Entzug. Der 73-Jährige hat einen Großteil seines Lebens in dem Rund verbracht. Vielleicht sogar seine wichtigsten Momente erlebt. Hier hat er gesehen, wie Pelé lacht, er hat Garrinchas krumme Beine bestaunt, Zicos wuchtigen Schuss bewundert und Ronaldinhos Haken verfolgt. Moraes ist ein Verrückter, ein Fußballzeitzeuge.

Auch deshalb hat man ihn eingeladen, sich das reformierte Stadion vorab anzuschauen. Moraes glaubt, er sei vorbereitet, aber er rechnet nicht mit dem, was er sehen wird.

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Im Jahr 1960 setzte Moraes erstmals den Fuß ins Maracanã und war sofort von der Weite des Stadions fasziniert. "Ich fühlte mich erhaben", sagt er. Gleichzeitig erwachte seine Liebe zu Flamengo, Rios größtem Fußballklub, der im Maracanã seine Heimspiele austrägt. Sie wurde zur Obsession. Moraes hat in den letzten 50 Jahren jedes Spiel von Flamengo besucht, Pflichtspiele wie Freundschaftsspiele. Ab 1968 war er dann auch bei so gut wie jedem Match der brasilianischen Nationalmannschaft.

So muss Moraes allein im Maracanã mehr als 2.000 Spiele gesehen haben, er hat aufgehört, sie zu zählen. Aber zu vielen hat er eine Anekdote parat: Etwa wie das Stadion 1969 bei einem Match gegen Paraguay trotz seiner Größe aus allen Nähten platzte und "wir zu viert auf einem Betonsitz balancierten". Oder wie die Flamengo-Fans in der Halbzeitpause die Kurve wechselten, weil sie hinter dem Tor des Gegners die Treffer ihres Teams erwarten wollten.

"Das Maracanã ist mein Zuhause", sagt Moraes, und es gibt nicht viele, die das mit gleichem Recht behaupten können. So ist er also der Einladung der Verantwortlichen zur Vorbesichtigung gefolgt. Moraes weiß, dass man das Stadion vollkommen entkernt und neu aufgebaut hat. Doch mit dem, was er nun erblickt, rechnet er nicht.

"Wir traten in den Innenraum ...", erzählt er über den Moment des Wiedersehens. Seine Stimme stockt. "Ich musste weinen", sagt er dann, "meine Knie zitterten und ich wandte mich ab. Ich ertrug den Anblick nicht. Was hatten sie mit unserem Maracanã gemacht?"

Moraes schaute in ein geschrumpftes Stadion mit bunten Sitzen, Luxuslogen und einer riesigen Medientribüne. Nichts erinnerte mehr an das majestätische Rund, das er kannte. "Sie haben es in eine Arena wie jede andere verwandelt", sagt er, "ohne Geschichte, ohne Charakter. Früher war das Maracanã für die Fans da, heute ist es für Fußballkonsumenten."

Ein paar Wochen später scheint Moraes über den Schock hinweg zu sein. "Man gewöhnt sich an alles", sagt er. Das Treffen mit ihm findet an einem sonnigen Morgen an Rios Lagune statt. Moraes joggt hier jeden Tag, das hält ihn fit. Er ist klein, drahtig und hat ein freches Lachen. Und natürlich trägt er das rot-schwarze Trikot Flamengos. "Der eine verliert seine Frau", sagt er an diesem Tag, "der andere sein Zuhause. Also arrangiert man sich."

Auf seiner Homepage hat Moraes trotzdem einen Text über die "Elitisierung des Fußballs" verfasst: "Wer erinnert sich nicht an die Stehplätze für 50 Centavos? Wer denkt nicht zurück an die Bettler vor den Eingängen, die immer genug bekamen, um dabei zu sein? Jetzt haben wir verloren." Die Tickets im neuen Maracanã würden durchschnittlich 80 Reais kosten. Das Geld, knapp 30 Euro, werde er lieber sparen, sagt er. "Fußball ist Luxus geworden. Das Volk ist beschissen worden."

Man hört diese Klage zurzeit oft in Rio. Die Stadt werde für die Profitinteressen einiger weniger zugerichtet. Die Bevölkerung werde nicht in Entscheidungen eingebunden, sondern mit intransparenten Beschlüssen konfrontiert, für deren Folgen sie zu zahlen habe. Stellvertretend für diesen autoritären Regierungsstil steht das Maracanã. Es ist ein Symbol, dem man die Bedeutung geraubt hat.

Wie kann man das Nichtbrasilianern erklären?

19. November 1969: Im Maracanã erzielt Pelé das 1000. Tor seiner Karriere.

19. November 1969: Im Maracanã erzielt Pelé das 1000. Tor seiner Karriere.  |  © Hulton Archive/Getty Images

Leserkommentare
    • CorinK
    • 13. Juni 2013 14:45 Uhr

    der den Umbau eines Stadions von mehreren Seiten beleuchtet. Wobei ich mir nicht sicher bin ob Martin Curi oder Júnior aus überzeugung oder eher mit Hintergrund Ihrer Arbeitgeber sprechen.

    Eines muss ich jedoch anmerken:
    "Die anfänglich veranschlagten Kosten von 600 Millionen Reais verdoppelten sich auf 1,2 Billionen Reais"? Das sollte wohl 1,2 Milliarden Reais heißen, vermutlich ein Übersetzungsfehler.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...für den Hinweis. Mit Ihrer Vermutung liegen Sie vollkommen richtig, es sind 1,2 Milliarden Reais. Wir haben die betreffende Stelle korrigiert.

    • F.F.
    • 13. Juni 2013 16:35 Uhr

    Ich krieg immer häufiger das Kotzen (pardon) wenn der Name Fifa fällt...

    "Weil die Fifa für Stadien mit einer Kapazität von 60.000 Zuschauern 10.000 Parkplätze verlangt, sollen auch alle auf dem Stadiongelände befindlichen Bauten weichen: ein Athletik- und ein Schwimmstadion, die Escola Arthur Friedenreich, eine der zehn besten öffentlichen Schulen des Landes, und das historische Museum des Indianers, das allerdings – nach heftigen Protesten – nun doch erhalten bleiben soll. Es wird ein "Olympiamuseum" beherbergen."

    3 Leserempfehlungen
  1. ist anscheindend in Brasilien genauso absurd wie hierzulande.
    Investoren bekommen langfristige Verträge mit deftigen Renditen ohne jedes Risiko, denn als Vertragspartner haftet ja das Volk gesamtschuldnerisch. Eine praktische Sache, bei der nur wenige ordentlich Profit machen. Das sind dann die selbsternannten Leistungsträger der Gesellschaft, die sich dann auch noch beklagen, dass sie für die geschenkten Profite Steuern zahlen sollen.
    Herr lass Hirn regnen, sonst sind auch bei uns bald nicht nur Post, Bahn, Flughäfen, Schulen, Kitas und Schwimmbäder privatisiert, sondern auch noch die Wasserwerke.

    2 Leserempfehlungen
  2. Bei allem Verständnis für persönliche Leidenschaften, aber der ganze Bohai der immer über Fußball gemacht wird geht total an mir vorbei. Brasilien hat wahrlich andere Probleme. Und bzgl. des Eintrittspreises kann man den Herren ja fragen ob er auch gerne das niedrige Einkommen von damals zurück haben will, denn die Einkommen haben nirgendwo solch einen Satz nach Oben gemacht in Lateinamerika wie das in Brasilien geschehen ist. Kommentaren zum demokratischen Charakter eines Stadions mit schlechten Sichtverhältnissen enthalte ich mich am besten. Ich kann da nichts außer Nostalgie und Überhöhung eines Freizeitsports erkennen. Wo ich allerdings zustimme ist dass es unschön ist was daraus Kommerz gemacht wird. Nur die Fans verstehen nicht dass sie es sind, die das verursachen. Weil für ein Fantrikot aus Kunstfaser ohne mit der Wimper zu zucken 90 Euro in Fanshops gezahlt werden, weil "Geld keine Rolle spielt" wenn es um irgendwelche Eintrittskarten zu irgendwelchen Turnieren geht, sich z.B. die Ruhrpottfamilie das Geld vom Munde abspart um die Dauerkarten für den jeweiligen Lieblingsverein zu bezahlen...wenn die Leute sich vom Kommerzspektakel schlicht abwenden und wieder auf dem Bolzplatz um die Ecke richtigen Sport des Spaßes Willen betreiben würden dann gäbe es das alles nicht. Dazu passt auch dass man selbst fleißigen Topmanagern ihr hohes Einkommen mißgönnt, den Fußballmillionären am Mannschaftsbus aber bei jeder Gelegenheit im Pulk zujubelt. Ich verstehs wie gesagt nicht.

  3. ...für den Hinweis. Mit Ihrer Vermutung liegen Sie vollkommen richtig, es sind 1,2 Milliarden Reais. Wir haben die betreffende Stelle korrigiert.

    Antwort auf "Schöner Artikel, "
  4. und frage (alter Schlager) Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt?

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  • Schlagworte Brasilien | Stadion | Uruguay
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